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Die Landärztin

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Fabienne Blank im Sprechzimmer ihrer Hausarztpraxis vor dem neuen Ultraschallgerät, das sie gekauft hat, weil sie es als Internistin gewohnt sei, auch „in den Patienten hineinzuschauen“. seipel © Judith Seipel

Sie werden dringend gebraucht, aber nur wenige junge Mediziner wagen den Schritt und gehen als Hausärzte aufs Land. Fabienne Blank, 31 Jahre alt und in Sichenhausen aufgewachsen, hat es getan und in Hirzenhain eine Praxis übernommen. Viel Verantwortung, jede Menge Arbeit, aber auch das gute Gefühl, das Richtige zu tun. Allerdings hätte sie sich mehr Unterstützung gewünscht.

Unternehmerin, Arbeitgeberin, Bauherrin - Fabienne Blank ist zurzeit eine Menge, vor allen Dingen aber ist sie Hausärztin. Zum 1. Juli hat die 31 Jahre alte Medizinerin die Praxis von Karl Rumpf in Hirzenhain übernommen und führt sie als internistische Hausärztin weiter. Für die Patienten - das Gros ist 70 Jahre und älter - ein Glücksfall. Denn im Osten des Wetteraukreises sind vielerorts inzwischen auch für den Besuch einer allgemeinärztlichen Praxis längere Wege in Kauf zu nehmen. Insgesamt seien im Raum Büdingen 4,5 Hausarztstellen vakant, darauf hat die Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl (SPD) jüngst hingewiesen.

Fabienne Blank weiß sich in Hirzenhain am richtigen Platz, auch wenn ihre Arbeitswoche 60 bis 70 Stunden hat. An eine hohe Arbeitsbelastung ist sie durch ihre Tätigkeit im Krankenhaus gewöhnt. Im 24-Stunden-Dienst auf der Intensivstation hat sie gelernt, schnell Entscheidungen zu treffen. Als Internistin ist ihr auch der Umgang mit alten Patienten vertraut. Diagnosen zu stellen, Medikamente und Therapien zu verordnen, Wunden zu versorgen, das alles beherrscht sie. In das komplizierte Abrechnungsverfahren und den Papierkram muss sie sich nun reinfuchsen.

Hinzukommt ihr eigener Anspruch. Sie sei schon immer „etwas pedantisch veranlagt gewesen“, gibt sie zu. Die neuen Patienten gut kennenzulernen, Einblick zu nehmen auch in das Umfeld ihrer Praxis, Behandlungen genau zu dokumentieren, Hausbesuche bei Menschen zu machen, die nicht mehr mobil sind, das nimmt viel Zeit in Anspruch. Ja, sie habe Respekt vor ihrer Aufgabe, schließlich trage sie Verantwortung nicht nur für die Patienten, sondern auch für fünf Mitarbeiterinnen. Viele dieser Patienten hat ihr Vorgänger über Jahrzehnte begleitet. Als Karl Rumpf sich vor mehr als 30 Jahren in Hirzenhain niederließ, war Fabienne Blank gerade geboren. Gab es Vorbehalte gegen die junge Ärztin? „Unterschiedlich“, sagt sie. „Herr Rumpf hat mich gut eingearbeitet und seinen Patienten vorgestellt.“ Manche hätten gesagt, sie wollten „doch erst noch mal lieber“ von dem vertrauten Arzt behandelt werden, andere wiederum wären gleich gerne „zur neuen Frau Doktor“ gegangen. Wobei sie das ja gar nicht sei, eine „Frau Doktor“.

Fabienne Blanks Promotion liegt auf Eis, der Titel genießt keine Priorität. Anderes ist wichtiger, zum Beispiel die Renovierung der Praxisräume, die in der vergangenen Urlaubswoche abgeschlossen wurde. Alles ein bisschen heller und moderner. Viel Weiß, Farbe akzentuiert, große Bilder.

PROTESTTAG

Der Hausärzteverband Hessen sieht die ambulante medizinische Versorgung in Gefahr und hat Hausärzte zu einem zweiten Protesttag am Mittwoch, 30. November, aufgerufen. Einige Praxen könnten dann geschlossen bleiben. Der Berufsverband will damit gegen die Sparpläne des Bundes und der Krankenkassen protestieren.

Nach seiner Auffassung ist die gewohnte ambulante Versorgung „massiv gefährdet“. Wegen geplanter Leistungskürzungen müssten Patienten mit längere Wartezeiten und längeren Anfahrtswegen rechnen. Der Verband fordert mehr Geld und weniger Bürokratie. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen rät Patienten auf ihrer Homepage, sich vorab in den Praxen zu informieren, ob diese am Protest teilnehmen. Im akuten Krankheitsfall stünden notfallversorgende Einrichtungen zur Verfügung. jub

Dass sie zusammen mit ihrem Mann Lucas Blank, einem Kameramann überhaupt in Hirzenhain ein großes Haus saniert, in dem sie Leben und Arbeiten unter einem Dach verwirklicht, war eine glückliche Fügung. Das Ehepaar Blank war eigentlich drauf und dran in Essen, wo Fabienne ihre Facharztausbildung begonnen hatte, Wurzeln zu schlagen. Doch nach der Hochzeit 2019 zog es sie zurück in die Heimat. Fabienne Blank ist in Sichenhausen aufgewachsen, Lucas Blank in Gedern. „Hier haben wir unsere Familien und viele Freunde. Wir sind hier schon verwurzelt“, räumt die 31-Jährige ein.

Ihre Mutter sei bei der Suche nach einer Immobilie auf das Haus in Hirzenhain aufmerksam geworden, das zum Verkauf stand, allerdings mit einem Untermieter. War es Schicksal oder Zufall, dass es sich bei dem Untermieter um einen Arzt handelte, der auf die 70 zuging und keinen Nachfolger für seine Praxis hatte? Fabienne Blank lächelt. Betrachtet man es im Nachhinein, sollte es wohl so sein.

Die Blanks jedenfalls kauften das Haus, die beiden Ärzte wurden sich rasch einig und nachdem Fabienne Blank im April dieses Jahres ihre Facharztprüfung für Innere Medizin erfolgreich abgelegt hatte, stieg sie in die Praxis ein und führt sie seit Juli allein.

Viele Hausärzte arbeiten an der Belastungsgrenze. Sie kämpfen gegen Leistungskürzungen und Bürokratismus und sehen ihre Arbeit von der Politik nicht wertgeschätzt. Fabienne Blank sagt, sie sei von der Kassenärztlichen Vereinigung für den Start in die Selbstständigkeit gut beraten worden. Allerdings gebe es keinerlei (finanzielle) Anreize, die jungen Kollegen die Entscheidung fürs Land erleichtern würden.

Denn wer sich niederlässt und eine Praxis übernimmt, verschuldet sich in aller Regel. Hinzukommen Investitionen in die Verbesserung der technischen Ausstattung. So kaufte sie beispielsweise ein Ultraschallgerät für 20 000 Euro. Ob sich die Investition rechnen wird, weiß sie nicht. Den Schritt in die Selbstständigkeit bereut sie nicht. Als Hausärztin habe sie „die ganze Breite“, vom Nagelpilz über die Platzwunde bis zum Diabetes, und treffe ihre eigenen Entscheidungen. Zurück ins Krankenhaus, das wäre nichts für sie.

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