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Exotische Knollen aus der Wetterau

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Der Landwirt und Agrarwissenschaftler Timm Bernhard baut auf dem heimischen Hof in Dorheim Exotisches an. Der Klimawandel macht’s möglich. loni schuchardt © Harald Schuchardt

Süßkartoffeln stammen aus Süd- und Mittelamerika, Knoblauch aus Zentralasien. Aber die beiden Gewächse gedeihen auch in der Wetterau. Timm und Steffen Bernhard aus dem Friedbegrer Stadtteil Dorheim bauen auf ihren Feldern „Local Exotics“ an.

Süßkartoffeln werden bei den Verbrauchern immer beliebter. Die ursprünglich aus Lateinamerika stammende Knolle wird heute in vielen tropischen Regionen der Erde angebaut. Doch es gibt in der Region eine Alternative: Süßkartoffeln aus Dorheim.

Vor sechs Jahren hatte Timm Bernhard die Idee, im landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Süßkartoffeln anzubauen. Unterstützt wird er dabei von Vater Steffen, der Anfang der 1990er Jahre den Schwerpunkt des Betriebs, der sich seit mehr als 250 Jahren in Familienbesitz befindet, auf den Kartoffelanbau verlagerte. 1994 begann die Familie mit der „Kartoffelvermehrung“, der Zucht von Pflanzkartoffeln für Züchterhäuser wie Europlant und Norika.

Nach und nach stieg die Anzahl der angebauten Kartoffelsorten auf fast 30, darunter auch alte Sorten wie „Bamberger Hörnchen“ oder besondere Kartoffelsorten wie die französische Kartoffel „La Bonnotte“. Wie er auf die Idee kam, Süßkartoffeln, die auch Bataten genannt werden, anzubauen? Das erklärt Timm Bernhard so: „Ich wollte das einfach mal testen, auch um Süßkartoffeln aus der Region anzubieten.“

Ganz einfach war das Experiment am Anfang jedoch nicht, unterscheidet sich der Anbau der Süßkartoffel doch erheblich vom gewöhnlichen Kartoffelanbau. So bauten Vater und Sohn eine eigene Pflanzmaschine. Die Ernte erfolgt per Hand, da die Kartoffelroder hierfür nicht geeignet sind. „Die Schale ist zu dünn und die großen Knollen brechen schnell“, sagt Timm Bernhard, der seinen Doktor in Agrarwissenschaften gemacht hat. Als Agrarwissenschaftler ist er zusätzlich an der Universität Gießen wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Pflanzenzucht. Ein gravierender Unterschied zwischen Bataten und üblichen Kartoffelsorten ist die Aussaat. Werden bei den üblichen Sorten Knollen in den Boden gesteckt, so sind es bei der Süßkartoffeln Pflanzen, die auf einen Damm gesetzt werden. Im Damm befinden sich Tröpfchenbewässerungsschläuche, die für genügend Feuchtigkeit sorgen.

VIELSEITIGE BATATEN

Süßkartoffeln haben eine leicht mehlige Konsistenz, die Schale hat je nach Sorte eine unterschiedliche Farbe, das Fleisch ist weiß, gelb oder rot-violett. Bataten können, wie herkömmliche Kartoffeln, gekocht, frittiert, gebraten oder im Ofen gebacken werden.

Obwohl die Knollen meist größer sind als andere Kartoffelsorten, benötigen sie nur eine Kochzeit von 15 Minuten. Aus gegarten Bataten lässt sich mit Milch ein leckeres Püree herstellen. Süßkartoffeln sind auch eine beliebte Beilage zu Fleisch oder Fisch.

Was die wenigsten Menschen wissen: Auch die Blätter der Süßkartoffelpflanze sind essbar. „Sie passen hervorragend in einen gemischten Salat“, sagt Steffen Bernhard, der einen Süßkartoffelsalat mit Schafskäse, Radicchio, Olivenöl und Zitrone empfiehlt. „Da sind die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter vertreten.“ har

Die Süßkartoffel ist ein Windengewächs, während die bekannten Kartoffelsorten zur Familie der Nachtschattengewächse gehören. Vermarktet wird die heimische Süßkartoffel über Verbrauchermärkte in der Region und in der kleinen Verkaufshütte auf dem außenliegenden Hof der Bernhards, der über die Einfahrt neben dem Dorheimer Friedhof zu erreichen ist.

Die Wetterauer Süßkartoffel erhielt das Siegel „Geprüfte Qualität - Hessen“, auch der Hessische Rundfunk berichtete bereits über Anbau und Vermarktung der zertifizierten Süßkartoffel als „Local Exotics“. So werden alle nicht einheimischen Obst- und Gemüsesorten genannt, die inzwischen hier angebaut werden. Steffen Bernhard hat bei der Vermarktung gravierende Unterschiede festgestellt: „In Städten und deren Umfeld sind Süßkartoffeln viel gefragter als in ländlich geprägten Regionen.“ Ein Grund dafür könnte die große Beliebtheit der Süßkartoffeln bei der jüngeren Generation sein, mutmaßt der 61-Jährige.

Im letzten Jahr begann Timm Bernhard mit einem weiteren „Experiment“, dem Anbau von Knoblauch. Schon im Herbst wurde gepflanzt, da Knoblauch winterfest ist und sogar in der kalten Jahreszeit austreibt. Im Mai begann die Ernte. Der frisch geerntete Knoblauch kam ins Kühlhaus und wurde auch als solcher vermarktet. „Frischer Knoblauch schmeckt anders als der getrocknete“, erklärt Steffen Bernhard. Die Vermarktung war sehr erfolgreich. Selbst der getrocknete Knoblauch ist inzwischen so gut wie ausverkauft. Ob die Bernhards in einigen Jahren noch Süßkartoffeln und Knoblauch anbauen werden ist - trotz des Erfolgs - jedoch fraglich.

„Wenn hier der Mindestlohn auf zwölf Euro angehoben wird und die behördlichen Auflagen ständig steigen, ist es in Zukunft billiger, Gemüse und Obst aus Spanien und anderen Ländern zu importieren. Die Transportkosten spielen da keine Rolle“, sagt Steffen Bernhard.

Und Sohn Timm ergänzt, dass Süßkartoffeln als „Luxusgemüse“ gelten: „Darauf wird 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben, auf alle anderen Gemüse nur sieben.“ Kaum zu glauben, aber leider wahr.

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