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„Wir brauchen eine Verjüngung“

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Von: Joachim Wille

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Beim Rundgang durch den Stadtwald wurden zahlreiche Themen angesprochen. Wagner (3) © Jürgen Wagner

Borkenkäfer, Stürme, die jüngsten Dürreperioden haben dem Friedberger Stadtwald arg zugesetzt. Doch es tut sich was. Wo einst Fichten standen, wächst neues Grün. Von alleine wird sich der Wald aber nicht erholen, verdeutlichte Forstamtsleiter Jörg Deutschländer-Wolff beim Rundgang mit Kommunalpolitikern.

Die Freiflächen im Friedberger Stadtwald wachsen langsam wieder zu. Buschwerk bedeckt den Boden, junge Bäume sprießen. Herrscht wie zuletzt Trockenheit, sorgen Rehe aber für hohen Verbiss. „Damit der Wald wieder hochkommt, sind wir mit vielen Leuten unterwegs“, sagt Jagdpächter Frank Ulrich aus Rosbach. Ein bis zwei Hirsche sowie 20 Rehe stehen auf dem jährlichen Abschussplan. Problem: Rehe vermehren sich rasant. Auch das Rotwild schält bei Stress die Bäume. Willkommen ist hingegen das Wildschwein. Das wühlt hier nicht die Äcker der Bauern, sondern den Waldboden auf, der auf diese Weise belüftet wird.

Im Friedberger Stadtwald lebten auch Wildkatzen, Hasen, Füchse, Dachse und der Luchs, sagt Ulrich. Luchse können helfen, die Reh-Population niedrig zu halten. Was auch für Wölfe gilt. Nicht weit vom Friedberger Stadtwald wurden bereits Wölfe gesichtet. Ulrich hätte nichts dagegen, würden die scheuen Tiere hier heimisch. „Der Wolf würde uns gegen die steigende Rehe-Population helfen.“

Jagen hilft ebenfalls, aber um hier ein Reh zu schießen, benötigen die Jäger oft mehrere Tage. Ulrich: „Es herrscht ein großer Freizeitdruck durch Spaziergänger und Radfahrer. Deshalb sind viele Tiere nachtaktiv.“ Auf den Freiflächen, wo einst Fichten standen, behindert Buschwerk die Sicht. Die Jäger haben deshalb Jagdschneisen angelegt. „Der Tierbestand ist viel zu hoch“, sagt Ulrich, der daran erinnert, dass Jagdpächter nicht nur bei der Aufforstung helfen. „Wir sind auch Erzeuger von bestem Biofleisch.“ Die Jagd war nur eines der Themen, die beim Rundgang durch den Stadtwald besprochen wurden. Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender und Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) hatten dazu am Samstag die politischen Gremien eingeladen. Es regnete, viele Kommunalpolitiker blieben zu Hause. Geführt wurden die knapp zwei Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Forstamtsleiter Jörg Deutschländer-Wolff und dem kommissarischen Revierleiter Björn Neugebauer.

Der Stadtwald erholt sich langsam. Aber es bleibt viel zu tun. „Wir erleben eine Situation, die wir so noch nie hatten. Und wir sehen kein Ende“, sagt Deutschländer-Wolff, der eine Warnung ausspricht: Laut Klimaforschern war „der Sommer 2022 der kühlste und feuchteste der nächsten 20 Jahre“. Bäume, die im Frühjahr gepflanzt wurden, waren im Juni vertrocknet. „Wir müssen den Wald neu denken. Wir brauchen eine Verjüngung und mehr Vielfalt.“

Der Friedberger Stadtwald (der eigentlich der Ockstädter Wald ist) liegt am Höhenkamm des Wintersteins, hinter dem Bundes- und Landesforst. Mit 215 Hektar ist er recht klein. Zum Vergleich: Der Butzbacher Stadtwald ist über 3000 Hektar groß. Früher trug sich der Wald selbst. „Mit dem Holzverkauf haben wir rund 100 000 Euro im Jahr eingenommen“, sagt Bürgermeister Antkowiak. In den letzten Jahren gab es ein Nullsummenspiel. Jetzt geht es alleine um den Erhalt des Waldes.

Wie Neugebauer erläutert, sind Fichten die falschen Bäume für den flachgründigen Tonschiefer im Taunus. Als sie angepflanzt wurden, sollten sie rasch Gewinn bringen. Die Preise fielen aber in den Keller, das Holz war nichts mehr wert. Jetzt dreht sich der Trend. Selbst vom Borkenkäfer verfärbtes Holz erzielt hohe Preise. „Kaufen Sie mal einen Packen Dachlatten im Baumarkt!“, meinte ein Ockstädter. „Wenn Sie welche kriegen“, lautete die Antwort.

Viele Themen wurden angesprochen. Etwa der Holzklau, den die Förster mit GPS-Sendern bekämpfen. Die Waldameisenbestände gehen dramatisch zurück. Dafür wachsen allerorten kleine Fichten. Würde man sie alleine wachsen lassen, stünde man in 30 oder 40 Jahren vor dem gleichen Problem: Der Borkenkäfer hätte leichtes Spiel.

Zukunftsträchtig ist ein angrenzender Douglasienbestand. Die Bäume aus Nordamerika sollen die Fichte als Bauholz ersetzen. Wie Neugebauer sagt, wurden die Stämme auf fünf Meter entastet, damit sie in die Breite wachsen; in 40 Jahren können sie geerntet werden.

Bis dahin soll unter den Douglasien bereits die nächste Waldgeneration gewachsen sein: Einen Mischwald aus Eichen, Ahorn, Buchen, Eschen, Ulmen, stellen sich die Forstleute vor. Damit diese Bäume auch Licht und genügend Wasser haben, werden einzelne Douglasien gefällt. Die „industrialisierte Denke“, laut der man aus dem Wald möglichst viel Rohstoff in möglichst kurzer Zeit herausholt, sei endgültig vorbei, sagt Forstamtsleiter Deutschländer-Wolff.

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„Junger Wald“ steht auf dem Schild des Baumstumpfes. © Jürgen Wagner
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Förster Björn Neugebauer erläutert, wie der Wald verjüngt wird. © Jürgen Wagner

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