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Ihr Zimmer im Kirchenasyl: Die hochschwangere Heran M. soll nicht bei ihrem Partner Jared D. bleiben dürfen.

Hessen

Schwangerer Frau droht Abschiebung - Kirchenasyl schützt junge Familie

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Die werdende Mutter soll nach Polen ausreisen. Die Friedberger Gemeinde kümmert sich darum, dass sie bei ihrem Partner bleiben kann.

Ein großes Zimmer, eine gemeinsame Küche und ein provisorisches Bad. Das ist seit drei Monaten Heran M.s Welt. Die 29-Jährige lebt in Friedberg im Kirchenasyl, wohnt dort im Gebäude der Pfadfinder – gemeinsam mit einer weiteren Afrikanerin, die hier bereits 14 Monate Schutz genießt. Anfang Oktober erwartet Heran M. eine Tochter. Den Vater Jared D. kann sie nicht heiraten, weil die Schlepper ihr die Papiere weggenommen hatten. Jared D. lebt seit zehn Jahren in Deutschland, sein Einbürgerungsverfahren läuft. Der 32-Jährige hat die Vaterschaft anerkannt, die beiden wollen sich das Sorgerecht teilen.

Doch solange das Kind nicht auf der Welt ist, hat er keine Bindung zu dem Ungeborenen. Mit dieser Begründung hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) es abgelehnt, den Asylantrag von Heran M. zu bearbeiten. Zuständig ist offiziell Polen, weil dort das Visum ausgestellt wurde, mit dem die 29-Jährige per Flugzeug von Äthiopien nach Deutschland einreist war. Da soll sie hin.

Kirchenasyl ist die einzige Chance der Betroffenen

Heran M. ist kein Einzelfall, sagt Andreas Lipsch, der bei der Diakonie Hessen die für Flucht zuständige Abteilung leitet. Seit rund einem Jahr lehne das Bamf so gut wie alle Dossiers ab, mit denen die Kirchengemeinden auf Härtefälle hinweisen. Erklärbar sei dieser Paradigmenwechsel nicht mit sachlichen Argumenten: „Das ist eine politische Entscheidung.“ Den Betroffenen bleibe als einzige Chance das Kirchenasyl. Alleine in diesem Jahr gewährten die evangelischen Gemeinden in Hessen es 66 Personen, darunter 18 Minderjährigen.

Dies ist ein Kraftakt, auch für die Helfer vor Ort. Sie kaufen für die Flüchtlinge ein, erledigen die Wäsche, kommen für den Unterhalt auf, die Diakone hilft bei den Kosten für die medizinische Versorgung. Der deutsche Staat zahlt nichts, weiß aber, wo Heran M. wohnt. Die werdende Mutter wird von der Nachbargemeinde Friedberg-Fauerbach unterstützt. „Am Anfang musste man die Gemeinde schon von der Notwendigkeit überzeugen“, sagt Erika Lipowitz vom Kirchenvorstand.

Die Menschen kommen auf unterschiedlichen Wegen ins Kirchenasyl

Die drei Monate haben hoffentlich zur Überbrückung gereicht. Rechtlich gesehen befindet sich die 29-Jährige nun im Mutterschutz und ist vor der Abschiebung geschützt. Doch die schriftliche Duldung hat sie noch nicht in den Händen. Erst dann wird sie ohne Angst das Gelände der Gemeinde verlassen können. Das Kind bekäme automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Es ist unwahrscheinlich, dass das Bamf die Familie dann noch auseinanderreißen würde.

Susanne Domnick ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Friedberg, in der die Äthiopierin Unterschlupf gefunden hat. „Wenn ein Mensch in Not ist, schlagen wir ihm die Tür nicht zu“, sagt die seit Jahren in der Flüchtlingshilfe engagierte Geistliche. Das Bamf entscheide einzig nach Zuständigkeiten. „Wir hören uns die Geschichten an.“ Die Menschen kämen auf unterschiedlichen Wegen ins Kirchenasyl – über Rechtsanwälte, Beratungsstellen oder Bekannte.

Der Bedarf sei groß, sagt Lipsch. Nahezu täglich kämen Anfragen: „Es gibt viel mehr Härtefälle als Räumlichkeiten.“ Und Kirxchenasyl sei auch nur die letzte Lösung: „Wir wären froh, wenn das Bundesamt wohlwollender entscheiden würde und sich am Grund- und Menschenrecht orientiert.“

Unterdessen sehnt Heran M. den Tag herbei, an dem sie sicher auf die Straße gehen kann. Auf die Freiheit freue sie sich, sagt sie leise. „Und auf das Einkaufen.“

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