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Hessin entkommt Massenpanik: „Scherzhaft sagten wir noch: ‚Hoffentlich kommen wir überhaupt hier raus‘“

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Helena Nikolajew entkam nur mit Glück der Massenpanik in Seoul. Im Gespräch schildert die Dauernheimerin, die in Südkorea studiert, wie sie die Katastrophe erlebt hat. red © Inge Schneider

Helena Nikolajews aus der Wetterau lebte bislang relativ unbeschwert in Südkorea. Das hat sich am vergangenen Sonntag dramatisch geändert. Nur mit Glück entkam sie der tödlichen Massenpanik.

Seoul/Frankfurt/Ranstadt – In Südkorea zu arbeiten und zu studieren, war schon mit 14 Jahren Helena Nikolajews Traum. Die Dauernheimerin ist jetzt 21. Bislang empfand sie ihre Zeit in dem südasiatischen Land als relativ unbeschwert. Das hat sich am vergangenen Sonntag dramatisch geändert: Gemeinsam mit fünf Freunden entkam Helena Nikolajew nur mit Glück der Massenpanik im Hauptstadt-Partyviertel Itaewon, die mehr als 150 Menschen das Leben gekostet hat.

Helena, haben Sie zunächst einmal vielen Dank, dass Sie trotz der traumatischen Ereignisse Zeit und Kraft für dieses Gespräch aufbringen. Wie lange leben Sie schon in Südkorea?

Ich bin seit März 2020 dort, kam also zeitgleich mit der Pandemie an. Zuvor habe ich bereits mit 17 Jahren am Gymnasium Nidda mein G8-Abitur abgelegt, lebte ein halbes Jahr in Japan und wechselte dann nach Südkorea. Hier habe ich zunächst in verschiedenen Jobs gearbeitet, um mich im Land besser zurechtfinden zu können. Seit 2021 studiere ich Politikwissenschaften und Wirtschaft an der Yonsei University. Unser Campus liegt gerade einmal 20 Minuten von dem Party-Viertel Itaewon entfernt, wo viele Ausländer zu Hause sind.

Wie haben Sie das Land und Ihren Aufenthalt dort bisher erlebt?

Natürlich gibt es bei jedem Auslandsaufenthalt Höhen und Tiefen, schon weil man sich trotz aller guten Vorbereitung in die Kultur vor Ort eingliedern muss. Aber ich bin damit besser zurechtgekommen als in Japan. Im Ganzen war es trotz Corona bis jetzt eine ungetrübte Zeit mit einem rasch aufgebauten sozialen Netz, das mich trägt.

Massenpanik in Südkorea: „Man freute sich darauf, endlich wieder zu feiern“

Südkorea gilt eher als streng reglementiert, die Bevölkerung gerade unter Pandemiebedingungen als sehr diszipliniert. Deckt sich dieser Eindruck mit Ihrer Wahrnehmung?

Absolut! Man geht bis heute sehr diszipliniert mit der Pandemie um und gilt als unhöflich, wenn man zum Beispiel in der U-Bahn oder im Geschäft seine Maske nicht trägt. Zwischendurch war ich zweimal zu Besuchen in Deutschland und habe festgestellt, dass sich die beiden Länder in diesem Punkt überhaupt nicht miteinander vergleichen lassen. Es gibt in Südkorea keine Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Hätte man sich zum Beispiel während der Halloween-Events im vergangenen Jahr als Ausländer nicht an die Regeln gehalten, wäre man umgehend nach Hause geschickt worden.

Es erscheint verständlich, dass sich nach der Lockerung der Vorschriften viele, vor allem junge Leute, auf die zahlreichen Halloween-Partys in Itaewon freuten. Was haben Sie davon mitbekommen?

Kleinere Feiern fanden bereits im Vorjahr unter strikten Auflagen statt, dieses Jahr war alles viel lockerer, man freute sich darauf, endlich wieder zu feiern. Meine Kommilitonen und ich haben uns schon an der Uni für den Abend verabredet und besprochen, wie wir uns verkleiden werden. Dass an die 100 000 Besucher kommen würden, war schon vorher bekannt und wurde im Netz so kommuniziert.

