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Manfred Thrun ist Zeit seines Berufslebens im Einsatz für behinderte Menschen.
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Manfred Thrun ist Zeit seines Berufslebens im Einsatz für behinderte Menschen.

Berufsbildungswerk Karben

"In den Köpfen fängt es an"

  • Petra Zeichner
    VonPetra Zeichner
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Das Berufsbildungswerk Karben gibt es seit 30 Jahren. Im FR-Interview spricht Mitbegründer Manfred Thrun über die Schwierigkeiten beim Aufbau des Berufsbildungswerks und über Wege, Inklusion in der Gesellschaft zu verankern.

Herr Thrun, der damalige Sozialminister Armin Clauss fragte Sie, ob Sie Geschäftsführer der neuen BBW-GmbH werden wollten. Warum sagten Sie Ja?
Mitte der 70er Jahre hatten wir in Deutschland zwar 28 Berufsförderungswerke mit 15 000 Plätzen für Erwachsene, aber kaum eine Einrichtung für junge behinderte Menschen. Es war eine neue Aufgabe. Auch war es eine ganz entscheidende Lücke, die geschlossen werden musste. Bei der beruflichen Rehabilitation behinderter Menschen kann man nicht stehen bleiben, wenn man sich nur um Erwachsene kümmert. Ich finde es fast noch wichtiger, sich um behinderte Schulabgänger zu kümmern.

Die Initiative für die BBW-Gründung ging damals vom Land Hessen aus?

Die Idee ist ohne Zweifel im Sozialministerium entwickelt worden, aber es haben sich viele Personen dafür interessiert. So wurden der Referent für Rehabilitation im Sozialministerium, Helge Harff, und ich Aufbaugeschäftsführer. Wir haben zuerst die administrative, dann bauvorbereitende Planung gemacht. Auch die Ausbildungen mussten organisiert werden.

Was gehörte konkret zum Aufbau dazu?
Die Größe des Gebäudes, welche Berufe werden aufgenommen, wie wird das Ganze organisiert. Das zu planen sind ungemein Spaß machende, aber auch belastende Fragen. Wir haben Konzepte gemacht: Welche Maßnahmen werden durchgeführt? Wie viele? Warum? Wie viele Klassen von welchen Berufen? Wie sieht der Personalbedarf aus? Das füllte mehrere Ordner. Zwischendurch musste alles fachlich aufeinander abgestimmt werden.

Was waren die größten Schwierigkeiten damals?
Für mich war damals besonders beschwerlich, das Konzept zu entwickeln. Wie groß soll die Einrichtung sein? Wie viele Teilnehmer in welchem Beruf? Und sind die Berufe aussichtsreich? Was sagt die Arbeitsverwaltung dazu? Das fand ich unglaublich belastend, weil davon ja alles abhängt. Wenn da falsche Entscheidungen gefällt werden...Wir bilden Beruf X aus und auf dem Arbeitsmarkt werden die Leute nicht angenommen, dann wäre das eine Katastrophe. Ich habe immer wieder überlegt: Machen wir das auch richtig?

Wie war die Kooperation mit den Schulbehörden?
Da war es das größte Problem, dass da eine neue Einrichtung ist, die vieles selbstständig, also außerbetrieblich, das heißt abgehoben von Betrieben macht. Die Schulkonzepte mussten angepasst werden, auch weil es um behinderte Menschen ging.

Wie sehen Sie heute die Inklusion von behinderten Menschen verwirklicht?
Die Frage ist leicht gestellt, kann aber nicht einfach beantwortet werden. Wir denken in Deutschland – wo wir sehr weit in der Behindertenpolitik sind, keine Frage – in Schubkästen. Da sind Jugendliche, Blinde, da ist die Schulfrage, der Arbeitsplatz undsoweiter. Da wir so sortiert denken, haben wir unterschiedliche Definitionen und Zielrichtungen im Kopf.

Was ist für Sie Inklusion?
Inklusion heißt für mich, dass allen Menschen die gleichen Chancen gegeben werden, an jeder Stelle im gesellschaftlichen Leben die gleiche Rolle zu spielen. Das ist also eine Frage der Gesellschaft. Die Gesellschaft muss das wollen und die Voraussetzungen dafür schaffen. Da gibt es keine Maßnahmen. Viele denken oft, dann machen wir doch Lehrgänge für Inklusion – das ist Quatsch mit Soße. In den Köpfen fängt es an. Wir sind erst auf dem Weg.

Was muss getan werden, um die Inklusion in der Gesellschaft zu verankern?
Das geht nur durch permanente Öffentlichkeitsarbeit und ständige Information. Die Scheu ist ja da: Inklusion in der Schule, was könnte das für Probleme geben? Diese Scheu kann man durch Aufklärung abbauen. Da passiert schon eine ganze Menge, aber noch nicht genug. Wenn ich jemanden treffe mit einer sichtbaren Behinderung, dann kann ich nicht sagen: „Ach der Arme.“ Sondern ich muss mich fragen, was kann ich konkret tun, damit er ganz selbstständig leben und arbeiten kann. Das betrifft im Übrigen auch andere benachteiligte Gruppen, wie zum Beispiel Flüchtlinge. Inklusion macht nicht vor Nationalitäten halt.

Also kann man sagen: Mitleid hilft nicht weiter…
Im Gegenteil. Die öffentliche Diskussion hilft. Das Berufsbildungswerk nähert sich diesem Gedanken immer wieder an, macht Veranstaltungen, mit denen sie versuchen, Multiplikatoren zu erreichen. Das BBW sagt nicht: „Wir machen jetzt Inklusion.“ Nein, die bringen die Fachlichkeit und regen immer wieder an, dass man da vorwärts kommt.

Interview: Petra Zeichner

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