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Mit Speeddating zur Ausbildung

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Von: Kim Luisa Engel

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90 Bewerber sind zum Ausbildungs-Casting in die Altenstadthalle gekommen, sie können sich bei 45 heimischen Unternehmen informieren. engel © Kim Luisa Engel

Bewerbungsgespräche im 15- Minuten-Takt. Das hat die Agentur für Arbeit beim Ausbildungs-Casting in Altenstadt ermöglicht. Junge Menschen und Arbeitgeber kommen beim „Speeddating“ ins Gespräch. Arbeitgeber und Bewerber erzählen, was ihnen wichtig ist.

Es ist kurz vor 9 Uhr. In der Altenstadthalle stehen vier lange Reihen aus weißen Tischen, an denen jeweils vier Stühle stehen. Auf der Tribüne sitzen Jugendliche. Sie haben Unterlagen in der Hand, unterhalten sich. Und warten. Es klingelt. Eine Durchsage ertönt: „Die erste Runde startet!“

Am Dienstag hat in Altenstadt das Ausbildungs-Casting der Agentur für Arbeit Gießen, die auch für die Wetterau zuständig ist, stattgefunden. Das Konzept: Bewerber und heimische Arbeitgeber treffen beim „Speedda-ting“ aufeinander. Die Jugendlichen konnten im Vorfeld Termine bei den Unternehmen buchen. Vor Ort kommen sie im 15-Minuten-Takt mit deren Vertretern ins Gespräch, sie können Fragen zu Ausbildung oder dualem Studium stellen, sich kennenlernen.

Auch Schülerin Angelina ist nach Altenstadt gekommen. Die 16-Jährige möchte sich bei mehreren Unternehmen über die Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement, aber auch über den Beruf der medizinischen Fachangestellten informieren. Sie sagt: „Wahrscheinlich will ich im Büro arbeiten.“ Ganz sicher ist sich die Assenheimerin aber noch nicht, deswegen ist sie zum Ausbildungs-Casting gekommen.

Da Angelina erst einmal mit Bus oder Zug zur Arbeit fahren müsste, ist es ihr wichtig, dass der Ausbildungsplatz gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Zwei Termine hat sie um kurz nach 10 Uhr absolviert. Ihr Fazit? „Ich würde noch mal herkommen.“ Auch Jean-Pierre aus Nieder-Wöllstadt wartet gerade auf seinen Termin. Der 17-Jährige interessiert sich für eine Ausbildung zum Metallbauer, aber auch für den Kfz-Bereich. Dass sein Arbeitsplatz in der Nähe seines Wohnorts ist, ist ihm wichtig. Auch das Gehalt spielt eine Rolle und die Chance auf Weiterbildung. „Denn später möchte ich mich selbstständig machen“, sagt er. Es klingelt, und die nächste Runde startet.

„15 Minuten sind optimal für das erste Kennenlernen“, findet Sina Rühl, Ausbildungsbeauftragte beim Gerhardt-Bauzentrum in Butzbach. Sie und Celina Hödl, Auszubildene zur Kauffrau im Groß- und Außenhandelsmanagement im dritten Lehrjahr, sind beim Casting, um mit jungen Menschen in Kontakt zu treten. Um präsent zu sein. Es sei ein Vorteil, dass es dort einzelne Termine gebe. „Die Bewerber haben sich ja extra für uns angemeldet“, sagt Rühl. Auf anderen Ausbildungsmessen kämen Jugendliche oft in Gruppen zum Stand, und es sei schwieriger, herauszufinden, wer sich auch wirklich für die Ausbildung interessiere.

„Hier herrscht eine coole Atmosphäre. Der Austausch ist vielleicht lockerer als bei einem typischen Bewerbungsgespräch“, sagt Rühl. Der ideale Bewerber, sagt Hödl, muss vor allem ins Team passen. Zwar sei der Schulabschluss schon wichtig, es müsse aber nicht die Note 1,0 sein. „Hauptsache, der Bewerber passt zu uns.“

Beide können nicht bestätigen, dass sich immer weniger junge Leute auf einen Ausbildungsplatz bewerben. „In den vergangenen Jahren hatten wir viele Bewerber“, sagt Rühl. „Wir machen explizit Werbung dafür. Natürlich wollen wir Leute für uns gewinnen“, sagt sie und nennt das Stichwort Fachkräftemangel.

Auch Nadja Kirchner, Personalreferentin bei Eurobaustoff mit Sitz in Bad Nauheim, spricht den Fachkräftemangel an: „Wir haben die Hebel in der Hand. Wenn wir Fachkräfte haben wollen, müssen wir sie frühzeitig einstellen und ausbilden.“ Die Firma würde gerne noch mehr ausbilden und plane langfristig, die Zahl der Ausbildungsplätze zu verdoppeln.

Laut Azubi Leonie Kubla, die bei Eurobaustoff als Kauffrau für Büromanagement im dritten Lehrjahr ist, müssten Bewerber offen und kommunikativ sein, Freude daran haben, neue Menschen kennenzulernen, und im Team mitzuarbeiten. Klar schaue das Unternehmen auch auf Noten und den Lebenslauf, aber es sei eben auch wichtig, dass man neugierig sei und Lust habe, dort zu arbeiten. „Das sind die Grundpfeiler, das Fundament, auf dem wir bauen“, sagt Kirchner. „Alles andere können wir erklären.“

Seit etwa fünf Jahren beobachtet Kirchner den Bewerbermarkt. Sie ist der festen Überzeugung, dass es nicht mehr reicht, nur dazusitzen und auf Bewerber zu warten: „Wir als Unternehmen sind gefragt. Wir müssen uns bei den Bewerbern genauso bewerben wie sie bei uns.“

Eurobaustoff plant für 2023 zehn Plätze für die kaufmännischen Ausbildungen und zwei für das duale Studium Mittelstandsmanagement auszuschreiben. In den vergangenen Jahren seien die Studienplätze schneller besetzt gewesen. „Da hatten wir mehr Bewerber“, sagt Kirchner. Eine Ausbildung, findet sie, wird oft unterschätzt. „Wir freuen uns über jede Bewerbung.“

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