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„Idiotische und krude Fantasien“: Büdingen erinnert sich an Rädelsführer des Reichsbürger-Putsches

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Heinrich XIII. Prinz Reuß bei seiner Festnahme. dpa © Red

Die Familie des mutmaßlichen Putschisten Heinrich XIII. Prinz Reuß lebt seit dem zweiten Weltkrieg in Büdingen. Nicht alle sprechen gut über den berühmten Sohn der Stadt.

Büdingen - Heinrich XIII. Prinz Reuß soll mit anderen rechten Gesinnungsgenossen einen Putsch geplant haben. Viele Büdinger erinnern sich an den Mann, den alle nur Enrico nannten. Denn in der ehemaligen Kreisstadt steht nicht nur sein Geburtshaus. Dort hat der Rädelsführer einer Reichsbürger-Truppe auch seine Kindheit und Jugend verbracht.

Enrico war auch zu Jugendzeiten in Büdingen jener Mensch, den er offenbar den größten Teil seines Lebens verkörperte: ein unauffälliger Zeitgenosse, der wenig Hang zur Selbstdarstellung an den Tag legte. Das änderte sich jedoch kürzlich, als er mit Riesen-Spektakel verhaftet wurde, weil der 71-Jährige unter seinem richtigen Namen Heinrich XIII. Prinz Reuß als Rädelsführer mit anderen rechten Gesinnungsgenossen einen Putsch in der Bundesrepublik geplant haben soll.

Familie von Heinrich XIII. Prinz Reuß flüchtet nach dem zweiten Weltkrieg nach Büdingen

Da geriet plötzlich auch die Stadt Büdingen in den Fokus des öffentlichen Interesses, schließlich hat der Beschuldigte einen beachtlichen Teil seiner Vita hier verbracht. Die gesamte Adelsfamilie derer von Reuß war nach dem Zweiten Weltkrieg von Mecklenburg aus nach Büdingen geflüchtet.

Heinrich I. Prinz Reuß (1910 bis 1982) und Woizlawa-Feodora Herzogin zu Mecklenburg fanden zunächst auf dem Büdinger Schloss beim Vater des jetzigen Fürsten Wolfgang-Ernst zu Ysenburg und Büdingen eine Unterkunft. Fürsten-Mutter Felicitas stammte aus dem Hause Reuß.

Rufname Enrico: Heinrich XIII. Prinz Reuß wuchs in Büdingen in der Wetterau auf

Die Neu-Ankömmlinge konnten dort verständlicherweise nicht auf Dauer bleiben, sodass ihnen als enge Verwandte ein großes Haus am Marktplatz zugewiesen wurde. Diese Immobilie geriet 1951 zum Geburtshaus von Enrico. Dies war der Rufname des jetzt Beschuldigten, schließlich wollten die Außenstehenden raus aus der Heinrich-Gemengelage, denn alle männlichen Mitglieder der Familie hießen Heinrich, wurden dann mit einer Ziffer versehen. Erst zur Jahrhundertwende fängt das jeweils wieder von vorne an, diesbezüglich befinden wir uns demnach seit 22 Jahren in neuen Gefilden.

Enrico jedenfalls hatte als Heinrich XIII. offenbar eine schöne Jugend in Büdingen, was auch daran lag, dass Hausdame Emmi Ross sich rührend um die große Kinderschar kümmerte. Schon bei der Herzogin war sie in Mecklenburg als Kinderschwester eingesetzt, machte die Flucht mit und fungierte dann in Büdingen über Jahrzehnte als gute Seele der Familie.

Ältere Schwester von Heinrich XIII. Prinz Reuß lebt bis heute in Büdingen

Neben Enrico waren fünf weitere Kinder zu betreuen. Darunter nur ein Mädchen, das den Namen Feodora trägt und als „die Feo“ bekannt ist. Sie, die ältere Schwester von Enrico, scheint handwerkliches Geschick auszuzeichnen, denn Besucher der Landpartie erinnern sich an ihren geschmackvollen kunstgewerblichen Stand. „Feo“, sie lebt noch in Büdingen, war es auch, die sich bis zum Tod um die Kinderfrau kümmerte, die stolze 106 Jahre alt wurde.

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In diesem großen Haus am Kopf des Büdinger Marktplatzes hat die Adelsfamilie Reuß über lange Zeit gelebt. Es ist das Geburtshaus von Heinrich XIII. Prinz Reuß. giers © Red

Büdingens Ex-Bürgermeister Erich Spamer erinnert sich noch gut an die Dame: „2005 haben wir mit der Familie Reuß einen Dankgottesdienst für Emmi Ross auf dem Herrnhaag abgehalten, weil sie ihren 105. Geburtstag feiern konnte.“

„Idiotische und krude Fantasien“: Verwandtschaft wendet sich von Heinrich XIII. Prinz Reuß ab

Enricos jüngster Bruder Heinrich XV. hat ebenfalls handwerkliche Fähigkeiten unter Beweis gestellt, machte sich als Restaurator von Möbeln und Holzobjekten einen guten Namen. Auch er ist Büdinger. Jules-August Schröder, Büdingens „Elder Statesman“, kannte die Familie Reuß recht gut und beschreibt seine Erfahrungen mit Enrico in dessen Jugend so: „Ein völlig unauffälliger Mensch mit keinerlei Ausrastern. Ich war völlig überrascht, als ich ihn mit Bild als womöglichen Putschisten in den Medien sah.“

Anders sind die Erfahrungswerte von einem, der einst noch wesentlich näher dran war an Enrico. Wolfgang-Ernst Fürst zu Ysenburg und Büdingen ist der Vetter des Beschuldigten und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Mit ihm will ich seit ungefähr 15 Jahren nichts mehr zu tun haben. Damals begann er, seine völlig idiotischen und kruden Fantasien kundzutun.“ Man könne den Mann eigentlich gar nicht mehr ernst nehmen.

Rechte und antisemitische Parolen: Heinrich XIII. Prinz Reuß radikalisiert sich in Frankfurt nach der Wende

Ähnlich ging es vielen Zeitgenossen, die den Möchtegern-Putschisten kennen. Offenbar hat sich mit Enrico ein in Frankfurt zunächst erfolgreicher Geschäftsmann auf dem Immobiliensektor zu jener Zeit radikalisiert, als er nach der Wende alte Adels-Besitztümer im Osten für sich reklamierte, aber immer wieder vor Gericht scheiterte.

Da geriet sein Glaube an die Gerechtigkeit wohl derart ins Wanken, dass er sich rechte und antisemitische Parolen zu eigen machte, sie bei öffentlichen Auftritten propagierte, was auch im Internet nachzulesen ist. So manche, die Heinrich XIII. Prinz Reuß von früher kennen, wagen aber zu bezweifeln, ob der Mann wirklich eine so große Gefahr für den Rechtsstaat dargestellt hat, wie dies derzeit übermittelt wird.

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