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Essen gegen den Tumor

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Von: Andreas Groth

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Für Krebserkrankte ist eine ausgewogene Ernährung wichtig.
Für Krebserkrankte ist eine ausgewogene Ernährung wichtig. © Daniel Bockwoldt (dpa)

Im Haus der Begegnung in Bad Vilbel kochen Krebspatienten gemeinsam. Gute Ernährung hilft, die Überlebensrate zu erhöhen. Kochkurse sollen den Kranken bei der Auswahl der Lebensmittel helfen.

Plötzlich schmeckt das Rumpsteak metallisch. Der Morgenkaffee ist auf einmal ungenießbar. Und von dem einstigen Lieblingsgericht bekommt man keinen Bissen mehr runter. Diese Erfahrungen teilen laut der Ökotrophologin Sylvia Becker-Pröbstel viele Krebspatienten. „Das machen die Chemotherapie und der Tumor“, sagt sie. Dabei ist der Genuss gar nicht mal das Wichtigste bei der Ernährung von Erkrankten. Es geht schlicht darum, sein Leben zu verlängern. „Ein schlechter Ernährungsstatus verlängert die Klinikaufenthalte und die Toleranz gegenüber Therapien“, erklärt Becker-Pröbstel. Mehr als 20 Prozent der Todesfälle bei Krebspatienten seien keine direkte Folge des Turmorleidens, sondern auf Mangelernährung, den Verlust von Körperfett und Muskelmasse sowie die daraus resultierenden Komplikationen zurückzuführen.

Die Ernährungswissenschaftlerin und der Verein Bürgeraktive Bad Vilbel, der Selbsthilfegruppen unterstützt und ihnen im Haus der Begegnung Räume zur Verfügung stellt, wollen deshalb einen Kochkurs anbieten. An fünf Terminen im August möchte Becker-Pröbstel mit Betroffenen und deren Angehörigen unterschiedliche Rezepte nachkochen: Avocado-Pesto, Risotto mit Lauch und Pilzen, Chinakohl mit roten Linsen – leckere Gerichte werden auf der Karte stehen. 

Teilnehmen können Patienten, die die Chemotherapie schon hinter sich haben. Zahlen müssen sie nichts, nur eine halbe Stunde Theorie an jedem der Termine mitmachen, bevor geschnipselt, gewürzt und der Kochlöffel geschwungen wird. Dabei wolle sie den Menschen vermitteln, wie wichtig eine individuell angepasste Ernährungstherapie bei Krebs sei, sagt Becker-Pröbstel, die in Bad Vilbel mehr als zehn Jahre Kinderbürgermeisterin war. 

Die Quellenstadt ist einer von sieben Standorten in Hessen, an denen es das Projekt „Genussvoll essen – gestärkt gegen Krebs“ gibt. Erstmals wurde bereits im Frühjahr 2017 unter diesem Motto gekocht, als sich Krebspatienten bei Fernsehkoch Mirko Reeh in Frankfurt trafen, um herauszufinden, was ihnen schmeckt. Die Hessische Krebsgesellschaft koordiniert das Projekt. Die Techniker-Krankenkasse übernimmt den Löwenanteil der Kosten von rund 83 000 Euro im Jahr. 

Es werden Kräuter probiert, passende Soßen und Beilagen kredenzt. Zwischen Töpfen und Schneidebrettern soll aber auch genug Zeit bleiben, damit die Teilnehmer miteinander ins Gespräch kommen können. Außer der physiologischen Dimension habe die Ernährung in der Prävention, Therapie und Rehabilitation auch eine psychologische und soziologische, heißt es von der Deutschen Krebsgesellschaft. „So stellt Essen und Trinken häufig einen der wenigen Bereiche während einer Anti-Tumor-Therapie dar, in dem Betroffene und deren Angehörige selbst aktiv werden können.“

Wie wichtig dieses Thema sei, wüssten selbst Betroffene häufig nicht, sagt Becker-Pröbstel. Auch Ärzte stellten mit Aussagen wie „Essen Sie, was Sie wollen!“ ihre Unwissenheit unter Beweis. Dabei sei die Ernährung von Krebspatienten in den vergangenen Jahrzehnten wichtiger geworden. Betroffene lebten dank neuer Medikamente länger als früher, und der Krebs werde früher erkannt, sagt Christina Berg von der Hessischen Krebsgesellschaft. 

Der Verein Bürgeraktive und das Haus der Begegnung in Bad Vilbel werden so um einen etwas anderen Kochkurs reicher. Schon jetzt treffen sich dort regelmäßig drei Krebs-Selbsthilfegruppen, um der Diagnose gemeinsam die Stirn zu bieten. 

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