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„Kreis macht uns obdachlos“

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Von: Jürgen Wagner

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Hausbesitzer Yasin Cirak zeigt im Garten auf seine Terrassenüberdachung, die er ebenfalls abbauen muss, wenn der Anbau (von der rechten Kante bis etwa zum Fallrohr) abgerissen wird. nici merz (2) © Nicole Merz

Geht es nach dem Wetteraukreis, sitzt eine vierköpfige Familie aus Friedberg bald auf der Straße. Ihr Haus grenzt an die Kreisverwaltung in der Homburger Straße, die Grenzbebauung ist sechs Meter länger als erlaubt. Als Yasin Cirak das Haus 2015 kaufte, wusste er davon nichts. Jetzt soll er die Verantwortung übernehmen. Er sagt: „Wir werden in den Ruin getrieben.“

Nach Paragraf 6 der Hessischen Bauordnung darf eine Grenzbebauung nicht größer als 15 Meter sein. Das Haus von Yasin und Methap Cirak, das sie mit ihren beiden Kindern in der Lindenstraße in Friedberg bewohnen, überschreitet diesen Wert um sechs Meter. Die Konsequenz, die der Wetteraukreis daraus ziehen will, bedeutet für die Familie nach den Worten von Yasin Cirak den finanziellen Ruin. Alles, was sie sich aufgebaut haben, wäre zunichte.

2015 kaufte das Ehepaar Cirak das Haus. „Wir haben alle rechtlichen Bedingungen eingehalten. Der Aufteilungsplan aus dem Jahr 1978, beglaubigt durch das Kreisbauamt, lag vor, ebenso die Teilungserklärung.“ Das Haus war von einem Vorbesitzer ausgebaut worden, damit zwei Familien Platz haben. Dabei wurde ein Anbau errichtet, der längs der Grundstücksgrenze zur Homburger Straße 17 verläuft.

Wer den Anbau errichtet hat, weiß Cirak nicht. Er sei völlig überrascht gewesen, als er im Februar 2021 in einem Schreiben des Wetteraukreises aufgefordert wurde, den illegalen Teil des Anbaus abzureißen. Den Stein ins Rollen brachte eine Nachbarin, die vom Kreis eine Genehmigung zur Verlegung von Versorgungsleitungen erbat. Dabei muss der Behörde der Fehler aufgefallen sein. Cirak sagt, er habe glaubhaft dargelegt, dass er beim Kauf des Hauses nichts von der fehlerhaften Grenzbebauung wusste. Die Bauaufsichtsbehörde sei davon unbeeindruckt gewesen und habe den Abriss verlangt. Für Cirak „Behördenwillkür“.

STELLUNGNAHME

Wie die Kreisverwaltung mitteilt , habe die Stadt Friedberg beim Wetteraukreis Anzeige aufgrund des illegal errichteten Anbaus auf dem betreffenden Grundstück erstattet.

„Der Wetteraukreis ist verpflichtet, einer solchen Anzeige nachzugehen und als zuständige Bauordnungsbehörde tätig zu werden. Da an besagter Stelle des Grundstücks kein Baurecht besteht, wäre der Anbau somit selbst dann nicht legalisierbar, wenn der Besitzer nachträglich einen Bauantrag stellen würde; ein entsprechender Antrag wurde darüber hinaus auch nicht gestellt“, heißt es.

„In der Folge musste eine sogenannte Beseitigungsverfügung erlassen werden. Diese besagt, dass der illegal errichtete Anbau, der darüber hinaus bauplanungs- und bauordnungsrechtliche Vorschriften verletzt, zurückgebaut werden muss. Der Eigentümer hat dagegen Klage eingereicht. Das Verfahren ist bei Gericht anhängig, weshalb derzeit keine weiterführenden Angaben zum Sachstand gemacht werden können.“ jw

Würde er sechs Meter seines Anbaus abreißen, wäre sein Haus nahezu halbiert. Es geht um 54 von 123 Quadratmetern. Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer und ein Teil des Bades fielen weg. Das Haus wäre nicht mehr bewohnbar. Dabei stört der Anbau offensichtlich nicht. Auf dem Hof der benachbarten Kreisimmobilie parken Autos und Fahrräder, Mülltonnen stehen dort. Cirak sagt, die Angelegenheit könne „mit ein wenig gutem Willen“ zur Zufriedenheit beider Parteien gelöst werden. Er möchte eine nachträgliche Baugenehmigung, hat sich bereit erklärt, alle Kosten zu tragen. Darauf sei der Wetteraukreis aber nicht eingegangen. „Wir können nachts nicht mehr ruhig schlafen“, schildert Yasin Cirak. Auch seine Kinder litten unter der Angelegenheit. „Mein Sohn fragt mich, was passiert, wenn sein Zimmer abgerissen wird. Mir gehen die Antworten aus.“ Die Sache nehme ihn und seine Frau psychisch stark mit, die Belastung sei riesig. Auch finanziell. Um das Haus zu kaufen, nahm Cirak, der als Techniker bei der Friedberger Wohnungsbaugesellschaft arbeitet, einen Baukredit auf. „Zum monatlichen Abtrag kämen noch Abrisskosten und die Suche nach neuem Wohnraum mitsamt Mietzahlungen hinzu. Wie soll das eine Familie stemmen?“, fragt er.

Cirak hat im Internet eine Petition gestartet. Nach wenigen Tagen hatten bereits fast 900 Menschen unterzeichnet (auf change.org, „Behördenwillkür droht Familienexistenz zu vernichten“). Er hat sich Beistand von einem Baurecht-Rechtsanwalt geholt. Dieser hat Klage gegen den Wetteraukreis erhoben. „Die Gesetze sind doch dafür da, um den Menschen zu dienen. Ich glaube an das deutsche Rechtssystem“, sagt Cirak und will die Hoffnung nicht aufgeben, vor Gericht zu siegen.

In der Petition heißt es: „Es scheint völlig egal, dass sich hier ein menschliches Drama abspielt. Eine hart arbeitende Familie, die in keiner Weise etwas für die Situation kann, wird sehenden Auges in den Ruin getrieben. Hiervon sind auch zwei Kinder betroffen, die nun in ständiger Angst leben müssen, ihr Zuhause zu verlieren, und die Sorgen und Ängste der Eltern miterleben müssen.“ Der Friedberger Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) sagte, er habe sich die Akten des Falles kommen lassen. „Es kann nicht sein, dass eine Familie obdachlos wird, weil vor über 40 Jahren ein Fehler passiert ist.“

Der Wetteraukreis hat eine kurze Stellungnahme abgegeben (siehe Kasten).

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Blick vom Hof des Nachbarn - der Kreisverwaltung - auf den Anbau, vor dem Mülltonnen und Autos stehen. © Nicole Merz

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