"Spontanen Volkszorn geplant"

Karben Die etwas andere Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht verdeutlicht die Brutalität gegen jüdische Mitbürger

Von Bruno Rieb

Ein junger Mann windet sich leidend vor dem Altar. Bass und Saxofon spielen klagende Töne. Von Empore und Kanzel schildern sechs Sprecher eindringlich das Schicksal der Karbener Juden in jener Nacht vom 9. zum 10. November 1938, die zu den schlimmsten Kapiteln der deutschen Geschichte gehört: die sogenannte „Reichskristallnacht“, die Nacht, in der die Nazis gegen die Juden randalierten.

Die Sprecher erzählen abwechselnd, was sich in jener Nacht in Karben abspielte: „Ins Parteilokal in der Bahnhofstraße gegangen, spontanen Volkszorn geplant. Alle männlichen Juden festgenommen – ging nicht ohne Schläge – und ins Degenfeldsche Schloss zur eigenen Sicherheit verbracht. Schutzhaft. Mit Bürgermeister Flach zum Hugo Junker in der Bahnhofstraße 34. Laden und Wohnung demoliert. Bonbonglas durch die Schaufensterscheibe gejagt. Fensterläden abgerissen. Lebensmittel auf die Straße geworfen. Dann zum Haus Ross Bahnhofstraße 24. Nähmaschine durchs Fenster geworfen. Gab einen mords Radau.

Eierschlacht im Keller Heldenberger Straße 3 bei Rosentals. Überall haben wir Frau Holle gespielt. Betten aufgeschlitzt und ab mit den Federn auf die Straße. In der Wilhelmstraße beim Max Strauß gab's Schuhkauf umsonst. Schuhe auf die Straße und alle rafften. Dem Seppel Junker den Viehstall und die Scheune angesteckt. Und zur Krönung: Die Synagoge geplündert und ein feines Feuerchen gemacht. Und in Rendel! Haben wir dem Grünebaum und seiner Frau eine blutige Nase geschlagen. Metzgermeister brauchen meisterliche Metzgerbehandlung. Und zum Abschluss: Freibier im Parteibüro.“

Erinnerung als Mahnung

Das war ein kleiner Ausschnitt aus der szenischen Lesung, die aus der Feder von Hartmut Polzer stammt. Der Initiator der Initiative „Stolpersteine in Karben“ hat die Geschehnisse anhand von Vernehmungsunterlagen und Protokollen der Gerichtsverhandlungen gegen die Täter im Jahr 1949 rekonstruiert. Werner Giesler, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Klein-Karben, hat die szenische Lesung mit seiner Schauspielgruppe beeindruckend umgesetzt. In der kleinen St. Michaelis-Kirche herrscht Stille, als in kurzen, klaren Sätzen von dem Leid der Juden berichtet wird.

Eine Sprecherin erzählt aus dem Blickwinkel einer Karbener Jüdin: „Am Tag des Pogroms fuhr mein Mann in der Frühe nach Frankfurt. Geschäfte. Erst nach fünf Wochen kam er zurück. Sie hatten ihn nach Buchenwald gebracht. Ich selbst war zu Hause in der Heldenberger Straße 3. Gegen 17 Uhr, es kann auch etwas früher gewesen sein, so genau weiß ich nicht mehr die Zeit, kamen mehrere SA-Männer. Sie haben meine Einrichtungsgegenstände demoliert und zerstört, die Fenster eingeschlagen. Ich war derart aufgeregt, dass ich genaue Einzelheiten nicht mehr schildern kann. Ich saß weinend im Hof. Ich hörte von anderen Juden, dass diese Personen auch bei ihnen gewesen seien und Zerstörungen vorgenommen hätten.“

Stolperstein-Initiative und Kirchengemeinde haben die Gedenkveranstaltung zusammen mit dem Deutsch-Ausländischen Freundschaftskreis (DAF) organisiert. Die Erinnerung an die Pogromnacht sehe sie als Mahnung, „heute wachsam und aufmerksam zu sein. Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung sind nicht verschwunden“, sagte Gerhild Brüning vom DAF.

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