Wetterau

Nach der Krise schneller zurück

Heimkinder sollen wieder bei Eltern leben. Kreis erarbeitet Konzept mit Universität.

Zurzeit leben rund 550 Kinder und Jugendliche im Wetteraukreis in Heimen oder bei Pflegeeltern. Der Kreis will nun die Rückführung in die Ursprungsfamilie als Option stärker nutzen. Hierzu wird mit der Universität Siegen ein Handlungskonzept entwickelt, das aus mehreren Phasen besteht. Die Forschungsgruppe Heimerziehung an der Universität moderiert den Prozess in der Wetterau.

Schon früh nach der Herausnahme von Kindern aus einer Familie soll an der Rückkehr gearbeitet werden, lautet die Leitlinie. Hierzu müssten zeitig alle Beteiligten eingebunden werden, angefangen von den leiblichen Eltern, den Sozialarbeitern bis hin zu den Heimen und Pflegefamilien, heißt es von Andrea Dittmann, die die Forschungsgruppe als wissenschaftliche Mitarbeiterin leitet.

Zunächst gelte es jedoch, eine Gefährdungsabschätzung und die Bereitschaft der Beteiligten zu prüfen, wieder eine Familie zu bilden. In einem weiteren Schritt stünden Betrachtungen zur Erziehungsfähigkeit und zum Barrierenabbau an, so Dittmann. Letzteres kann die finanzielle Situation oder der gesundheitliche Zustand der Eltern sein, der oft von Drogenkonsum und immer mehr von psychischen Erkrankungen bestimmt werde.

Aber auch schlicht in der Erziehung überforderte Eltern können der Grund sein, dass die Familiensituation eskaliert. Eltern in der Erziehungskompetenz und Verantwortung zu stärken, etwa in einer Familienschule, wird als Voraussetzung genannt, bevor das Umfeld, etwa die Schule, auf die Rückkehr des Kindes vorbereitet wird. Ambulante Hilfen sollen danach die Familiensituation im Lot halten.

„Das Konzept verlangt eine neue Herangehensweise“, sagt Kolja Riemenschneider, Leiter des Fachdienstes Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) beim Wetteraukreis. Die in vielen Fällen nach der Heimaufnahme verhängte dreimonatige Kontaktsperre gegen die Eltern sei damit nicht mehr haltbar. Sie sei ohnehin kritisch zu betrachten, sagt Riemenschneider. Lediglich bei Eltern, die an ihren Kindern Verbrechen begangen haben, soll eine Kontaktsperre als Mittel genutzt werden, um sie zu schützen.

In allen anderen Fällen soll der Eltern-Kind-Bezug möglichst nicht abreißen, so dass erst keine Entfremdung eintritt. Eltern und Kinder benötigten manchmal einfach auch einen „neuen Raum“, in dem der Umgang miteinander wieder erlernt werden kann, so Riemenschneider. Ein solcher Raum könnte das Heim sein, in dem die Eltern ebenfalls übernachten. Die betroffenen Kinder seien zumeist zehn bis 14 Jahre alt und stammten oft aus einer Familie mit nur einem Elternteil.

Anhand des Modells der Forschungsgruppe werde nun ein Verfahren für die Wetterau entwickelt. Hierbei würden die freien Träger der Heime wie die Innere Mission oder das Haus Waldfrieden einbezogen. Auf die Einrichtungen komme ein möglicher höherer Aufwand zu, sagt Riemenschneider. Der Kreis werde die Mehrkosten übernehmen. Sollten es die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern zulassen, würden diese hinzugezogen, heißt es.

Bei einer Fachinformation wurde Riemenschneider auf das vermutlich bundesweit einmalige Modell aufmerksam. Das Projekt habe durch seine Erfahrung überzeugen können und es sei evaluiert. In den Projektgebieten Ahlen, Dortmund, Gladbeck und Kreis Lippe sind „mehr als 70 Prozent der Kinder immer noch zu Hause“. Die Rückkehr in die Ursprungsfamilie sei zudem bereits nach zwölf bis 18 Monaten erfolgt. Riemenschneider erwartet: „Mit dem neuen Modell wird es vermutlich mehr Rückführungen geben, aber es werden bestimmt mehr erfolgreiche sein.“ Vordringliche Aufgabe des ASD bleibe jedoch weiterhin, dass die Unterbringung in einer Pflegefamilie oder einem Heim Ultima Ratio zum Wohle des Kindes ist.

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