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Mit dem Ball ins neue Leben

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Von: Kim Luisa Engel

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Beim Fußball-Turnier spielen nicht nur Gefangene gegen Mitarbeiter der Justiz, sondern auch alle anderen Mannschaften gegeneinander, wie das Polizeipräsidium Mittelhessen (blau) gegen die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt (grün). Engel © Kim Luisa Engel

In der JVA Rockenberg haben Mannschaften ein besonderes Fußballturnier ausgetragen: Gefangene spielten gegen Mitarbeiter der Justiz. Das Turnier soll die präventive und resozialisierende Wirkung des Fußballs zeigen. Mit dabei als Botschafter: der Kapitän von Eintracht Frankfurt.

„Auf. Jungs!“, ruft ein junger Mann im orangefarbenen Trikot. Er klatscht in die Hände. Der Schiedsrichter pfeift. Anstoß. Der Fußball rollt über den braunen Boden der Sporthalle. Über die weißen, blauen, grünen und gelben Linien darauf. Was wie ein gewöhnliches Fußballspiel aussieht und sich auch so anhört, ist an diesem Donnerstagnachmittag etwas Besonderes. Denn die Halle, in der die Mannschaften gegeneinander spielen, befindet sich in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rockenberg.

Das Konzept: Bei dem Turnier spielen Gefangene gegen Beamte der Justiz. Gegen Mitarbeiter des Gerichts oder der Staatsanwaltschaft. Gegen Polizei- oder Justizvollzugsbeamte. Neben zwei Gefangenen-Mannschaften spielen das Polizeipräsidium Mittelhessen, die Butzbacher Polizei, das Oberlandesgericht, die Generalstaatsanwaltschaft, die Bundespolizei - alle drei Teams aus Frankfurt - sowie die JVA-Betriebssportgemeinschaft und die SG Melbach mit.

Der Tag ist daher besonders, sagt die JVA-Leiterin Stephanie Schmid, da das letzte Turnier 2019 stattfinden konnte. Außerdem freue man sich auf Eintracht-Spieler Sebastian Rode als Botschafter des Landespräventionsrats. Schmid sagt, dass sich beim Turnier Menschen begegnen, die sonst eher im unangenehmen Kontext aufeinander treffen. „Der Sport erlaubt es, die übliche Rolle als Polizist oder Staatsanwalt für die Dauer des Spiels auszublenden.“ Jeder werde Teil der Mannschaft, Spaß am Spiel steht im Vordergrund - die verschiedenen Gruppen können so Gemeinsamkeiten entdecken. Florian Wania vom Hessischen Ministerium für Justiz sagte, dass Sport Sozialverhalten, Erfolg und Misserfolg lehre: „Sport ist Kriminalprävention im besten Sinne.“

Christopher Mank, Sportübungsleiter der JVA, erklärt die Spielregeln für Fußball auf dem Kleinfeld. Gespielt wird für zehn Minuten, ein Team hat vier Feldspieler. Am Ende des Turniers gibt es Pokale für die ersten drei Plätze und eine „Torjägerkanone“ zu gewinnen. Pfiff. Es geht es los. Den Anfang macht das Gefangenen-Team in den orangefarbenen Trikots gegen die Soma-Fußballer der SG Melbach. Beide JVA-Teams wurden im Vorfeld mit Trikots aus dem Projekt „Anstoß für ein neues Leben“ der DFB-Stiftung Sepp Herberger ausgestattet. Die JVA macht seit 2018 mit.

SEPP-HERBERGER-STIFTUNG

Das Engagement im Strafvollzug ist die älteste Säule der Stiftungsarbeit. Sepp Herberger besuchte im September 1970 die JVA in Bruchsal und machte sich das Wirken in Haftanstalten zur Lebensaufgabe. Dieses Bemühen wurde sieben Jahre später in der Stiftung institutionalisiert.