SPENDEN UND INFOS

Spenden an die Familien der jungen Opfer, die ihre Verstorbenen nach Haus überführen lassen möchten, empfiehlt Helena Nikolajew den folgenden Link mit Fotos, Informationen sowie allen relevanten Bankdaten.

Sie teilt mit, dass das Spendenziel für für die dort erwähnte Yuliana Pak bereits erreicht ist.

Der Link ist zu finden auf der Seite https://koreabyme.com.

Wie hat der Abend für Sie begonnen und sich weiterentwickelt?

Wir waren zu sechst, schon die U-Bahn war gedrängt voll und wir haben 20 Minuten gebraucht, um in der Station überhaupt an die Oberfläche zu gelangen. Scherzhaft sagten wir noch: „Hoffentlich kommen wir überhaupt hier raus, alles ist so eng, man kann sich kaum noch bewegen und atmen.“ Das war im Nachhinein geradezu hellseherisch. Von 20 bis 22 Uhr waren wir in einer Bar und liefen danach unwissentlich genau auf die Kreuzung mit dem Nadelöhr zu, wo es soeben passierte. Wir gerieten in einen von zwei Menschenströmen, die sich in unterschiedliche Richtungen bewegten, es wurde immer enger und wir mussten uns gegenseitig festhalten, um einander nicht zu verlieren. Die Leute, die uns entgegenkamen, hatten zum Teil blasse und schockierte Gesichter, und knapp vor der Kreuzung hielt uns eine Ausländerin auf und rief uns auf Englisch zu, wir sollten um Gottes willen umdrehen.

Massenpanik in Südkorea: „Werde ich nie wieder an Halloween nach Itaewon gehen“

Und dann?

Es gelang uns, in den Menschenstrom nach draußen zu gelangen und eine Parallelstraße zum Ort des Geschehens zu erreichen. Dort haben sie ungezählte Einsatzwagen, Sicherheits- und Rettungskräfte sowie auch Polizei und hilfsbereite Passanten gesehen, konnten aber nicht zur U-Bahn durchkommen und waren somit gezwungen, die Rettungsmaßnahmen mitzuerleben. Die dort Anwesenden haben alle ihr Bestes gegeben, verzweifelt und zum Teil vergeblich versucht, die jungen Menschen zu reanimieren. Polizisten und Zivilpersonen versuchten, durch eine Seitenstraße ins Zentrum des Geschehens vorzudringen, Menschen hinauszuführen und Verletzte zu bergen. Ich habe mich nur gefragt, warum all diese Einsatzkräfte nicht vorher und prophylaktisch vor Ort waren. Die hohe Zahl erwarteter Besucher war ja bekannt. Es ist so tragisch - das Unglück hätte vermieden werden können. Wobei man den einzelnen Polizisten keinen Vorwurf machen kann. Sie bestimmen ja nicht selbst, wo sie eingesetzt werden - und sie waren verzweifelt. Das Zeitgefühl habe ich inmitten dieser Bilder und Eindrücke völlig verloren. Es war vielleicht 23.30 Uhr, als wir es endlich schafften, zur U-Bahn-Station zurückzukehren.

Welche Reaktionen gibt es in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis?

Bei meiner Familie natürlich zunächst einmal große Erleichterung, dass mir nichts passiert ist. Ich kann auch mit einer Freundin und einem besten Freund hier vor Ort sprechen, es gibt seitens der Universität Gesprächs- und Therapieangebote, auch für uns als Ausländer. Ich bin nicht allein, trotzdem geht es mir seit Sonntag von Tag zu Tag schlechter, je mehr ich realisiere, was dort wirklich passiert ist. Und dem kann man gar nicht entgehen: Das Drama ist überall in den Medien und im Netz präsent.

Welche Konsequenzen werden Sie aus dem Erlebten ziehen?

Auf jeden Fall werde ich nie wieder an Halloween nach Itaewon gehen, sondern wie viele andere am Jahrestag nur der mehr als 150 Toten gedenken. Für zwei von ihnen, Kristina und Rauf aus meinem Bekanntenkreis, haben die Familien Spendenkonten eingerichtet, um die beiden überführen zu lassen und nach Hause zu holen. Dafür bitte ich die Leserinnen und Leser herzlich um Unterstützung und danke im Namen der Familien im Voraus. (Interview: Inge Schneider)

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