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»Kein Patient wird abgewiesen«

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Der Hausarztmangel auf dem Land wird in diesen Tagen besonders deutlich, da Dr. Peter Itzel in den Ruhestand geht. Erneut schließt eine Praxis im Büdinger Land, die niemand übernehmen will.

Ihre Botschaft ist klar und unmissverständlich: »Wir kümmern uns um alle Patienten. Wer ein akutes Problem hat, wird behandelt und nicht abgewiesen.« Beate Schneider, Fachärztin für Allgemeinmedizin, gehört zum Hausärzteteam am Büdinger Dohlberg. Dass sie etwas derart ausdrücklich betonen muss, was in Deutschland eine Selbstverständlichkeit sein sollte, liegt an einer Entwicklung, die sich zumal auf dem Land zuspitzt: Die allermeisten Praxen sind ausgelastet, Zeit für Hausbesuche gibt es kaum noch. Der Hausarztmangel ist im Büdinger Land eklatant. Nachdem zuletzt einige Praxen geschlossen haben, unter anderem die von Alexandra Ludyga (Düdelsheim), sperrt zum Jahresende auch Dr. Peter Itzel in Büdingen seine Praxis zu - Nachfolger gibt es in allen Fällen keine, wohl aber aufgrund von Itzels Abschied knapp 2000 Patienten, die bei Beschwerden behandelt werden wollen.

Solidarisches Miteinander

Wie überall in der Gesellschaft wird es fortan auch in den Praxen kein »Weiter so« mehr geben. »Ich appelliere an ein solidarisches Miteinander und daran, dem Arzt, der Medizin und der Wissenschaft zu vertrauen«, sagt Dr. Dirk Drescher vom Ärztezentrum am Keltenberg in Stockheim. »Patienten werden sich auf längere Wartezeiten einstellen müssen. Und man sollte bedenken: Nicht jedes Problem erfordert den zeitnahen Arztbesuch.« Das Prinzip »Jetzt, gleich und sofort« wird es nicht mehr geben«, ergänzt Beate Schneider und erntet vom Kollegium viel Zustimmung.

Den Medizinern ist wichtig, keine Katastrophenstimmung zu erzeugen. »Wir wissen sehr wohl, dass sich Patienten zum Teil über Jahrzehnte an gewisse Abläufe gewöhnt haben. Einige werden sich ändern, jedoch niemals die Qualität der Behandlung«, erklärt Dr. Lena Merz, angestellte Ärztin in der Praxis am Büdinger Dohlberg. »Was dringlich ist, entscheidet aber der Arzt, nicht der Patient.«

Das grundsätzliche Dilemma wird auf dem Land zumindest zeitnah nicht zu lösen sein. Bundesweit ist es zwar so, dass es noch nie so viele Mediziner gab wie im Moment. Aber: Es gibt ein Verteilungsproblem. Vor allem in Großstädten und Ballungszentren ist die medizinische Versorgung sehr gut, in manchen Gebieten sind sogar zu viele Ärzte niedergelassen. Auf dem Land jedoch ist die Lage genau gegenteilig.

Hinzu kommt: Die Lebenserwartung und damit auch der Bedarf an medizinischer Versorgung steigt. Jedoch ist das Gros der niedergelassenen Hausärzte 60 und älter, findet in den allermeisten Fällen keine Nachfolger. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Vor allem das verhältnismäßig geringe Einkommen, die Arbeitsbelastung, ein hohes Maß an Bürokratie und eine lange Mängelliste, die zahlreiche Ärzte aus ihrem Praxisalltag beschreiben, sorgen dafür, dass junge Leute die Provinz mit ihrer unzureichenden Infrastruktur meiden. Das romantische Bild vom Landarzt, es ist längst verblasst.

Und noch etwas spielt eine Rolle: Häufig genug klemmt es bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dr. Kristin Heeger, Allgemeinmedizinerin in Düdelsheim, hat drei Kinder. »Die Betreuungssituation ist eine Katastrophe. Wer Kinder hat und arbeiten möchte, dem kann ich nicht empfehlen, nach Büdingen zu ziehen«, sagt die Ärztin, die aus Marburg kommt, und zählt eine ganze Reihe Gründe auf. Unter anderem den: Im Zuge der Pandemie habe die Stadt strengere Regeln gehabt als vom Land vorgegeben. »Die haben alles dafür getan, möglichst jedes Kind aus der Kita rauszuholen. Das bedeutet in letzter Konsequenz: Entweder kann ich meine Arbeit nicht machen oder ich kann keine Kinder haben.«

Familienbild der 60er Jahre

Als Dr. Andrea Schneider (Praxis in den Weiherwiesen) vor einigen Jahren nach Wolferborn kam, habe ihr die Stadt gesagt: »Betreuungsplätze für U2-Kinder nach 14 Uhr gibt es in Büdingen keine. Pech.« Nach wie vor sei die Kinderbetreuung in der Stadt schlecht organsiert. »Büdingen entspricht dem Familienbild der 60er Jahre«, schlussfolgert Andrea Schneider.

Schon jetzt wird in sämtlichen Praxen auf Anschlag gearbeitet. Vor allem die Angestellten, die MTA, die Helferinnen, die guten Geister an der Anmeldung, kriegen täglich viel Unmut ab. »Die halten den Betrieb am Laufen, versuchen jedem Termin- und Rezeptwunsch gerecht zu werden, gehen auf das Befinden der Patienten ein, hören zu und halten viel Stress aus dem Behandlungszimmer raus. Sie gehören zu den wahren Helden im Gesundheitswesen«, betont Anette Lorch, die mit Martina Heeger eine Gemeinschaftspraxis in der Bahnhofstraße betreibt. Auch sie plädiert für mehr Solidarität untereinander, wirbt bei Patienten um mehr Verständnis für die Situation in den Praxen.

Mit Blick auf die Patienten von Peter Itzel, die noch keine Praxis gefunden haben, bleibt zum Jahresende festzuhalten: Behandelt werden alle, niemand wird durchs Raster fallen. Das Anspruchsdenken zumal älterer Leute, ihr Arzt habe einem 60-Stunden-Ideal zu entsprechen und müsse permanent auf Abruf stehen, ist jedoch schon lange nicht mehr zeitgemäß.

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