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Der Tatort: der Nordbahnhof in Bad Vilbel.
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Der Tatort: der Nordbahnhof in Bad Vilbel.

Kriminalität Bad Vilbel

Gewaltexzess am Bahnhof

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Zwei junge Männer treten einen Mann am Bad Vilbeler Nordbahnhof fast zu Tode, weil sie seinen Tablet-Computer haben wollen. Sie müssen sich jetzt vor dem Landgericht Frankfurt wegen versuchten Mordes verantworten. Ihr Opfer leidet bis heute unter seinen Verletzungen.

Als Arno K. irgendwann wieder zu sich kam, wusste er nicht, wie ihm geschehen war. Er weiß es bis heute nicht. Was er wusste, war dies: „Ich liege in einem Krankenbett, meine Kinder sind nicht hier, auf der Arbeit bin ich auch nicht – irgendwas ist schiefgelaufen.“

Wenn der 43 Jahre alte Schulhausmeister wissen will, was am 11. Oktober 2012 am Bad Vilbeler Nordbahnhof geschah, dann ist er auf die Verlesung der Anklageschrift vor dem Frankfurter Landgericht angewiesen. Dann weiß er, dass er an jenem Abend auf dem Weg von seiner Arbeit an einer Frankfurter Schule nach Ortenberg auf den Zug wartete und sich derweil mit seinem Tablet-Computer beschäftigte. Dann weiß er, dass zwei Jugendliche ihn vom Nachbarbahnsteig aus anpöbelten, bis er das Weite suchte, dass sie ihm nachliefen, dass sie ihn zu Boden schlugen – und ihm dann so lange ins Gesicht traten, bis er keins mehr hatte.

Die üblichen Lebensgeschichten

Die beiden jungen Männer, heute 21 und 22 Jahre alt, sitzen wegen versuchten Mordes auf der Anklagebank. Sie haben die üblichen Lebensgeschichten vorzuweisen: schlecht in der Schule, gut im Kiffen, Rechnen Sechs, Faustkampf Eins. An diesem Tag hatten sie „das restliche Kindergeld“ in Alkohol und Kokain investiert. Sie sagen Sätze wie „Wir haben am Bahnhof gesoffen und dann ist die Tat halt passiert“, es sei „halt ausgeartet durch den Alkohol“, und einen Grund hätten sie ja schließlich auch irgendwie gehabt: „Der hat sich halt zur Wehr gesetzt.“

Ob er sich wirklich zur Wehr gesetzt hat, daran kann sich Arno K. nicht mehr erinnern. Die Erinnerung an den ganzen Tag ist ausgelöscht. Was danach kam, hat er zum Glück auch nicht mitgekriegt. Nichts davon, wie man sämtliche Knochen seines Schädels nachmodellierte, soweit das möglich war. Nichts von den Platten, die man einsetzte und von denen einige auch nie mehr entfernt werden. Nichts von den Zähnen, die man ihm wieder in den Mund operierte.

Seine Kinder, elf und 14 Jahre alt, haben davon auch wenig mitgekriegt. Die durften ihren Papa, der in mehreren Kliniken Stück für Stück wieder zusammengesetzt wurde, wochenlang nicht sehen. Der Richter fragt, wenn er Arno K. Fotos aus dieser Zeit zeigt, ob er den Anblick ertragen könne. Er kann.

Was er nicht mehr kann: Motorradfahren, Handballspielen, Thai-Boxen – „weil mein Kopf eine einzige Sollbruchstelle ist“.

Opfer musste Sprechen erst wieder lernen

Das Sprechen musste er nach der Tat ebenso wieder erlernen wie die tägliche Körperhygiene. Das hat er gut hinbekommen, nur manchmal, wenn er sich aufregt, sucht er nach Worten und fängt an zu stottern. Ein paar Narben sind im Gesicht zurückgeblieben, eine riesige zieht sich von Ohr zu Ohr. Er schielt jetzt auch ein bisschen. Um es anders zu sagen: Arno K. hat Riesenglück gehabt. Er lebt.

Und hat sich nicht unterkriegen lassen. „Jetzt habe ich halt mit Kanufahren wieder angefangen.“ Er fährt Rad und schwimmt. Und kämpft manchmal gegen die Angst, die ihn auf Bahnsteigen erfasst: „Man fühlt sich beobachtet.“

So seltsam es klingt: Die Tat, sagt Arno K., habe sein Leben gar nicht so verändert, wie man meinen könnte. Auch wenn er einigen Hobbys heute nicht mehr nachgehen könne, lange es immer noch, mit seinen Kindern etwas zu unternehmen, die nach wie vor an erster Stelle stünden. Mit seinem Leben war er bislang eigentlich ganz zufrieden: „Es war nichts dabei, von dem ich sagen könnte, es war moralisch verkehrt oder nicht in Ordnung.“

Das ist mit Sicherheit mehr, als die beiden Angeklagten, die eine Jugendstrafe von maximal zehn Jahren Haft erwartet, je von sich behaupten werden können. Den Tablet-Computer, den die beiden ihrem halbtoten Opfer schließlich abgenommen hatten, verscheuerten sie tags darauf für 200 Euro in der Leipziger Straße in Bockenheim an irgendwen. Bestenfalls wurde der Erlös anschließend ohne Umschweife versoffen.

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