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Von den Mitarbeitern im Elisabethhaus haben bereits einige einen Migrationshintergrund.

Bad Nauheim

Altenheim setzt auf interkulturelle Pflege

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Das Altenpflegeheim im Südpark heißt Muslime besonders willkommen. Dafür will es die Mitarbeiter schulen und einen Gebetsraum einrichten.

„Wir wollen im Kleinen etwas verändern“, sagt der Leiter des Diakoniewerks Elisabethhaus, Stefan Fuchs, bescheiden. Dabei will das Altenpflegeheim am Südpark „im Kleinen“ nicht weniger leisten als ein Stück Pionierarbeit. Seit April bietet es als eine der ersten Einrichtungen in Hessen interkulturelle und -religiöse Pflege an. Vor allem Muslime will das Heim ansprechen. „Es gibt Punkte, die waren relativ leicht umzusetzen. So können wir zum Beispiel Halal-Gerichte anbieten“, sagt Fuchs. Außerdem habe man Mitarbeiter aus unterschiedlichen Kulturkreisen eingestellt, um besser auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehen zu können.

Zwar steht die Nagelprobe noch aus, und das Altenpflegeheim wartet auf den ersten gläubigen Besucher mit Migrationshintergrund. Dass solche Projekte immer wichtiger werden, steht für die Verantwortlichen aber fest: „Der Bedarf wird in den nächsten Jahren stetig steigen, da die einstigen Gastarbeiter in die Pflegebedürftigkeit übergehen“, heißt es in ihrem Konzept. Diesen Bedarf könnten längst nicht mehr allein die Angehörigen im gewohnten Umfeld decken.

Die Hessische Landesregierung teilt diese Einschätzung, wie der Antwort auf eine Kleine Anfrage vom März zu entnehmen ist. Insbesondere in Ballungszentren werde die Nachfrage nach Altenheimplätzen für zugewanderte Senioren steigen.

„Wir müssen schauen, wie sich das Ganze entwickelt“, sagt Fuchs. Außer Pfarrern und christlichen Seelsorgern, die die Bewohner begleiten, sollen nun auch muslimische Seelsorger Beistand leisten können. „Wir werden mit Imamen in Kontakt treten.“ Wichtig sei es dabei, auch die Mitarbeiter über das Sterben und Abschiednehmen im Islam aufzuklären. Dies sei von vielen Ritualen geprägt, könne befremdlich wirken. Fuchs plant außerdem, einen Raum, den zurzeit noch ein Friseur nutze, zu einem Gebetsraum umbauen.

Als Vorbild für ein Pflegeheim, das interkulturell arbeitet, gilt in Hessen bis heute das Victor-Gollancz-Haus in Frankfurt. 2004 richtete es als erstes Altenpflegeheim in Hessen eine Wohngruppe für muslimische Senioren ein. Damals waren es elf Senioren, heute sind es 26. Insgesamt leben dort 35 Menschen mit Migrationshintergrund.

Dass sich nun das Diakoniewerk Elisabethhaus in Bad Nauheim anschließt, ist nicht zuletzt Filiz Taraman-Schmorde, der Vorsitzenden des Ausländerbeirats in der Wetterauer Kurstadt, zu verdanken. „Als sich der Ausländerbeirat 2010 gründete, haben wir unseren Schwerpunkt auf Migration und Gesundheit gelegt“, so Taraman-Schmorde. „Uns fiel auf, dass Altenheime kaum auf die Bedürfnisse älterer Migrantinnen und Migranten eingehen. Ein Umstand, den wir dringend ändern wollten.“

2013 traf sie Pfarrer Ulrich Becke von der evangelischen Gemeinde Bad Nauheim auf einem Seminar über kultursensible Pflege in Friedberg. Durch ihn kam der Kontakt zu Karlheinz Hilgert, dem Geschäftsführer der Gesellschaft für diakonische Einrichtungen (Gfde), zustande. Hilgert erzählt, dass das Vorhaben im Aufsichtsrat lange diskutiert worden sei. Es habe Bedenken gegeben, Einwohner könnten falsche Befürchtungen hegen. Doch die hätten sich zerstreut.

Zu recht, findet Taraman-Schmorde. „Es geht darum, die Lebenswelten unserer Gesellschaft darzustellen.“ Laut Statistischem Bundesamt hat etwa jede fünfte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die drei häufigsten Herkunftsländer sind die Türkei, Polen und Russland. In Bad Nauheim ist laut Gfde die Verteilung ähnlich.

Professor Michael Schilder, der in Darmstadt Pflegewissenschaft lehrt, fordert, dass Altenpflegeheime stärker für ihre interkulturellen- und religiösen Angebote werben sollten. Sie müssten deutlich machen, dass die stationäre Pflege eine Alternative zur häuslichen sei, zumal die stationäre Pflege in vielen Zuwandererfamilien nicht vorgesehen sei. „Dafür müssen die Einrichtungen häufiger in die Gemeinden gehen“, sagt Schilder.

Genauso wichtig ist für den Wissenschaftler aber die Ausbildung der Pflegekräfte. Das Personal müsse für das Thema sensibilisiert werden. In die hessischen Rahmenlehrpläne für die Altenpflegeausbildung wurde das Thema der kultursensiblen Altenpflege schon 2009 aufgenommen.

Doch in der Praxis fehlten Pflegekräfte, und es gebe viel Teilzeit-Personal, so Schilder. „Das macht Interkulturalität schwierig.“

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