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Ellen Wedekind in ihrer Praxis in Groß-Karben.
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Ellen Wedekind in ihrer Praxis in Groß-Karben.

Karben

Eine Medizinerin kämpft

  • Andreas Groth
    VonAndreas Groth
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Die hausärztliche Versorgung in Karben ist nach wie vor angespannt. In der nächsten Woche fällt die Entscheidung über einen dringend benötigten weiteren Arztsitz.

Ellen Wedekind möchte ihre Praxis in andere Hände geben. Bereits im Herbst 2013 führte die Allgemeinmedizinerin deswegen Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Es wurde eine Planung erarbeitet, die schrittweise umgesetzt werden sollte. Doch die 67-Jährige hat ein Problem. Sie behandelt 2600 Patienten, erhält von der KV aber lediglich die volle Kostenerstattung für rund 1600. Danach wird abgestaffelt, so dass sie für alle Patienten nur auf eine durchschnittliche Pauschale von 63 Prozent kommt. Die Differenz zahlt sie aus der eigenen Tasche. 2014 sei dies ein Betrag von 70.000 Euro gewesen, sagt die Ärztin. Um den Unterschied auszugleichen, leistet sie Notdienst, im Dezember waren es 190 Stunden.

Ärzte, die ihre Praxis übernehmen würden, gebe es viele, sagt sie, aber nicht unter diesen Bedingungen. Die Lösung des Problems wäre ein weiterer Hausarztsitz für Karben. Dies sei ihr von der KV auch zugesagt worden. Daraufhin gab Rozalia Guttmann ihren Hausarztsitz in Schöneck Ende 2015 auf und wechselte in Wedekinds Praxis. Doch der Zulassungsausschuss, ein Gremium von Ärzten und Vertretern der Krankenkassen, das dem zusätzlichen Arztsitz in Karben zustimmen muss, stellte sich quer. Er lehnte den Hausarztsitz im Dezember ab. „Es war wie ein Schlag vor den Kopf“, sagt Wedekind. Die KV ging gegen die Entscheidung des Ausschusses in Berufung.

Auch Bürgermeister Guido Rahn (CDU) kann sie nicht verstehen. „Man hat verkannt, dass Karben völlig unterversorgt ist und rein rechnerisch weitere sechs Hausarztsitze benötigen würde“, sagt er. Karben gehört zu einem Plangebiet der KV mit 140 000 Einwohnern, das im Norden bis Bad Nauheim, Wölfersheim und Rockenberg reicht. Ausschlaggebend für die KV ist der Versorgungsgrad im gesamten Gebiet. Weil es aber insbesondere in Bad Nauheim ein Überangebot von Ärzten gibt, hat nach theoretischen Berechnungen das Plangebiet genügend Arztsitze. „Völlig weltfremd“, nennt Rahn diese Betrachtungsweise. „Unsere älteren und zum Teil nicht mehr so mobilen Mitbürger fahren schon bis Bad Nauheim oder Rockenberg wegen eines Hausarztbesuches.“ Das sieht nun auch die KV so und bemüht sich um eine Ausnahme für Karben. Ihre Stellungnahme hatte sie dem Zulassungsausschuss im Dezember vorgelegt. In einer Resolution hatten sich im Dezember bereits die Stadtverordneten für weitere Hausärzte stark gemacht. In der Resolution heißt es: „Die durchschnittliche Sollzahl von Einwohnern je Arzt liegt bundesweit bei 1671. In Karben liegt die derzeitige aktuelle Versorgung der Bürger bei 3140 Einwohnern je Arzt.“

Wedekinds neue Kollegin, die aus Schöneck kam, wird ohne Arztsitz von der KV erst einmal als sogenannte Sicherstellungsassistentin eingestuft. Das hat zur Folge, dass Wedekind monatlich 6000 Euro vom Honorar abgezogen werden, die nun die Kollegin erhält. „Selbstverständlich soll sie den Betrag erhalten und nicht umsonst arbeiten“, sagt die Praxischefin. „Aber diese Summe mir abzuziehen treibt mich weiter in eine existenzbedrohende Situation.“ Eigentlich gehe es aber nicht mal so sehr um sie, sondern vielmehr um ihr „Baby“, wie Wedekind ihre Praxis nennt.

Sie unternimmt viel, dass das „Baby“ weiterleben kann. So hat sie eine Unterschriftenkampagne für den Erhalt der Praxis gestartet. Zudem bittet sie ihre Patienten und Kärber Bürger eine E-Mail an die KV zu richten mit dem Appell, der Praxis eine wirtschaftliche Zukunft zu geben.

Am kommenden Mittwoch, 27. Januar, wird der Berufungsausschuss tagen und sich die negative Entscheidung vom Dezember nochmal vornehmen. Der Vorsitzende dieses Gremiums muss laut Sozialgesetzbuch die Befähigung zum Richteramt besitzen. Hoffnungen will sich Wedekind keine machen. „Ich denke nur an den Worst Case“, sagt sie. Sollte der Berufungsausschuss für einen weiteren Hausarztsitz in Karben stimmen, wird dieser laut KV-Sprecher Karl Roth innerhalb weniger Wochen installiert. Der Bürgermeister gibt sich zuversichtlich: „Ich denke, dass die KV auch die Ärzte in dem Ausschuss von der Notwendigkeit eines weiteren Arztsitzes in der Praxis Wedekind überzeugen kann.“ Andernfalls, sagte Rahn am Dienstag, müsse man über andere Instrumente wie ein medizinisches Versorgungszentrum in der Stadt nachdenken.

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