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Sterbenden Zeit widmen

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Im Einsatz für die Ambulante Hospizhilfe Karben: (von links) Anne Thylmann, Hans Gerl, Waltraud Schuld und Koordinatorin Manuela Vetter. sauer © Jana Sauer

Der Tod gehört zum Leben. Die Ambulante Hospizhilfe Karben begleitet Sterbende und Trauernde durch die Zeit rund um die letzte Lebensphase, bis zum Tod und die Angehörigen darüber hinaus. Drei Helfende haben kürzlich einen Qualifizierungskurs absolviert. Sie sprechen über Erwartungen, Hoffnungen und ihre Motivation.

Sie haben zusammen gelacht, haben gelernt - und über den Tod geredet. Den eigenen, den fremden, immer aber über den Tod. "Jeder von uns hat sich dabei auch mit dem eigenen Sterben auseinandergesetzt", bringt es Hans Gerl (67) auf den Punkt. "Ich weiß seither ganz genau, was ich will - und was ich nicht will."

Was für viele wie ein ungeliebtes, weit entferntes oder gar unvorstellbares Thema klingt, hat Hans Gerl, Anne Thylmann (53) und Waltraud Schuld (70) in den vergangenen Monaten eng zusammengeschweißt. Denn die drei gehören zu den jüngsten "Absolventen" eines Qualifizierungskurses für die Ambulante Hospizhilfe Karben: Ab sofort stehen sie bereit, Sterbende und Trauernde in den sieben Stadtteilen zu begleiten.

Hinter den dreien liegen sechs lehrreiche und bewegende Monate: Gemeinsam mit rund einem Dutzend neuer Gesichter der Hospizhilfen Karben und Bad Vilbel haben sie unzählige Themen besprochen. Von einer Einführung in die Palliativmedizin über sanfte Hilfen wie Klangschalen- und Aromatherapie bis hin zur Selbstfürsorge: Jeden Mittwochabend sowie an vier Wochenenden haben die angehenden Hospizhelferinnen und Hospizhelfer nach dem Curriculum der IGSL-Hospiz gelernt. Praktika gehörten ebenso zur Ausbildung wie theoretische Inhalte: So ist die Rodheimerin Waltraud Schuld drei Tage lang mit einem Palliativ-Team durch die Wetterau gefahren - eine Erfahrung, die Eindrücke hinterlässt für das neue Ehrenamt, aber auch den eigenen Horizont.

Die zutiefst bewegende Ausbildung hat die bunt gemischte Truppe im Alter von knapp 50 bis gut 70 Jahren zusammengeschweißt. Für Manuela Vetter, Koordinatorin der Ambulanten Hospizhilfe Karben, sind die neuen Ehrenamtlichen eine wichtige Stütze. "Die Hospizhilfe in Karben wächst damit, und unsere Arbeit wird auf mehreren Schultern besser verteilt." Im kommenden Jahr soll ein neuer Qualifizierungskurs angeboten werden (siehe. Kasten), dann idealerweise voll besetzt mit neuen Helferinnen und Helfern nur für Karben.

Bei den ersten Begleitungen wird Vetter zur Seite stehen. Außerdem hat jeder "Neuling" einen erfahrenen Paten an die Seite gestellt bekommen. Die Supervision ist Pflicht, doch auch darüber hinaus wird Austausch unter den Ehrenamtlichen großgeschrieben: Es gibt regelmäßig Gruppenabende aller Karbener Ehrenamtliche, einmal im Quartal will sich die Ausbildungsgruppe weiterhin treffen, auch die WhatsApp-Gruppe ist am Leben. "Wir sind nicht allein", sagt Waltraud Schuld. "Das ist gut zu wissen."

NEUER KURS

Im kommenden Jahr soll ein neuer Ausbildungskurs starten. Es geht dabei um Gespräche, das gemeinsame Verbringen von Zeit - jedoch niemals um pflegerische Tätigkeiten.

Weitere Informationen erhalten Interessierte unter www.hospizhilfe- karben.de oder direkt bei Koordinatorin Manuela Vetter, Telefon/WhatsApp: 0 60 39/9 39 87 38 oder E-Mail: info@hospizhilfe-karben.de. jkö

Denn nicht zuletzt übernehmen sie eine Aufgabe, unter der sich viele im Familien- und Freundeskreis nichts vorstellen können. "Ich sage dann immer: Ich schenke Zeit für Menschen, die sich alleine fühlen und sich über Gespräche oder einfach Anwesenheit freuen", fasst Schuld zusammen.

Das gelte nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern ebenso für die Angehörigen. "Da geht es auch oft darum, Informationen an die Hand zu geben", sagt Thylmann. Denn: Während etwa werdende Eltern durch Geburtsvorbereitungskurse und Co. sehr informiert in Geburt und Elternschaft gingen, sei das Sprechen und Informieren über das Lebensende noch immer ein Tabu-Thema, beobachtet sie.

Und genau diese Tabus gelte es zu brechen: Dass etwa auch Kinder über den Tod reden können, sagt Anne Thylmann, die auch im Bundesprojekt "Hospiz macht Schule" ehrenamtlich aktiv ist. Dass man auch daheim sterben kann, sagt Hans Gerl. Und dass ein toter Mensch nichts Schreckliches ist, sagt Waltraud Schuld. Sie hat während der Ausbildung die eigene Patientenverfügung in Angriff genommen und auch mit den eigenen Kindern über ihre Wünsche gesprochen - auch wenn diese sich gegen das Thema sträubten, scheint es doch in jungen Jahren oft noch so weit entfernt.

Auch für die neuen Helferinnen und Helfer war das Thema lange weit entfernt. Jedoch habe an irgendeiner Stelle jeder oder jede von ihnen eine Begegnung mit dem Tod gehabt, erzählen die drei aus dem Kurs. Was am Ende den Anstoß gegeben hat, sich zu engagieren? "Ein Zeitungsartikel", sagen sie unisono: Aus der Zeitung haben sie davon erfahren, dass neue Ehrenamtliche gebraucht werden. Nun, da sie die Theorie verinnerlicht haben, fühlen sie sich bereit für ihre ersten "Einsätze". Nicht nur, um zu helfen, sondern auch, um selbst etwas zu gewinnen. Die erfahrenen Patinnen und Paten berichten immer wieder davon, wie viel Dankbarkeit ihnen entgegenschlägt. "Am Ende des Lebens noch einmal innezuhalten, gemeinsam zu entschleunigen und sich zu fragen, was die wirklich wichtigen Dinge waren und sind, das empfinde ich als großes Privileg", sagt Thylmann. Gleichwohl weiß sie genau, welch ein "Wagnis" sie und ihre Kollegen jetzt eingehen. "Wir wollen begleiten, aber ob wir es können? Das wird sich erst noch zeigen", sagt sie. "Mit jedem Sterbenden wird uns aufs Neue Unbekanntes entgegenkommen." Ausgelernt hat man also nie.

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