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Wasservorkommen ausgemacht

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Von: Joachim Wille

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Der Wartturm ist Aussichtsturm, Gedenkstätte und Wasserturm mit Hoch- und Erdbehältern. nici Merz © Nicole Merz

Wir erleben eine Jahrhundertdürre. Bäche trocknen aus, Bäume sterben, die Felder sind grau. Die Wasserampel steht auf Dunkelgelb, mancherorts sogar auf Rot. Wasser aber gibt es in Hülle und Fülle, sagt eine Brunnensuchfirma aus Remscheid: Im Untergrund von Friedberg gebe es drei große Wasservorkommen. Die Politik ist skeptisch.

Die Stadt Friedberg muss wie andere Kommunen auch ihr Trinkwasser einkaufen. Immerhin zwei öffentliche Brunnen gibt es in der Stadt: in Ockstadt und auf dem Bauhofgelände am Burgfeld. Mit Letzterem werden die Sportplätze bewässert. Die Firma Fresenius betreibt einen eigenen Brunnen, das Wasser wird nicht für die Produktion, sondern für Abkühlung und Verdampfung verwendet. Glaubt man der Firma Retagg-Solutions aus Remscheid, dann gibt es im Untergrund von Friedberg weitere Wasservorkommen. Sie liegen in tieferen Erdschichten, es handele sich um „witterungsunabhängige Wasservorkommen aus tektonischen Störzonen“.

Drei dieser Störzonen hat die Firma bei einer Potenzialanalyse auf dem Stadtgebiet ausgemacht. Ende 2020 hatte die Firma Kontakt zum Rathaus aufgenommen. Die Stadtwerke gaben die Potenzialanalyse zur Lokalisierung wasserführender tektonischer Zonen in Auftrag. Laut dem Unternehmer wird dabei ein Sensor auf der Erdoberfläche positioniert, der mechanische Impulse in die Erde abgibt. Diese Impulse breiteten sich ähnlich aus wie Schallwellen, die von Erd- oder Gesteinsschichten reflektiert werden. Ein Geophon misst die Schallwellen und gibt sie an einen Rechner weiter. Daraus entsteht ein seismisches Profil, das die Situation im Untergrund „präzise lage- und tiefengenau“ wiedergibt.

Fündig wurden die Brunnenspezialisten am Wartturm (eine Störzone), auf einem als „HB Ober-Mörlen“ bezeichneten Grundstück (drei Störzonen) und auf dem Gelände der Kläranlage in der Fauerbacher Hauptstraße (zwei mögliche Wasservorkommen). Die Stadt müsste nur eine Brunnenbohrfirma beauftragen, die nötigen Genehmigungen einholen und die Infrastruktur herstellen - schon könnte Trinkwasser aus tiefen Erdschichten gefördert werden.

VERFAHREN

Der Erdmantel berge gewaltige Wasservorkommen, das Wasser steige über die natürlichen Störzonen nach oben und könne punktgenau erschlossen werden, erläutert Andreas Hoffmann von der Firma Retagg-Solutions. „Wenn es tektonische Störzonen gibt, dann finden wir die zu 100 Prozent.“ Dann übernimmt in der Regel ein Ingenieurbüro die Bohrung. Retagg verdiene erst Geld, wenn auch tatsächlich Wasser fließe.

Ein Video der ZDF-Reihe „Terra XPress“ zeigt, wie das Verfahren angewandt wird. In einer Gemeinde im Bayerischen Wald droht der Wassernotstand. Trinkwasser wird mit Tanklastern aus dem Tal geholt, ein Wünschelrutengänger sucht Wasseradern, doch vergeblich. Erst die Experten aus Remscheid können helfen und finden eine neue Wasserader. jw

Die Stadtwerke aber haben abgewunken. Wie Betriebsleiter Klaus Detlev Ihl dieser Zeitung sagte, habe man „für kleines Geld“ die Voruntersuchung in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse, dargestellt anhand von Grafiken und Diagrammen, habe man mit Fachleuten eines Ingenieurbüros besprochen - und dann Abstand von der Sache genommen. Die Gründe will Ihl nicht nennen, nur so viel: Man habe die Ergebnisse als nicht zielführend für Friedberg erachtet. Die Stadtwerke haben seit Längerer Zeit den Auftrag der Politik, nach alternativen Wasserquellen zu suchen. Die Grünen im Stadtparlament hatten im März 2021 ein lokales Wasserkonzept gefordert: Angesichts des Klimawandels und des damit verbundenen Trinkwassernotstandes müsse der Magistrat eine Gefahrenabwehrverordnung vorlegen. Grünen-Sprecher Florian Uebelacker hatte damals gefordert, die Stadt müsse sich unabhängiger vom Wasserlieferanten Ovag machen. Grünen-Stadtrat Karl Moch will die Ergebnisse der Firma Retagg nicht sofort in der Schublade verschwinden lassen. „Die Stadt sollte eigene Initiativen bei der Trinkwasserversorgung ergreifen“, sagt Moch. Ob Wasservorkommen aus tektonischen Störzonen der richtige Weg sind, müsse man prüfen.

Eine Stadt, die das Verfahren erfolgreich erprobt hat, ist Ullrichstein. „Millionen für sauberes Wasser“ titelte die „Alsfelder Allgemeine“ im Juni dieses Jahres zum „Tag der offenen Tür vom Wasser zum Abwasser“ in der Stadt im Vogelsberg: Eine Million Euro wurden in einen neuen 200 Meter tiefen Brunnen investiert, die Wasserversorgung, die große Sorgen bereitete, ist wieder sichergestellt. Jetzt werden elf Kubikmeter in der Stunde gefördert. Alles gut? Der Bürgermeister von Ulrichstein war aufgrund der Urlaubszeit nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Mit dabei in Ullrichstein waren auch Frank Weller und Andreas Hoffmann von Retagg, um das von ihnen entwickelte Verfahren den Bürgern zu erläutern. Wie Hoffmann gegenüber dieser Zeitung sagt, sei man die einzige Firma, die das neue Verfahren zur Auffindung von Trinkwasservorräten anwendet. Derzeit habe man 20 Kunden. „Wir sind gut beschäftigt.“

Manche Fachleute seien skeptisch, einer habe zu ihm gesagt, damit „revolutioniere man die Geologie“. Hoffmann: „Das wirft die klassische Lehre über den Haufen.“ Er ist aber zuversichtlich, dass sich das Verfahren durchsetzt. „Wir haben demnächst Gespräche mit der nordrheinwestfälischen Landesregierung. Wir wollen in Wäldern Wasservorkommen lokalisieren, um in Brandfällen Zisternen bereitzuhalten.“

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