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Bolowich: „Im Fernsehen wird der Staatsanwalt oft als Hardliner dargestellt.“
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Bolowich: „Im Fernsehen wird der Staatsanwalt oft als Hardliner dargestellt.“

Wetterau

„Keine Wahrheit um jeden Preis“

  • Andreas Groth
    VonAndreas Groth
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Michael Bolowich aus Karben ist Leitender Oberstaatsanwalt in Gießen. Die FR hat mit ihm über seine Aufgaben, die Rolle des Staatsanwalts und Herausforderungen für seine Behörde gesprochen.

Er ist Vorgesetzter von 25 Staatsanwälten, elf Amtsanwälten, die sich vor allem um kleinere und mittlere Kriminalitätsdelikte wie Diebstahl, Betrug oder Körperverletzung kümmern, und von 85 weiteren Mitarbeitern. Seit September leitet Michael Bolowich die Gießener Staatsanwaltschaft. Der promovierte Jurist wohnt mit seiner Familie in Karben. Die FR hat mit ihm über seine Aufgaben, die Rolle des Staatsanwalts und Herausforderungen für seine Behörde gesprochen.

Herr Bolowich, Sie sind seit einigen Monaten Leitender Oberstaatsanwalt in Gießen. Was ist Ihre Aufgabe?
Der Leitende Oberstaatsanwalt ist der Leiter einer Staatsanwaltschaft. Die Aufgabe umfasst zum einen Verwaltungstätigkeit, zum anderen aber auch die Dienst- und Fachaufsicht über die Mitarbeiter der Behörde. Eigene Ermittlungen führe ich keine mehr, werde aber bei allen Verfahren von Bedeutung eingebunden.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?
An jedem Tag gibt es andere Fallkonstellationen und Herausforderungen. Ich komme gegen 9 Uhr morgens in Gießen an. Dort liegen mir dann bereits die Akten vor, über die ich zu entscheiden habe. Zugleich hat man als Behördenleiter sehr viel Personalgespräche zu führen. Mein Tag endet gegen 18 Uhr. Es gibt aber immer einen Tag in der Woche, an dem ich sehr lange im Büro bin, weil ich der Familie wegen am Wochenende keine Akten mit nach Hause nehmen möchte.

Sie haben zuletzt als Leitender Oberstaatsanwalt für die Staatsanwaltschaft in Fulda gearbeitet. Was macht die Gießener Behörde im Vergleich zu Ihrer vorigen Dienststelle aus?
Die Staatsanwaltschaft Gießen ist ungefähr doppelt so groß wie die Staatsanwaltschaft Fulda. In Gießen merkt man schon, auch durch die Zuständigkeit für die Wetterau, dass eine gewisse Nähe zu Frankfurt da ist. Das zeigt sich bisweilen an den Fallkonstellationen.

Was heißt das?
Was Bandenkriminalität betrifft, ist der Frankfurter Einschlag etwas stärker zu spüren. Das gibt es in Fulda weniger.

Wie sehen Sie die Rolle des Staatsanwalts in einem Verfahren? Viele kennen nur den Staatsanwalt aus dem Fernsehen, der den Angeklagten auf Gedeih und Verderb ins Gefängnis bringt.
Die Tätigkeit und das Erscheinungsbild eines Staatsanwalts sind meist anders, als sie im Fernsehen und in vielen Medien gezeichnet werden. Der Staatsanwalt wird im Fernsehen, gerade in Krimis, als Hardliner dargestellt. Meist ist der Staatsanwalt, wenn er nicht gerade die Hauptrolle hat, eher ein Unsympath. Die Rolle des Staatsanwalts ist im Verfahren unterschiedlich, weil es verschiedene Verfahrensabschnitte hat. Die erste Tätigkeit ist die Leitung des Ermittlungsverfahrens. Die Staatsanwaltschaft ist die „Herrin des Ermittlungsverfahrens“. Sie entscheidet darüber, ob Anklage erhoben wird. Dabei hat sie sowohl die für als auch gegen den Beschuldigten sprechenden Aspekte zu berücksichtigen. Die Staatsanwaltschaft ist nicht parteiisch. Man sagt auch, sie sei die „objektivste Behörde“ der Welt.

Sind sich Staatsanwälte dessen immer bewusst?
Ja, der rechtsstaatliche Grundsatz „In dubio pro reo“ ist ein entscheidender. Bei der Frage, ob eine Verurteilung vor Gericht wahrscheinlich ist, ist sich der Staatsanwalt dieser Rolle bewusst. Natürlich spielt auch seine Persönlichkeit eine Rolle. Wenn wir anklagen, wird das Gericht „Herr des Verfahrens“. Wenn es eine Verurteilung ausspricht und das Urteil rechtskräftig wird, dann tritt man in die Strafvollstreckung ein. Die obliegt wieder der Staatsanwaltschaft.

Sie sind seit rund 20 Jahren Staatsanwalt. Wie hat sich seitdem Ihre Tätigkeit verändert?
Die Verbreitung der IT in der Gesellschaft ist ganz entscheidend. Das hat zu neuen Kriminalitätsformen geführt, nämlich die Kriminalität im Internet. Es führt aber auch dazu, dass es ganz andere Ermittlungsmaßnahmen gibt wie die Ortung von Handys.

Ist die Arbeit des Staatsanwalts schwieriger geworden?
Schwieriger und einfacher zugleich. Die technische Entwicklung muss man verstehen, um sie für die Ermittlungen einzusetzen. Die DNA-Analyse beispielsweise hat die Tätigkeit etwas vereinfacht, weil man über DNA-Muster relativ eindeutig einen Täter überführen kann.

Wo sehen Sie diesbezüglich noch Herausforderungen für die Staatsanwaltschaft?
In der Parallelwelt des Internet durchzudringen, ist sehr schwer. Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Der zweite Punkt ist die Vorratsdatenspeicherung. Da haben wird über das Handy Ermittlungsmöglichkeiten, die im Datenschutz ihre Grenzen haben. Ich würde mir vom Gesetzgeber wünschen, dass er den Ermittlungsbehörden hier etwas mehr Rechte gibt. Bei der Vorratsdatenspeicherung, so wie sie das europäische Recht vorsieht, ziert sich der Gesetzgeber in Deutschland ein wenig, sie vollständig umzusetzen. Die Speicherfristen sollten erweitert werden, denke ich. Trotzdem darf es keine Wahrheitsfindung um jeden Preis geben.

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