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Thorsten Bürklin (l.) und Michael Peterek.

Standpunkte zur Neuen Mitte

"Bad Vilbel muss eigenes Flair entwickeln"

Die beiden Frankfurter Professoren Michael Peterek und Thorsten Bürklin schlagen im FR-Interview mit Detlef Sundermann vor, die Nidda als Erlebniszone zu nutzen

Vor rund sechs Jahren beschäftigten sich Architekturstudenten der Fachhochschule Frankfurt mit der Kernstadt Bad Vilbels. Was war der Anlass?Peterek: Es gab keinen Auftrag der Stadt. Die Studierenden sollten in einer praxisnahen Semesterarbeit die Situation vor Ort analysieren und Vorschläge erarbeiten. Die Ergebnisse bildeten eine Ideensammlung und keine Planung. Bei den Studierenden lag schon damals der Zentralparkplatz im Fokus, der zu schade für Autos ist.

Wie lauten die Vorschläge?Peterek: Die Konzepte zeigen einen öffentlichen Raum, der von einer der Umgebung angepassten Randbebauung gefasst wird. Im Parterre soll diese Ladengeschäfte und Gastronomie aufnehmen. Der Platz soll auf die Kurhaus-Brücke zum Kurhaus hinführen. Großflächiger Einzelhandel findet sich in den Plänen nicht wieder. Die Studierenden sahen dagegen Entwicklungsbedarf in der Einkaufsstruktur auf dem Woolworth-Karree, das viele Menschen am Tag tangieren - zum einem durch die Lage am Vilbel-Kreisel, zum anderen wegen der Nähe zum Südbahnhof, den viele Pendler nutzen.

Lässt sich Kaufkraft allein mit großen Fachgeschäften halten?Bürklin: Bad Vilbel kann nicht mit der Zeil oder dem Hessen-Center konkurrieren, wenn sich in der Frankfurter Straße die gleichen Filialisten ansiedeln. Die Stadt kann Kunden nur mit besonderen Angeboten gewinnen. Auch ein attraktiver Wochenmarkt könnte helfen. Dazu gehört aber auch ein attraktiver Platz, wo die Menschen an das Wasser gehen können. Die Stadt muss ein eigenes Flair entwickeln.

Peterek: Auch wenn die Dimensionen andere sind: Die französische Stadt Lyon hat in den vergangenen 20 Jahren massiv in die Verbesserung der öffentlichen Plätze investiert. Davon hat der bestehende Einzelhandel sehr profitiert. Es ist eine Vorleistung der Stadt, die private Investitionen folgen lässt. In Bad Vilbel geht es in erster Linie darum, die Frankfurter Straße zu beleben. Das funktioniert nicht allein mit großen Geschäften, die die Kunden als Autofahrer über die Tiefgarage erreichen. Die Leute steuern mit dem Auto dann nur gezielt Läden an und sind nach dem Einkaufen wieder aus der Stadt. In anderen mittleren Städten, wo eine kleine Shopping Mall installiert wurde, ist genau dieser Effekt eingetreten.

Verlangt das nicht eine neue Denke bei den Stadtpolitikern?Peterek: Eine solche Entwicklung muss in einem Leitbild beschrieben werden. Dabei muss man sich fragen, für wen soll die Frankfurter Straße attraktiv sein? Die Innenstadt von Bad Vilbel ist offensichlich nicht das Bezugszentrum für die Bewohner von Dortelweil-West, das stellten die Studierenden im Zuge der Seminararbeit fest. Die Leute nutzen für ihren Weg zur Arbeit das Auto oder die S-Bahn, für sie ist es somit einfach, bei großer Auswahl woanders Einkaufen zu gehen.

Muss es dennoch ein Platz sein?Peterek: Die Frankfurter Straße ist für Fußgänger sehr lang und weist abgesehen von ein paar Sitzbänken am Fahrbahnrand keine öffentlichen Orte zum angenehmen Verweilen auf. Solche Räume sind aber wichtig für die Flanierqualität einer Einkaufsstraße.

Es reicht also nicht, eine Neue Mitte zu bauten?Peterek: Bei der Betrachtung der Kernstadt kamen die Studierenden durchgängig zu dem Eindruck, dass die Nidda als Erlebniszone eher mäßig genutzt wird. Dort liegt aber einiges an Potenzial für die Stadt. Die Gassen, die von der Frankfurter Straße hin zur Nidda führen, besitzen kaum Attraktivität. Auch sollten die Seitenstraßen nicht am Uferweg enden, sondern jeweils in einem Steg münden, um so die Barrierewirkung des Flusses zu mildern. Für eine Stadt wie Vilbel, die von einem Fluss zerschnitten wird, gibt es zu wenige Brücken. Eine gute, kurzwegige Vernetzung von nördlicher und südlicher Stadt ist damit nicht gegeben.

Eine Bücherei bzw Mediathek soll künftig die Nidda überspannen. Gibt es anderswo Gebäude über einem Fluss?Peterek: Ad hoc fallen mir nur Florenz, Venedig oder Erfurt ein. Aber hier handelt es sich, ähnlich den mittelalterlichen Brücken hierzulande, um Flussquerungen mit kleinen Läden oder Werkstätten. Es sind keine Bauwerke im Sinn eines einzelnen, großen Hauses.Bürklin: Per se ist an der Idee für ein raumüberspannendes Bauwerk nichts auszusetzen. Eine Mediathek kann identitätsstiftend wirken. Die Lage, auf der einen Seite die Einkaufstraße, auf der anderen Seite der Kurpark und der Fluss, der aus der Landschaft kommt, ist schon reizvoll.

Welche Wirkung wird ein Bau mit 25 Metern Breite und zehn Metern Höhe auf die Flusslandschaft haben?Bürklin: Die Nidda ist kein besonders breiter Fluss. Ein Gebäude mit zu großen Proportionen könnte den Fluss optisch zu einem Rinnsal schrumpfen lassen.

Liegt die Lösung in gläsernen Wänden, wie sie eine ältere Planung vorsieht?Bürklin: Glas erzeugt keine durchsichtigen Gebäude, selbst wenn man direkt hineinschaut. Und je nach Blickwinkel entstehen Reflexionen, die eine Durchsicht weiter einschränken. Abgesehen davon bleibt der Raum zwischen den Wänden nicht leer. Auch die tragenden Elemente lassen sich nicht unsichtbar machen. Ein Gebäude über der Nidda muss jedoch nicht als störend empfunden werden. Derzeit trifft der Blick entlang der Nidda auf eine mäßige, durchschnittliche Wohnungsbauarchitektur, die den Betrachter alles andere als begeistert. Ein Gebäude über die Nidda kann daher einen Eyecatcher darstellen.

Peterek: Entscheidend ist deshalb nicht irgendeine Durchsichtigkeit, sondern die Ausführung des Baus in seiner Materialität, städtebaulichen Einfügung und seiner architektonischen Gestalt. Ein hervorragender Architekt kann eine gute Lösung finden. Es kann aber auch ziemlich kritisch werden.

Die Stadt will einen internationalen Architektenwettbewerb starten. Ist das der richtige Weg?Peterek: Ein so exponiertes Bauwerk darf nicht einfach direkt vergeben werden. In einem Wettbewerb muss ein Wettstreit der Ideen entfacht werden. Gleiches gilt auch für die Überbauung des Zentralparkplatzes. Auch dort sind hohe Ansprüche an die Architektur zu stellen. Dabei darf man nicht den Fehler begehen, sich unter rein ökonomische Zwänge stellen zu lassen.

Reicht modern und schick?Peterek: Die Architektur kann entscheidend zur Akzeptanz in der Bevölkerung beitragen. Gelingt sie nicht dies, könnte dies für die Entwicklung der Neuen Mitte negative Folge haben.

Muss die Architektur das Umfeld aufgreifen oder kann sie für sich stehen?Bürklin: Die neue Bebauung darf in ihren Proportionen in der Kubatur die bestehenden Gebäude nicht erdrücken. Dass sich ein neues Stadtbild an dieser Stelle ergibt, ist kein Nachteil. Wenn man sich die Kernstadt anschaut, dann sind dort viele architektonische Schichten zu entdecken, das ist nicht nur in Vilbel der Fall. Mit der Neuen Mitte entsteht eine neue Schicht.

Keine historischen Zitate angesichts der denkmalgeschützten Fachwerkhäuser?Peterek: Alles lässt sich machen. Aber es wäre der falsche Ansatz. Es macht keinen Sinn, historische Architekturelemente zu verwenden, sie sind heute ohne jeden Nutzen und stellen nur eine Applikation dar.

Interview: Detlef Sundermann

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