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Eine schwere, aber richtige Entscheidung

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Von: Sabrina Dämon

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Es hat eine Menge Überwindung gekostet, zum ersten Mal ins Karl-Wagner-Haus zu gehen, erzählt Thorsten L. Doch, sagt er nach einem Jahr: „Ich bin nicht sicher, ob ich den Winter sonst überstanden hätte.“
Es hat eine Menge Überwindung gekostet, zum ersten Mal ins Karl-Wagner-Haus zu gehen, erzählt Thorsten L. Doch, sagt er nach einem Jahr: „Ich bin nicht sicher, ob ich den Winter sonst überstanden hätte.“ dämon © Sabrina Dämon

Vergangenen Dezember ist Thorsten L. ins Karl-Wagner-Haus in Friedberg gekommen. Zuvor hatte er in einem Schrebergarten gelebt, doch als es immer kälter wurde, hat er sich an die Einrichtung gewendet. Ein Jahr ist seither vergangen - und inzwischen hat sich eine Menge für L. verändert.

Zu Weihnachten gab es einen Schokoladen-Nikolaus. Die erste Süßigkeit seit knapp einem Jahr. „Das war der absolute Höhepunkt“, sagt Thorsten L. „Weil es das erste ist, worauf man verzichtet, wenn man kein Geld hat.“ Das war vergangenes Jahr, und L. war nach einem Sommer auf der Straße ins Karl-Wagner-Haus nach Friedberg gekommen, eine Anlaufstelle für Menschen in sozialen Notlagen.

Thorsten L. lebt inzwischen in einer der betreuten Wohnungen der Einrichtung. Ins Haupthaus kommt er meistens, wenn er Dienst hat, Logendienst am Haupteingang. Heute Abend wird er mit den anderen Bewohnern Weihnachten feiern.

Es war die richtige Entscheidung, sich an das Haus zu wenden, sagt er. Doch es sei kein einfacher Schritt gewesen. „Wenn man mit solchen Einrichtungen noch nichts zu tun hatte, hat man ein falsches Bild davon: Dass man abends mit Schuhen einschläft und morgens ohne aufwacht.“ Und, sagt der 45-Jährige: „Wenn man so etwas hört, will man sich dem nicht freiwillig aussetzen.“

L. erzählt stichpunktartig von seinem Leben: „Abi, Bundeswehr, Informatik studiert, nicht abgeschlossen.“ Er zählt Arbeitsstellen auf, zwischendrin habe er seinen Vater bis zu dessen Tod gepflegt. Zuletzt sei L. bei einem Telefon-anbieter angestellt gewesen. Dann, kurz vor der Pandemie, im Februar 2020, habe er die Arbeit verloren. Im April 2021 dann seine Wohnung.

„Ich habe den Sommer im Schrebergarten eines Bekannten verbracht.“ Manchmal habe er zwei Tage nichts gegessen, sich dann Geld für eine Kleinigkeit zusammengebettelt. „Wenn ich 2 Euro für eine Dose Linsensuppe zusammenhatte, bin ich aufgestanden und gegangen.“ Seine Familie sei nie wohlhabend gewesen. Die Mutter lebe zwar in der Nähe, aber bei ihr einzuziehen sei keine Option gewesen. Sie hätte wahrscheinlich ja gesagt, vermutet L. „Aber sie hat nur eine kleine Rente und eine Mini-Wohnung, das wäre für uns beide nicht gut gewesen.“ Er überlegt kurz und sagt: „Meine Mutter war mein ganzes Leben für mich da. Ich bin jetzt 45, da muss man mal eine Grenze ziehen.“

KARL-WAGNER-HAUS

Auf der Webseite des Karl-Wagner-Hauses heißt es: „Menschen aus dem Wetteraukreis, die sich in besonderen sozialen Schwierigkeiten befinden wie: Verlust der Wohnung, Schulden, Lebenskrisen und fehlende, tragfähige soziale Bindungen, kommen ins Karl-Wagner-Haus in Friedberg.“ Es gibt ein Wohnheim mit 45 Plätzen sowie eine Notunterkunft (acht Plätze). Zudem wird betreutes Wohnen in externen Wohnungen angeboten. sda

Wenn er heute an seine erste Zeit im Karl-Wagner-Haus zurückdenkt, spricht er von einem Zwiespalt: „Zuerst einmal ist man sehr glücklich, eine Heizung zu haben. Man bekommt jeden Tag eine warme Mahlzeit.“ Doch andererseits, sagt er, „fällt man in ein Loch“. Die ersten Tage sei er regelmäßig nachts aufgestanden, habe sich angezogen, sei heraus und durch die Gegend gegangen - „nur um zu wissen, dass ich nicht gefangen bin“.

Seit einiger Zeit wohnt er wenige Gehminuten vom Haupthaus entfernt in einer der betreuten Wohnungen. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Bis vor Kurzem habe er noch einen Mitbewohner gehabt, aktuell habe er die Wohnung jedoch für sich. Das Beste daran, sagt er, sei es, wieder ein eigenes Bad zu haben.

Als nächstes möchte er Arbeit finden. „Ich bin ein reiner Verwaltungsmensch, ich brauche einen Computer vor mir, der Rest ist mir egal.“ Doch er wisse, dass es nicht einfach werde. „Ich merke, dass mein letztes Arbeitsverhältnis Spuren hinterlassen hat“, sagt er. „Ich versuche, eine Therapie zu bekommen.“ Er habe Schwierigkeiten mit Behördengängen. Kürzlich zum Beispiel habe er einen Termin im Jobcenter gehabt. „Ich konnte zwei Tage vorher nicht schlafen.“ Vielleicht, sagt er, sei es die Angst davor, dass es Sanktionen gebe. Finanziell sei es in den vergangenen Monaten wegen der Inflation immer schwieriger geworden, mit der monatlichen Unterstützung zurechtzukommen. „Am Monats-ende habe ich noch einen kleinen Eurobetrag im Portemonnaie“, sagt er. „Wenn da noch was wegginge, hieße das, ein paar Tage nichts zu essen.“

Und, sagt er: „Man weiß ganz genau: Das hier ist ein sehr dünnes Netz. Es gibt nichts mehr darunter. Wenn eine Kleinigkeit schiefläuft, ist man wieder auf der Straße.“

Diesen Dezember ist L. seit einem Jahr in Friedberg. Weihnachten sei für ihn keine große Sache. „Für mich war es schon immer ein Fest für Kinder.“ Einmal nur, das sei schon viele Jahre her, habe er seine Wohnung geschmückt - „als mein Neffe zu Besuch kam“. Den heutigen Abend wird L. mit den anderen Bewohnern im Haupthaus verbringen. Predigten und Ansprachen stehen auf dem Programm. L. wird ein Gedicht vortragen.

„Ich bin extrem dankbar, dass es solche Häuser wie dieses gibt“, sagt L. „Ich bin nicht sicher, ob ich den Winter sonst überstanden hätte.“

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