+
Adolf Reichwein (ganz links) 1910 im Kreis von Mitschülern.

Rosbach

Der Wandervogel gegen Hitler

Vor 70 Jahren starb der Widerstandskämpfer Adolf Reichwein - zum Tode verurteilt durch den Volksgerichtshof. Die Stadt Rosbach, in der Reichwein seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat des Pädagogen gedacht. Noch heute gibt es in Rosbach viele Spuren.

In einem Brief an Freunde erinnert sich Adolf Reichwein 1930 an seine Kindheit in Ober-Rosbach: „Wir hatten einen Christbaum in der Kirche, der bis zur Orgel reichte. Als ich Junge war, haben wir von der Orgel Unsinn mit den obersten Lichtern gemacht, zum Beispiel wenn der Pfarrer unten ging, ihm Wachs auf den Kopf getropft. Das war nicht sehr fein, aber ungemein prickelnd.“ Professor Eugen Ernst zitierte die Zeilen am Montag in der Gedenkstunde zum 70. Todestag Adolf Reichweins, des SPD-Widerstandskämpfers, in Rosbach. In der Stadt, die damals noch Ober-Rosbach hieß, verbrachte Reichwein bis 1916 seine Kindheit. Wie Ernst erzählte, war der junge Reichwein zu Streichen, zum Herumstreunen in Scheunen, bei Suchspielen auf den Resten der früheren Stadtmauer stets gut aufgelegt. Bis in diese Zeit sieht Ernst die Ursprünge von Reichweins Denken und Handeln zurückgehen.

Das spätere Mitglied des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth James Graf von Moltke kam am 7. Oktober 1898 in Bad Ems zur Welt. Sechs Jahre später zogen die Reichweins um – aus der „wilhelminischen Enge von Bad Ems“ ins weltoffenere Ober-Rosbach. Dort war sein Vater, Karl Gottfried Reichwein, bis 1933 als Dorfschullehrer tätig. Auch war er Mitbegründer des Volksbildungsvereins in Ober- und Nieder-Rosbach und Leiter des Männer- und Kirchenchores. Laut Ernst war der Vater von Johann Heinrich Pestalozzi und Adolph Diesterweg, zwei Wegbereitern der Reformpädagogik, inspiriert. Dies hatte Einfluss auf den Sohn.

Nach vier Jahren Grundschule schickten ihn die Eltern 1909 auf die Realschule nach Friedberg, die heutige Augustinerschule, und 1914 auf die Oberrealschule nach Bad Nauheim. Reichwein meldete sich als Kriegsfreiwilliger und wurde im November 1916 eingezogen. Das Abitur schaffte er noch vor dem Ende seiner militärischen Ausbildung im Februar 1917. Er zog in den Krieg und wurde – gerade mal 19 Jahre jung – schwer verwundet.

Mehr noch als durch die „Stahlgewitter“ des Ersten Weltkriegs wurde Reichwein von der Wandervogelbewegung beeinflusst, einer Schüler- und Studentenbewegung, die sich von den engen Vorgaben des schulischen und sozialen Umfelds löste, um in freier Natur eine eigene Lebensart zu entwickeln. Zu ihr hatte der junge Reichwein schon als Schüler über einen Lehrerkollegen des Vaters aus Friedberg gefunden. Mit elf Jahren war Reichwein in der Friedberger Wandervogel-Ortsgruppe Mitglied geworden. An den „Nestabenden“ im Tor-Turm der Friedberger Burg habe er Ideale kennengelernt, die bei ihm lebenslang von Bedeutung gewesen seien, so Reichwein-Forscher Ernst. 1913 durfte er bereits kleinere Ausflüge leiten, 1916 stieg er zum Leiter der Gruppe auf.

Erfahrungen im Bergbau

Geprägt haben das spätere SPD-Mitglied auch die Erfahrungen als „Ferienjobber“ in den Mangangruben seiner Heimatgemeinde. Der Erzbergbau bot damals rund 200 Rosbachern Arbeit und Brot. „Adolf Reichwein lernte hier die gefahrvolle Leistung der Bergarbeiter hautnah kennen und bewerten“, so Ernst. Das habe seine späteren Programme in der Erwachsenenbildung, zum Beispiel als Leiter des Arbeiterbildungsheims in Jena, inspiriert. Bereits zu Marburger Promotionszeiten hatte Reichwein Treffen von elf Industriearbeitern mit acht Akademikern initiiert, um über das Verbindende beider Gruppen zu philosophieren.

Reichwein brachte es bis zum Professor an der neu gegründeten Pädagogischen Akademie Halle (Saale). Doch die Nazis entließen ihn 1933 nach drei Jahren. Er wurde Volksschullehrer, ab 1939 Museumspädagoge am Staatlichen Museum für deutsche Volkskunde in Berlin. Er fand Anfang 1944 zum „Kreisauer Kreis“. Auf dem Weg zu einem Treffen der Widerstandsgruppe am 4. Juli 1944 verhaftete ihn die Gestapo. Nach einem kurzen Prozess wurde er in Berlin-Plötzensee erhängt. Auf dem Gedenkstein für Reichwein am Grab seiner Eltern in Ober-Rosbach heißt es: „Er gab ein reiches Leben zum freiwilligen Opfer, um mitzuhelfen, dass Religion und Sittlichkeit in seinem Volk dem Ansturm des Untermenschentums nicht erliege.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare