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Karl Wagner Haus in Friedberg
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Karl Wagner Haus in Friedberg

Friedberg

Mehr Junge ohne Bleibe

Das Karl-Wagner-Haus ist Anlaufstelle für Obdachlose und andere Menschen in Not. Dabei zeigt sich ein neuer Trend: Immer mehr Hilfesuchende kommen aus der Region.

Von Jana Tempelmeyer

Hoher Schnee, eisige Kälte. Im Karl-Wagner-Haus in Friedberg finden Obdachlose ein warmes Plätzchen. „Wohnungslosigkeit ist kein meteorologisches Problem“, betont Michael Erlenbach, Leiter des Hauses. Nicht mehr. Früher waren die meisten Obdachlosen noch quer durch Deutschland unterwegs und sind dann – meist in den bedrohlichen Wintermonaten – irgendwo untergekommen. Heute macht sich ein neuer Trend bemerkbar: Die Wohnungslosen kommen meist direkt aus der Region.

Das Karl-Wagner-Haus in der Alten Bahnhofstraße gibt es schon seit über 120 Jahren. Das Angebot richte sich nicht zwingend an Obdachlose. Das Wohnen sei nicht das Grundproblem, erklärt Erlenbach. Meist kommen eine Vielzahl verschiedener Probleme zusammen: Jobverlust, Trennung, Schulden und gesundheitliche Probleme, die die Menschen schließlich in die Wohnungslosigkeit treiben. Von daher soll das Haus ein Ort sein, für Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten.

Das Hilfeangebot ist in zwei große Bereiche gegliedert, in einen ambulanten und einen stationären. Zu dem ambulanten Angebot gehören Straßensozialarbeiter, die in Friedberg unterwegs sind und Ansprechpartner für Betroffene sein wollen. Dabei suchen sie beliebte Treffpunkte auf, wie zum Beispiel den Parkplatz an der Stadtkirche, und zeigen so Präsenz.

Im Haus gibt es eine Beratungsstelle, die von Klaus Zschernitz geleitet wird. Hier kommen etwa 18 Leute pro Woche hin und suchen Hilfe. Gemeinsam wird geschaut, welche Möglichkeiten es für die Betroffenen gibt. Wenn die Wohnung noch nicht verloren ist, wird versucht, Kontakt zur Jobkomm herzustellen, damit die Mietkosten übernommen werden können. Doch meist kämen die Menschen sehr spät, wenn die Wohnung bereits weg sei, erklärt Klaus Zschernitz.

Der stationäre Bereich ist gegliedert in die Herberge und das Wohnheim. Die Herberge gilt als Notunterkunft, hier können Bedürftige pro Monat drei Nächte am hintereinander verbringen, ohne sich zu erklären. Möchten sie länger bleiben, müssen Gespräche geführt werden. Dann kommen sie im Wohnheim unter. Hier werden individuelle Hilfepläne aufgestellt.

Die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt stehe dabei nicht bei allen im Vordergrund. Es wird geschaut, ob es sich um junge oder ältere Menschen handelt. Der Hilfeplan wird alle sechs Monaten kontrolliert.

Ziel ist auch, den Menschen bei alltäglichen Dingen zu helfen: wie Arztbesuchen, Schuldenbewältigung und der Beantragung von öffentlichem Geld. Die Meldung bei der Arbeitsagentur sei der erste Schritt, erklärt Ulrike Rudolf-Velde, die den stationären Bereich des Wagner-Hauses leitet. So bekommen die Betroffenen wieder Zugang zu einer Krankenversicherung, die sie meist dringend benötigen.

Um die Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, werden Arbeitsprojekte angeboten. Zurzeit gibt es ein einjähriges Qualifizierungsangebot für den Beruf des Maler- und Lackierers. Im eigenen Gebäude, das seit Oktober 2009 komplett modernisiert und renoviert wird, können die Bewohner selbst Hand anlegen und beim Streichen und Verputzen der Wände helfen. Erlenbach erklärt, dass es für viele wichtig sei, eine Beschäftigung und geregelte Tagesstrukturen zu haben. Die Betroffenen können auch in der Küche, an der Pforte, in der Werkstatt und in der Waschküche arbeiten.

Besonders auffällig ist, dass in den vergangenen Jahren vielmehr junge Männer zwischen 20 und 25 in schwierige Situationen geraten sind und Hilfe suchen. Diese sind oft verschuldet, da Handyverträge und HiFi-Geräte immer mehr auf Pump gekauft werden können. Auch spielt bei den Jüngeren oft massiver Alkoholmissbrauch eine große Rolle.

Das Karl-Wagner-Haus ist traditionell eine Männereinrichtung, aber es werden immer wieder Ausnahmen gemacht. Auch für Frauen wird in der Not eine Schlafstätte im Haus gefunden. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Oase in Gießen, eine Hilfseinrichtung ausschließlich für Frauen.

Berater Zschernitz kritisiert die bundesweiten Rahmenbedingungen, die der Einrichtung die Arbeit erschweren würden. Im Hause gebe es viele, die arbeiten könnten und auch wollten, auf dem ersten Arbeitsmarkt aber keine Chance bekommen würden. Außerdem gebe es wenige günstige Wohnungen, die von den Jobcentern finanziert würden.

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