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Erdbeeren bis zum ersten Advent

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Maximilian Reuhl in einem der computergesteuerten Tunnel, in denen die Erdbeerernte noch bis Anfang Dezember möglich sein sollte. niehoff (2) © Jürgen W. Niehoff

Auch im Oktober ist die Erdbeerernte bei den Wetterauer Früchtchen in Gambach noch im Gange. Inhaber Maximilian Reuhl erklärt warum, bis wann er in diesem Jahr Erdbeeren erwartet und welches Risiko der Anbau birgt.

Es ist Herbst. 16 Grad Mittagstemperatur. Und trotzdem stehen auf dem Erdbeerfeld von Maximilian Reuhl in Gambach noch zehn Erntehelfer und pflücken Erdbeeren. „Hierbei handelt es sich um remontierende oder immer tragende Erdbeersorten, die eine erste Ernte im Juni oder Juli und, nach einer kurzen Ruhephase, noch weitere Früchte bis zum Beginn des Frostes zulassen“, erläutert Maximilian Reuhl, Inhaber des rund 200 Hektar großen Landwirtschaftsbetriebes am Rande von Gambach.

40 Hektar nutzt Reuhl allein für seine Erdbeeren. Von ihnen sind nur etwa ein Viertel remontierende Erdbeersorten, der Rest einmal tragende Sorten. Bei Erdbeeren gibt es je nach Sorte zum Teil erhebliche Unterschiede. Dabei spielt neben dem Geschmack und der Fruchtgröße auch der Erntezeitpunkt eine große Rolle. Erdbeersorten werden danach eingeteilt, wie oft sie neue Früchte bilden. Einige tun dies nur einmal pro Saison, andere immer wieder.

Sorten von einmal tragenden Erdbeeren sind früh mit der Reife und damit auch mit der Ernte an der Reihe - sie bilden ab Mitte Mai die ersten Früchte. Ende Juni, spätestens Anfang Juli ist ihre Erntesaison jedoch schon wieder vorbei. Die remontierenden oder immer tragenden Erdbeersorten schließen sich dann nahtlos daran an. Wer also vom Frühsommer bis in den Herbst frische Erdbeeren ernten will, der muss einmal tragende und zusätzlich immer tragende Erdbeersorten nebeneinander anpflanzen. Und genau das macht Reuhl auf seinen Feldern, denn sein Motto ist, dem Endverbraucher stets frische Früchte aus der Region so lange wie möglich im Jahr zum Kauf anbieten zu wollen. Um den Wetterkapriolen Paroli bieten zu können, lässt er seine Erdbeeren in schwarzer Mulchfolie heranwachsen.

„Das schützt die Pflanzen vor zu viel Nässe, vor Unkraut und vor allem vor Schnecken. Außerdem erwärmt sich der Boden, in dem die Erdbeerpflanze wächst, schneller und lässt die Pflanze sich so früher entwickeln“, verrät Reuhl ein paar Geheimnisse aus seinem Erdbeeranbau. Schnellere Entwicklung heißt aber auch frühere Ernte. Und damit den Konkurrenten ein bisschen voraus zu sein.

Der wirtschaftliche Aspekt spielt bei Reuhl sowieso eine große Rolle. Bei den einmal tragenden Erdbeeren braucht er für die Ernte im Mai und Juni annähernd 150 Erntehelfer, die zumeist als Saisonkräfte aus dem europäischen Ausland kommen. Bei den immer tragenden Erdbeerpflanzen kommt er mit einer wesentlich kleineren Anzahl an Beschäftigten aus, die er dann vorzugsweise auch fest anstellt und entsprechend schult. Denn immer tragende Erdbeerpflanzen benötigen während der Wachstumsphase eine intensive Pflege durch Wässern, Düngen und Mulchen, um dann anschließend große, schmackhafte und makellose Früchte - und das mehrfach im Jahr - hervorbringen zu können.

Da Erdbeeren sehr druckempfindlich sind und nur kurz gelagert werden können, hat Reuhl, um die Erntezeit möglichst weit verlängern zu können, zu einem weiteren Hilfsmittel gegriffen: Auf etwa einem Hektar hat er vollautomatisierte durchsichtige Tunnel aufstellen lassen. In ihnen stehen die Erdbeerpflanzen auf Taillenhöhe, sodass sie leicht gepflegt und abgeerntet werden können. Außerdem werden sie computergesteuert bewässert und der Tunnel kann seitlich geöffnet werden, wenn die Temperatur es erfordert. Das alles hat natürlich seinen Preis. Eine halbe Million Euro hat Reuhl allein in die beiden Tunnel - jeder 160 mal 80 Meter groß - investiert. „Aber dafür kann ich fast das ganze Jahr über meinen Preis für die Erdbeeren stabil halten und meinen Kunden trotzdem stets erntefrische Ware anbieten“, versichert er.

Für dieses Jahr hat er sich ein erstes Zeitfenster gesetzt: „Mit den Freilufterdbeeren wird es bald vorbei sein. Dann ist die Sonne nicht mehr stark genug und sie hören auf zu reifen. Dann aber sind verstärkt die Erdbeeren aus den Tunneln an der Reihe. Mit ihnen sollte eine Ernte bis zum 1. Advent möglich sein“, hofft Reuhl.

Warum nicht mehr Erdbeeranbauer seinem Beispiel folgen, auch dafür hat er eine Erklärung: „Das finanzielle Risiko ist sehr hoch, wenn beispielsweise wie in diesem Jahr die Nachfrage wegen der allgemeinen Teuerungsrate extrem einbricht und es sich außerdem bei den Verbrauchern noch nicht herumgesprochen hat, dass es auch im Herbst noch erntefrische Erdbeeren aus der Region gibt.“ Reuhl ist trotzdem zuversichtlich, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat.

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Zehn Erntehelfer sind mit der Erdbeerernte beschäftigt. © Jürgen W. Niehoff

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