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Ein Schicksalstag für Rendel

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Stephan Kuger hat die Katastrophe vom 18. März 1945 aufgearbeitet. Er sagt: „Ich wusste zunächst nicht, dass die Opfer direkt bei der Kirche beigesetzt wurden.“ Schenk © Red

In den letzten Märztagen 1945 ging alles sehr schnell. Während um die „Festung“ Berlin noch über einen Monat gekämpft wurde, kam das Kriegsende für die Wetterau binnen weniger Tage. Am 28. März 1945 marschierten amerikanische Soldaten auch in Rendel ein. Das Dorf muss zu der Zeit gewiss noch unter dem Eindruck eines ganz anderen Ereignisses gestanden haben.

Noch nicht einmal zwei Wochen waren seit der Katastrophe vom 18. März vergangen, bei der fünf Menschen ums Leben kamen.

Ihre Gräber befinden sich direkt an der evangelischen Pfarrkirche. Elise Lenhard, Babette Beck, Karl Beck, Gertrud Schießl und Elise Schwarzhaupt wurden nebeneinander beerdigt, so wie es bei Kriegsopfern üblich war.

Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, Pech gehabt - man könnte das Drama, das sich an jenem März-Sonntag 1945 gegen 11 Uhr ereignete, auch einfach banalisieren. Sicherlich galt die amerikanische Fliegerbombe nicht dem Haus in der Rendeler Mittelgasse. Stattdessen hatte der Lightning-Bomber wahrscheinlich eine Flakscheinwerferstellung am Ortseingang als Ziel anvisiert. Insgesamt fielen drei Bomben, zwei davon schlugen im Feld ein. Durch den Kollateralschaden in der Mittelgasse starben die einzigen Zivilisten auf dem Gebiet der heutigen Stadt Karben.

Stephan Kuger von der evangelischen Kirchengemeinde Rendel hat nach 77 Jahren alle verfügbaren Informationen über diesen Schicksalstag zusammengetragen. Das Material dient nun für die Beschriftung einer neuen Erinnerungsstele auf dem Gelände des Klein-Karbener Friedenswaldes. Am Volkstrauertag soll die Stele während einer zentralen Gedenkveranstaltung enthüllt werden.

Kugers Recherche basiert zum größten Teil auf den Schilderungen einer Augenzeugin, die in der Presse allerdings nicht in Erscheinung treten möchte. Ein paar Fotos sowie einen älteren Zeitungsbericht über die letzten Kriegstage in Rendel konnte er außerdem auftreiben. Seine aufwühlende Suche habe ihn als Anwohner sehr betroffen gemacht, verrät der Rendeler. „Es ist wie verhext. Niemand wollte damals ein zerstörtes Haus fotografieren. Auch von der Beerdigung existieren keine Bilder. Ein Foto aus den 50er Jahren habe ich gefunden, das die entstandene Lücke in der Mittelgasse zeigt. Die Lücke gibt es heute noch“, erzählt Kuger.

Der Bombentreffer hat das Haus an der Straßenseite einfach ausradiert. Die Bewohner Elise Lenhard, Babette und Karl Beck hatten nicht die geringste Chance. Gertrud Schießl, die angeblich ein Ei für ihr Kind kaufen wollte, erging es nicht besser. Elise Schwarzhaupt saß im Moment des Einschlags gegenüber auf der Treppe des Nachbarhauses und wurde von der Druckwelle getötet. Marianne, die Tochter von Karl und Babette Beck, wurde lebend aus den Trümmern geborgen, verlor aber ihr Augenlicht. Andere Anwohner trugen nur leichte Verletzungen davon, was angesichts der herumfliegenden Steine einem Wunder gleichkam. Ein Mann aus der benachbarten Bäckergasse soll das Ausklinken der Bomben beobachtet und die Menschen gerade noch rechtzeitig gewarnt haben. Der Bezug zur Gegenwart könnte kaum brisanter sein. Russische Bomben- und Raketenangriffe auf Ziele in der Ukraine, viele getötete Zivilisten - geradezu makaber erscheint diese Parallele im Licht der Geschichte. Die Pläne für den Friedenswald an der Büdesheimer Straße haben sich deshalb geändert: Zum diesjährigen Volkstrauertag am 13. November wird aus aktuellem Anlass an die Rendeler Bombenopfer erinnert. Im nächsten Jahr folgt dann das Schicksal eines Groß-Karbener Juden (vermutlich Moritz Ross).

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Die Aufnahme aus den 50er Jahren zeigt die Lücke auf der rechten Seite der Mittelgasse. red © Red

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