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Der Pfarrer von Bad Vilbel, Klaus Neumeier, erhält Hass-Posts in den sozialen Medien.

Kirche in Bad Vilbel

Shitstorm wegen "Allah unser"

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Ein Abend der Gesprächsreihe "Kirche anders" hatte in Bad Vilbel den provokanten Titel "Allah unser". Auf die Gemeinde und Pfarrer prasseln danach übelste Beschimpfungen ein.

Übelste Beschimpfungen sind auf die evangelische Christusgemeinde und ihren Pfarrer Klaus Neumeier eingeprasselt. Auslöser des digitalen Shitstorms in den so genannten sozialen Medien war die Diskussionsreihe „Kirche anders“, in der sich die Gemeinde seit Jahren mehr oder weniger provokativ mit Religion und Kirche auseinandersetzt. Am vergangenen Sonntagabend hieß das Thema „Allah unser“, das die Gemeinde auch auf ihrer Facebook-Seite angekündigt hatte.

„Habt ihr eigentlich noch alle Tassen im Schrank?? Allah??? Nicht zu fassen! Unser Gott in D heißt nicht Allah & die Kirche dient dem Christentum & nicht dem Islam, ist das klar ihr widerlichen Gotteslästerer & Pharisäer!“ - dies war einer der harmloseren Posts, die die Gemeinde daraufhin via Facebook erhielt – ebenso wie der Wunsch an die „Gottesverräter“, die Veranstaltung möge der Innenstadtgemeinde „Austritte bescheren bis zum geht nicht mehr“. Pfarrer Neumeier, Initiator der Gesprächsreihe, wurde als erbärmlicher Betbruder“ tituliert oder erhielt Botschaften wie „Hauptsache Sie missbrauchen keine Kinder. Sie widerlicher Satanist!!“. 

Entrüstung aus der rechten Ecke 

Gezählt hat Neumeier die Posts nicht. „Aber es mögen am Wochenende 200 bis 250 gewesen sein, Drohungen gegen mich waren nicht darunter“, sagt der Pfarrer auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. Auch über den Sonntag hinaus habe es Beschimpfungen gegeben. „Sie haben aber mittlerweile deutlich abgenommen.“

Der Sturm der Entrüstung sei zumeist aus der „rechten Ecke“ gekommen, hätten Recherchen ergeben. Viele der Absender hätten „Likes“ zur rechtspopulistischen AfD auf ihrer Seite stehen. „Auffällig viele Posts kamen aus Berlin“, bemerkt Neumeier. Aber nicht nur die rechte Szene hielt es für angebracht, wegen des Veranstaltungstitels auf die Organisatoren mit Hass loszugehen. Laut Neumeier habe der Titel auch bundesweit Reaktionen von Evangelikalen ausgelöst, die in der Kleinstadt den Verrat an Christus ausmachten. In Sorge um das Seelenheil gab es zudem die Forderung, die Veranstaltung abzusagen.

Wie es für die Reihe typisch ist, seien  die Titel der Gesprächsabende bewusst provokativ gehalten, sagt Neumeier. „Bei ‚Allah unser‘ hatten wir mit Reaktionen gerechnet, aber nicht mit dieser Gewalt und nicht von außen“, so der Pfarrer. In Bad Vilbel selbst, wo seit Wochen mit Plakaten auf „Allah unser“ geworben wurde, sah laut Neumeier kein Mensch eine drohende Islamisierung des Christentums durch die Christusgemeinde.

Vielleicht auch, weil die Bad Vilbeler nicht nur den Titel gelesen haben, sondern was sonst noch so an Text darunter stand. „In der Veranstaltung ging es nicht um die Vermittlung des Islams, sondern um ein gegenseitiges Kennenlernen der Menschen in unserer Stadt, um Feindbilder abzubauen“, sagt Neumeier. „Allah unser“ bestand aus einem Gespräch zwischen einem christlichen und einem muslimischen Ehepaar, erstere waren die CDU-Stadtverordneten Irene und Tobias Utter. „Nein, wir haben keine Hass-Posts bekommen“, sagt Tobias Utter, der auch Mitglied im Kirchenvorstand ist. Aber auch er hat die Posts gelesen und einigen geantwortet, etwa „dass man in der Liebe bleiben soll“. Auch Neumeier beantwortete einige „konstruktiv“.

In der Stadt gebe es eine starke Solidarität mit der Christusgemeinde. Der Kirchenvorstand will sich den Reaktionen auf Facebook widmen. Es werde jedoch kein Einknicken vor Rechtsextremen oder Radikalgläubigen geben, steht für Neumeier und Utter fest. „Kirche anders wird auch weiterhin mit Titeln und Inhalten provokativ sein wie schon in den vergangenen 20 Jahren“, sagt Neumeier. Die Reaktion der Nichtdabeigewesen zeige, dass dieser Hass und seine Formen in der Reihe aufgegriffen werden müsse, sagt Utter.

Der nächste Ärger könnte schon im Februar folgen, wenn die Reihe „Kirche anders“ einlädt zu „Krank und trotzdem Christ – was ist, wenn Beten nicht hilft?“.

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