Die DFB-Stiftung stellt zum Beispiel Spielbälle und Trikots zur Verfügung. »Anstoß für ein neues Leben« heißt die bundesweit einzigartige Initiative zur Resozialisierung jugendlicher Strafgefangener. Gemeinsam mit starken Partnern ist es das Ziel, die Jugendlichen aktiv auf die Zeit nach der Haftentlassung vorzubereiten.

In den teilnehmenden Justizvollzugs- und Jugendstrafanstalten werden „Anstoß-Mannschaften“ gegründet. Über ein wöchentliches Fußballtraining erwerben sie soziale Kompetenzen wie Fairplay und Teamgeist. Es sollen so Voraussetzungen für eine schnelle und erfolgreiche Resozialisierung geschaffen werden. red

Inzwischen ist Sebastian Rode eingetroffen. Umringt von vielen Menschen gibt er Autogramme auf der Tribüne. Einer nach dem anderem bringt ein Trikot zum Unterschreiben mit. Ein Mann hat eine Eintracht-Frankfurt-Tüte voll mit Kleidung zum signieren dabei.

In der JVA Rockenberg wird täglich Gefangenensport angeboten. „Sämtliche Ballsportarten, Fitness, oder ein Laufprojekt“, zählt Mank einige Angebote auf. Man unterscheidet zwischen Freizeitsport und Neigungsgruppen, wie dem wöchentlichen Fußballprogramm. „Dort geht es gezielt darum, die Anlagen der Gefangenen zu verbessern.“ Den Teilnehmern stünden gewisse „Bonbons“ zu, wie das Mitmachen bei solch einem Turnier oder eine Schiri-Ausbildung.

Möchte ein Insasse mitmachen, schreibt er die Sportabteilung an. „Sie sollten schon eine gewisse Veranlagung haben“, sagt Mank. „Ich vermittele ihnen, dass sie Vorbilder sein müssen.“ Darum gehe es auch - um Werte und das Verhalten. „Im Fußball lassen sich gut Werte wie Teamfähigkeit oder Fairsein vermitteln.“ Der Jugendvollzug macht viel nach der Entlassung, sagt Mank, der auch Systemischer Anti-Gewalt und Deeskalationstrainer ist. Es werde geschaut, ob ein Schul- oder Arbeitsplatz, eine Wohnung vorhanden sei. Was nicht wirklich abgedeckt ist: Die Freizeit. „Wenn wir es schaffen, dass die Ex-Gefangenen ins Training gehen, haben wir ein ganzes Stück getan, sie von ‘der Straße weg zu bekommen’“, sagt Mank. Dort können sie soziale Kontakte knüpfen, Anschluss und Kameradschaft finden.

Deshalb hat die JVA auch die SG Melbach, ihren Kooperationspartner, eingeladen. „Wir konnten schon zwei Gefangene an sie vermitteln nach der Entlassung“, sagt Mank. Einer ist noch dabei und spielt in der 1. Mannschaft, sagt Michael Hochstein von der SG: »Er ist gut integriert.« Im April haben die SG und die Rockenberger JVA dafür die Sepp-Herberger-Urkunde im Bereich Resozialisierung bekommen. Hochstein sagt: „Wir vertrauen auf die Expertise von Christopher Mank.“ Er habe selbst bei der SG gespielt, kenne den Verein. „Wir freuen uns auf das, was uns da noch erwartet“, sagt Hochstein. Er und seine Mannschaftskollegen würden jederzeit wieder einen Ex-Insassen aufnehmen.

Auch Stargast Sebastian Rode glaubt an die präventive und resozialisierende Wirkung des Fußballs. Gerade beim Fußball herrsche gute Energie auf dem Platz: „Egal, welche Sprache man spricht, man versteht sich“, sagt der Mittelfeldspieler. Das Spiel der Gefangenen gegen die Justizvollzugsbeamten sei das beste Beispiel gewesen: „Große Emotionen, aber trotzdem fair.“

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Sebastian Rode red © Red

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