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Nach 80 Jahren zurück in der Heimat

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Von: Kathrin Hedtke

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Vor den Nazis ist Hans Bär als Kind nach Argentinien geflohen – und jetzt erstmals in die Wetterau zurückgekehrt. Eine Spendensammlung im Internet machte es möglich.

Bei den Kirschbäumen am Wald haben sie immer Ball gespielt. Und an der Straßenecke dort war früher eine Polizeistation. Hans Bär, 95, staunt. „Das Dorf sieht so schön und gepflegt aus“, sagt der alte Herr. „Es sind gar keine Trümmer vom Krieg mehr zu sehen.“ Vor 80 Jahren ist Hans Bär mit seinen Eltern vor den Nazis aus Wohnbach in der Wetterau nach Argentinien geflohen – und nie mehr in seine Heimat zurückgekehrt. Bis jetzt.

Überall kommen Erinnerungen hoch. Gute. Und schlechte. Bei einer Runde durch den Ort betrachtet er von außen das frühere Wohnhaus seiner Großeltern, hält an einer Gedenktafel für die jüdischen Bewohner des Dorfs inne, liest die Namen seines Opas und seines Onkels – samt Todesdatum im KZ. Ihm kommen die Tränen. „Ich wollte nicht weinen, aber ich konnte nicht anders“, sagt Hans Bär. Danach geht es erst einmal in die Eisdiele. Sein Elternhaus will er später besuchen. „Diese Reise ist sehr bewegend für mich“, sagt der alte Herr.

An die schlimmen Erlebnisse während der NS-Zeit möchte er nicht zuviel denken. „Nicht vergessen, natürlich“, fügt er hinzu. Deshalb will der 95-Jährige auch als Zeitzeuge an einer Schule im Ort mit Jugendlichen über seine Erlebnisse sprechen. Aber in erster Linie ist Hans Bär nach Deutschland gekommen, um zu sehen, wie jetzt alles aussieht, was sich verändert hat.

Und in der Hoffnung, vielleicht noch alte Bekannte zu treffen. Tatsächlich: Eine ehemalige Klassenkameradin, Elly Schenk, 94, lebt noch und erinnert sich an den „Bub“ von früher. Hans Bär strahlt übers ganze Gesicht, plaudert mit der weißhaarigen Dame im hellen Strickjäckchen über alte Zeiten. Die meisten Sätze beginnen mit: „Weißt du noch?“ Ein Dolmetscher übersetzt. „Warum kannst du nicht Deutsch sprechen“, fragt Elly Schenk, „dann könnten wir uns viel besser unterhalten.“ Hans Bär lacht.

Fast sein gesamtes Leben hat er in Argentinien verbracht, hieß dort Juan, sprach nur Spanisch, bekam Sohn und Enkelkinder. „80 Jahre sind eine lange Zeit“, sagt der 95-Jährige. Doch Stück für Stück mischen sich immer mehr deutsche Wörter in seine Sätze.

Mit der Reise geht für Hans Bär ein Traum in Erfüllung. All die Jahre habe er immer mal daran gedacht, noch mal seine Heimat zu sehen, berichtet er. Aber als Mechaniker in Kühlhäusern musste er viel arbeiten, um mit seiner Familie über die Runden zu kommen. „Es hat immer das Geld gefehlt.“ Bis seine Enkelin Marlene einen jungen Mann aus Freiburg kennenlernte: Als Nikolai Sexauer die Geschichte von ihrem Opa hörte, startete er im Internet eine Crowdfundingkampagne – und sammelte Geld für die Reise. Innerhalb weniger Wochen kamen 9319 Euro zusammen.

Auch Jürgen Unger aus Frankfurt hat gespendet. „Die Geschichte von Hans Bär hat mein Herz bewegt“, sagt er. Wie für so viele andere stand für ihn fest: „Am Geld darf es nicht scheitern.“ Auch Dirk Rippert unterstützte den Aufruf im Internet mit einem Beitrag. Sein jüdischer Stiefvater sei damals ebenfalls vor den Nazis nach Argentinien geflohen, berichtet Rippert. Deshalb geht ihm die Geschichte besonders nah. Der Mann aus Frankfurt findet es toll, dass Hans Bär in seinem hohen Alter noch einmal in seine Heimat zurückfliegt.

In Wohnbach, heute ein Ortsteil von Wölfersheim, ist der Besuch ein Ereignis. Mehrere Vertreter von Vereinen haben einen Empfang in der Turnhalle organisiert, Frauen tischen Sahnetorten und Kuchen auf, der Bürgermeister der Gemeinde spricht ein paar Worte: Er habe großen Respekt, sagt SPD-Politiker Eike See, dass Hans Bär den weiten Weg von Argentinien auf sich genommen habe, „um noch einmal den Ort zu sehen, den er vor vielen Jahren nicht freiwillig verlassen hat.“ Und er bekundet seine Abneigung gegenüber Parteien, die in primitivster Art und Weise versuchten, Angst und Vorurteile gegenüber Fremden zu schüren. Danach singt ein Männerchor ein Lied darüber, dass es in der Heimat am schönsten ist. Hans Bär bekommt rote Augen, legt die Hand übers Gesicht, lässt die Schultern hängen, schluchzt leise. Sagen möchte er nichts. Zusammen mit seinen beiden Enkelinnen geht er kurz nach draußen in die Sonne. Als er nach zehn Minuten wieder reinkommt, holt er sich ein Stück Schokotorte und lacht wieder.

„Am meisten beeindrucken mich die Dankbarkeit und Lebensfreude, mit denen Hans Bär durchs Leben geht“, sagt Nikolai Sexauer. Trotz all der traumatischen Erlebnisse. Von ihm höre man nie ein Wort des Hasses, obwohl es so viel Gründe gebe. „Von ihm können wir lernen, anderen Menschen mit offenem Herzen zu begegnen“, sagt der junge Mann.

Zwei Wochen bleibt Hans Bär in Deutschland. Auf seiner Reise möchte er unter anderem ein Fußballturnier besuchen, nach Heidelberg fahren und in den Schwarzwald. „Ich möchte auch die Gegenwart sehen“, sagt der 95-Jährige. Er könne nicht nur an die Vergangenheit denken. Sonst verbittere er.

Im Gespräch mit seiner alten Klassenkameradin verkündet Bär fröhlich: „Ich möchte noch viele Jahre leben.“ Elly Schenk winkt ab und lacht: „Och, nee.“ Doch, 110 will Hans Bär alt werden. Denn: „Es ist so schön, zu leben.“

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