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Die Reise, die verändert

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Lehrer Maximilian Simon (obere Reihe, Mitte) mit Paula, Hannah, Justus, Til und Jason, fünf von 20 Schülerinnen und Schülern der aktuellen AG Buchenwald. seipel (3) © Judith Seipel

Für Jugendliche liegen Nationalsozialismus und Judenverfolgung weit zurück. Im Unterricht ist das Thema eine Notwendigkeit und mündet kaum in eine persönliche Auseinandersetzung damit. Die Gesamtschule Konradsdorf geht seit ein paar Jahren einen Weg, der Empathie weckt und ermuntert, eigene Fragen zu stellen. In Buchenwald, einer Stätte des Grauens, gelingt es, die Vergangenheit mit dem Heute zu verbinden.

Zu monströs ist das Verbrechen, um es zu begreifen. Zu gigantisch die Zahl, um das Leid zu erfassen: Sechs Millionen Juden haben die Nationalsozialisten ermordet. Für Jugendliche ist das abstrakt, zu abstrakt. Die Unwissenheit über die Verbrechen der Nazis ist derweil groß und hat Folgen. Man denke nur an die Gleichsetzung von Judenstern und Corona-Maßnahmen auf den Demonstrationen der sogenannten „Querdenker“.

Um sich dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zu nähern, begeben sich Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Konradsdorf jedes Jahr auf Spurensuche. Sie tun das in Thüringen in der Gedenkstätte Buchenwald, wo zwischen 1937 und 1945 Tausende den Tod fanden. Dort, an einem authentischen Ort, versuchen sie während einer intensiven Arbeitswoche zu verstehen, wie aus Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, binnen weniger Jahre Nazi-Deutschland werden konnte, ein totalitäres System, das die Welt in Brand setzte und in die industrielle Vernichtung jüdischen Lebens mündete.

Weil sich das Ungeheuerliche kaum über Zahlen erschließen lässt, orientieren sich die Schüler in Buchenwald an Menschen und Biografien. Das Bildungsangebot der Gedenkstätte ermöglicht es ihnen, Lebensläufe zu recherchieren, an der Provenienz von Fundstücken aus dem einstigen Lager zu forschen und an Projekten wie dem Gedenkweg mitzuarbeiten.

In der Nachbereitung des Buchenwald-Besuches entstehen mitunter sehr persönliche Arbeiten, die später in einer Ausstellung den Geschichtsunterricht der Schule ergänzen. Als Multiplikatoren führen die Mitglieder der AG Buchenwald ihre (jüngeren) Mitschüler durch die Ausstellung, schildern Eindrücke, beantworten Fragen und öffnen auf diese Weise den Zugang zu einem schwierigen Thema, wie es Geschichtsbücher nicht vermögen.

Eloisa, die im nächsten Jahr Abitur machen wird, ist im Sommer der Geschichte der Brüder Israel Meir Lau, geboren 1937, und Naphtali, Jahrgang 1927, nachgegangen, die als einzige ihrer Familie die Schoa überlebten. Ihren Vater und ihren älteren Bruder ermordete 1942 die SS. Getrennt von der Mutter, die den Tod im KZ Ravensbrück finden wird, werden die beiden Jungen ins KZ Buchenwald verschleppt. Dort wird Naphtali, der Ältere, schwer krank. Er kämpft um sein Überleben und das seines Bruders. Denn der Vater, ein Rabbiner, wollte, dass einer seiner Söhne die Tradition fortsetzt und ebenfalls Rabbiner wird. Alle Kraft legt Naphtali in die Erfüllung dieses Wunsches. Als das KZ 1945 befreit wird, wandern die Jungen nach Palästina aus und Israel Meir Lau wird Rabbiner.

AG BUCHENWALD

Karin van Arsen , eine inzwischen pensionierte Lehrerin, hat die AG Buchenwald an der Gesamtschule Konradsdorf 2005 ins Leben gerufen. Herzstück ist eine jährliche mehrtägige Fahrt zur Gedenkstätte Buchenwald. Seit 2014 leitet Maximilian Simon (35), Lehrer für die Fächer Englisch, Ethik sowie Politik und Wirtschaft die AG Buchenwald.

Mitmachen können Zehntklässler und Oberstufenschüler. Obwohl die AG zeit- und arbeitsintensiv ist, übersteigt die Nachfrage in jedem Jahr deutlich die 20 Plätze.

Die Ergebnisse ihrer Recherchen präsentieren die AG-Mitglieder später der Schulgemeinde in einer Ausstellung. Die Auseinandersetzung mit den Themen Nationalsozialismus und Judenverfolgung findet auf vielfältige Weise statt, zunehmend auch mit künstlerischen Mitteln und multimedial. Der Wetteraukreis und die Landeszentrale für politische Bildung fördern den Buchenwald-Aufenthalt der Schüler finanziell. jub

Eloisa hat darüber ein berührendes Tondokument erstellt. Betroffen, mit einfachen Worten schildert sie das Schicksal einer Familie, deren Geschichte jäh endet: „Ich konnte mir nie vorstellen, wie stark die Menschen sein mussten und welche Zusammenhänge es überhaupt gibt in diesen ganzen verschiedenen Geschichten der Menschen und zwischen den verschiedenen Konzentrationslagern“, sagt Eloisa.

Leonie hat den Lebensweg von Boris Romantschenko nacherzählt. Er hat das KZ Buchenwald überlebt und starb im vergangenen März im Alter von 96 Jahren bei einem russischen Bombenangriff auf die ukrainische Stadt Charkiw.

Über die Jahre ist in Konradsdorf ein reicher Fundus an Materialien entstanden, aus denen die jeweils aktuelle AG Buchenwald Exponate auswählt und ausstellt, ergänzt um die neuen Arbeiten. Inzwischen bewegt sich die Präsentation weg von den Stellwänden hin zu multimedialen Inhalten wie die erwähnten Hörstationen von Eloisa und Leonie oder einen Film über das Lager. „Man lernt im Unterricht Fakten, aber ein richtiges Verständnis bekommt man nicht“, sagt Til, der zusammen mit Justus und Jason den Buchenwald-Film gedreht hat. Die Fahrt habe ihren Blick auf das Thema verändert. „Es ist wichtig, die Geschichte nicht zu vergessen“, ergänzt Justus.

Hannah, die sich gemeinsam mit Paula in der Restaurationswerkstatt der Gedenkstätte mit dem Thema Raubgut befasste, ist noch immer betroffen vom Krematorium des KZs. „Ich habe plötzlich die Präsenz all der Menschen gespürt, die da durchgegangen sind.“

Die AG Buchenwald ist ein wesentlicher Beitrag der Konradsdorfer Schule zur demokratischen Bildung. Der Aufenthalt in der Gedenkstätte sei für die Schüler „prägend“, sagt Lehrer Maximilian Simon, Leiter der AG. Schüler, die daran teilgenommen hätten, seien reflektierter und nicht verführbar durch extremistisches Gedankengut. „Viele“ erläutert Simon, „finden später dazu, sich gesellschaftlich zu engagieren“.

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