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Herr Kärcher und die Teleskope

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Hans Jürgen Kärcher in seinem Arbeitsdomizil in Klein-Karben. Er beteiligt sich auch im Ruhestand noch an der Konstruktion von riesigen Teleskopen. © Jürgen Schenk

Riesige Radio-Teleskope gehören zum Leben von Hans Jürgen Kärcher dazu. Er baut, wartet und plant diese Geräte. Das Wirken hat den Ingenieur in alle Teile der Welt geführt. Auch im Ruhestand ist er weiterhin als Experte für die Konstruktion der Stahl-Gerippe für die Fenster ins Weltall gefragt.

In den Klein-Kärber Gassen gibt es so manche Überraschung. Eine davon ist zweifellos im Gebäude der ehemaligen „Riesling-Stube“ zu finden. Wo früher Getränke gelagert wurden, entstehen seit mehr als zwei Jahrzehnten Baupläne für die größten Radio-Teleskope der Welt. Dort hat der Klein-Karbener Stahlbauingenieur und Teleskop-Designer Hans Jürgen Kärcher sein Domizil eingerichtet. Zwei dekorative Säulen in der Mitte des Raumes vermitteln einen gewölbeartigen Charme. Niemals würde man vermuten, dass sich an dieser Stelle einst ein Kuhstall befand. „Um 1850 haben reisende Maurer aus Italien den Stall ausgemauert und die Säulen eingezogen“, weiß der Hausbesitzer. Kärcher kennt sich mit Geschichte aus, ist zudem großer Literaturfreund. In Karben engagiert er sich in erster Reihe beim Literaturforum, das regelmäßig im „Kuhtelier“ zusammenkommt. Seine Sammlung an Büchern und Zeitschriften unterstreicht das eindrucksvoll. In mehreren Publikationen erscheint er selbst mit wissenschaftlichen Beiträgen.

Internationale Reputation konnte Kärcher durch sein Mitwirken an zahlreichen Teleskopprojekten erlangen. Diese überdimensionalen „Blickfenster“ ins Weltall sind über den ganzen Globus verteilt. Zu Kärchers bekanntesten Projekten zählen unter anderem das große Millimeter-Teleskop (LMT) auf dem Gipfel der Sierra Negra in Mexiko sowie das fliegende Observatorium SOFISA (Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie) im Rumpf einer umgebauten Boeing 747, das mittlerweile aber außer Dienst gestellt wurde.

Trotz seines Ruhestandes ist der Klein-Karbener noch immer als Ideengeber und freischaffender Konstrukteur tief in der Materie verwurzelt. Astronomen und Kosmologen weltweit schätzen sein Fachwissen. Ein „aber“ möchte er in dieser Hinsicht allerdings geltend machen: „Ich bin nur für den Bau des Gerippes zuständig, um die optischen Instrumente kümmern sich andere Leute.“

Den „Gerippebau“ lernte Hans Jürgen Kärcher an der Technischen Universität in Darmstadt. Dort studierte er die Fächer Mathematik, Maschinen- und Brückenbau. Nach seiner Promovierung fand er 1974 eine Anstellung bei MAN in Mainz-Gustavsburg (später MT Mechatronics). Das für den Bau von Eisenbahnbrücken bekannte Unternehmen unterhielt auch eine Teleskop-Gruppe, der sich Kärcher damals anschloss.

VORTRAG

Am Freitag, 11. November, wird Hans Jürgen Kärcher im Anschluss an die Jahreshauptversammlung des Karbener Geschichtsvereins im Clubraum 1 des Bürgerzentrums einen Lichtbildervortrag halten. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr und trägt den Titel „Teleskopie - eine Lebenserinnerung“. Der Eintritt ist frei. jsl

Nach annähernd 50 Jahren mit unzähligen Auslandsaufenthalten sind ihm Gedanken ans Aufhören mittlerweile nicht mehr fremd. „Die Zeiten sind jetzt andere“, hat der über 80-Jährige festgestellt. „Junge Wissenschaftler und Ingenieure treten vermehrt in den Vordergrund. Bei allen Projekten bin ich immer der Älteste.“ Diesen Satz sagt er jedoch ohne Bitterkeit, sondern vielmehr mit einem Lächeln auf den Lippen.

An einem Teleskop wolle er auf jeden Fall noch mitwirken, kündigt Kärcher an. Das befinde sich derzeit in einer sehr frühen Entwicklungsphase. „Bis zur Inbetriebnahme vergehen in der Regel 20 Jahre. Realisiert wird es von unserer alten Gruppe, die inzwischen bei einer Bremer Firma angesiedelt ist.“

Seit den Zeiten Galileo Galileis betrachten Menschen das Firmament mit optischen Hilfsmitteln. Moderne Teleskope, wie die von Kärcher konzipierten Modelle, erlauben einen Blick bis in die Entstehungszeit des Weltalls. Doch auch diese Weitsicht stößt an ihre Grenzen: Bilder vom ältesten Ereignis im Universum, dem sogenannten Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren, liegen aus physikalischen Gründen fern jeder Erreichbarkeit.

„Das früheste Ereignis, das man mit Teleskopen beobachten kann, ist die kosmische Hintergrundstrahlung. Sie entstand 400 000 Jahre nach dem Urknall durch das Kondensieren der Materie aus der Quantenfluktuation. Was in der Zeit vor dem Kondensieren geschah, ist nicht beobachtbar“, erklärt Hans Jürgen Kärcher. Mit anderen Worten: Astronomen schauen also immer „nur“ in die Vergangenheit, weil das Licht ferner Sterne und Galaxien so unbeschreiblich lange bis zur Erde braucht. Das, was hinter dem Horizont des Universums liegt, wird wohl bis in alle Ewigkeit unergründlich bleiben.

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Hans Jürgen Kärcher vor Bauwerk auf dem Gipfel der Sierra Negra in Mexiko auf einer Höhe von 4500 Metern. © Jürgen Schenk

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