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Superfood aus der Wetterau

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Von: Jürgen Wagner

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Spatenstich für eine neue Richtung in der heimischen Landwirtschaft (v. l.): Architekt Heiko von der Heid, Christian Bickert, Bürgermeister Dirk Antkowiak, Anni, Katja und Albert Bickert. nici merz © Nicole Merz

Landwirte sind Unternehmer. Haben sie eine Marktlücke entdeckt, müssen sie investieren. Die Familie Bickert baut an den Windhöfen zwischen Bruchenbrücken und Fauerbach eine Landwirtschaftshalle. Eine normale Halle für eher unübliche Feldfrüchte: Speiseleguminosen.

Speiseleguminosen sind Hülsenfrüchte: Bohnen, Linsen, Kichererbsen. Die werden in Deutschland eher selten angebaut, manche Arten sogar nur in Friedberg. Auf den Feldern des Hofs Bickert in Bruchenbrücken wachsen Kichererbsen, fünf Sorten Edellinsen, Kidney-, Pinto-, schwarze und weiße Bohnen sowie Sojabohnen. Hinzukommen exotische Getreidearten wie roter Emmer, Rotkornweizen und erste Versuche mit Trockenreis.

„Bei einigen dieser Arten sind wir auf dem Hof Bickert die einzigen Anbauer in Deutschland, bei anderen zählen wir zu einer Handvoll Betrieben hierzulande, die diese Kulturen überhaupt anbauen“, sagt Christian Bickert.

Am Samstag hatte die Familie zum Spatenstich eingeladen. In unmittelbarer Nähe zu den Windhöfen entsteht eine neue Betriebsstätte. Neben Familie, Freunden und Kollegen war auch Friedbergs Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) erschienen. Bitterkalt war es, doch nach dem symbolischen Spatenstich - ein Nachbar hatte den hart gefrorenen Boden mit einem Bagger aufgelockert - wärmte eine deftige Bohnensuppe, zubereitet aus den eigenen Erzeugnissen.

Die Familie investiert eine runde Million in das Bauvorhaben. Die Halle misst 42 mal 22 Meter. Wie Architekt Heiko von der Heiden (Nidda) sagte, gibt es keine Trends bei Landwirtschaftshallen: „Sie muss wirtschaftlich sein.“ Dass sie dringend notwendig ist, machte Sohn Albert Bickert (28) deutlich. Im alten Hof im Ortskern von Bruchenbrücken fehlt der Platz für die Maschinen, die notwendig sind, um die geernteten Feldfrüchte für die Vermarktung aufzubereiten.

FAMILIENBETRIEB

Bauherr der Landwirtschaftshalle in den Feldern nahe der Windhöfe zwischen Friedberg-Fauerbach und Bruchenbrücken ist die Bickert Agrar GbR. Die Familie Bickert bewirtschaftet seit dem 17. Jahrhundert in nunmehr 10. Generation einen Bauernhof in Bruchenbrücken.

Familie steht im Betrieb im Vordergrund: Heute arbeiten drei Generationen auf dem Hof. Senior Werner Bickert übernimmt mit 78 Jahren noch fast die gesamte Bodenbearbeitung, Christian Bickert (56) kümmert sich um die Betriebsabläufe und verantwortet den Weizen- und Zuckerrübenanbau, Albert Bickert (28) führt den Betrieb mit der Neuausrichtung auf Speiseleguminosen mit seiner Schwester Constanze in die Zukunft. Und dass alle drei Ehefrauen kräftig anpacken und viele Arbeiten übernehmen, die niemand sieht, ist auch selbstverständlich.

Mittlerweile wächst die 11. Generation heran: Sohn Theodor wird im Frühjahr zwei Jahre alt. Ob er ebenfalls Landwirt wird, darf er aber laut Opa Werner selbst entscheiden. „Das wird sich zeigen.“ jw

Alle Produkte werden selbst aufbereitet, ein Teil davon wird haltbar gemacht. „In diesem Segment sind wir die einzigen Anbieter in Deutschland“, sagt Christian Bickert. „Wir vermarkten direkt an den Lebensmittelhandel und die Gastronomie.“ Der Kundenkreis reicht von Weil am Rhein bis Greifswald, von Saarbrücken bis Chemnitz.

Wie Albert Bickert erläuterte, bedeutet der Anbau von Hülsenfrüchten viel Handarbeit. Die ganze Familie hilft mit. Die Schwester Constanze kümmert sich um Aufbereitung und Vermarktung, seine Frau Anni hilft ebenso beim Unkrautjäten wie Mutter Katja, Opa Werner und Oma Elfriede. „Ich bin die jüngste sprechfähige Generation“, scherzte Albert Bickert und sah zu seinem Sohn Theodor (1,5), der bei Opa Werner auf dem Arm war und alles genau beobachtete.

Die Familie baut auch Weizen, Rüben und Raps an, das Übliche, was auf den guten Böden der Wetterau wächst. Inzwischen sind Speiseleguminosen aber das Kerngeschäft des Betriebes, „aufgebaut in nur vier Jahren von Albert und Constanze Bickert“, wie der stolze Vater sagt. „Sie haben den Nerv der Zeit getroffen - Superfood ist in aller Munde.“

Für die Familie sei der Spatenstich „der Beginn einer neuen Richtung in der Landwirtschaft“, sagte Albert Bickert. Wobei der Jungbauer sein Projekt bereits vor fünf Jahren mit den ersten Kichererbsen startete. Am 2. Advent des vergangenen Jahres habe die Familie sich zusammengesetzt und beschlossen: Wir brauchen mehr Platz, wir bauen eine neue Halle, die Arbeit muss professioneller laufen. Bürgermeister Antkowiak lobte das unternehmerische Risiko, wünschte der Familie viel Glück und Erfolg: „Möge der Betrieb wachsen.“ Geht es nach der Familie, ist das Wirtschaftsgebäude nur der erste Schritt. Auf dem Hof im Dorfkern fehlt der Platz. Die Aufbereitung von Bohnen, Erbsen und Linsen erfordert einen Maschinenpark. Das Geschäft boomt, mittlerweile werden die Hülsenfrüchte nicht nur kilo-, sondern tonnenweise an Lebensmittelhändler oder Großküchen verkauft. Im Sommer helfen Saisonkräfte. Dann werden Sanitärräume benötigt.

Deshalb hat die Familie einen Bauantrag für ein Wohnhaus neben der Halle gestellt. Dann könnten viele Arbeiten nebenher erledigt werden. Bürgermeister Antkowiak versprach, die Sache wohlwollend zu prüfen. Die letzte Entscheidung liegt beim Wetteraukreis.

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