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Altarbild mit umstrittener Datierung in der Ortenbrger Kirche
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Altarbild mit umstrittener Datierung in der Ortenbrger Kirche

Ortenberger Altar

Balthasar gleicht König Wenzel

Wie ist der ungewöhnliche Ortenberger Altar entstanden? Der heimische Kunsthistoriker Michael Schroeder hat eine neue Theorie entwickelt.

Von Elfriede Maresch

Kostbar und von Geheimnissen umgeben ist der Ortenberger Altar, der inzwischen dem Landesmuseum Darmstadt gehört und derzeit im Frankfurter Städel gezeigt wird. Eine qualitätsvolle Kopie hängt in der Ortenberger Marienkirche. Der Schöpfer des Originals ist unbekannt. Der Ortenberger Kunsthistoriker Michael Schroeder hat eine neue Spur.

Fein abgestimmt sind die Farben der Altar-Innenseite. Auf den grundierten Tannenholztafeln sind Ritzzeichnungen aufgebracht und mit dünner schwarzer Farbe nachgezogen. Bei den Heiligenscheinen und Kronen ist auf einem Grund von leimgebundener feiner Tonerde warmtoniges Blattgold aufgetragen. Kühler ist die Darstellung der Gewänder mit einer hauchdünnen, auf Silber ausgeklopften Goldfolie.

Auf dem linken Flügel des geöffneten Innenteils ist die Christgeburt, auf dem rechten die Anbetung der Könige dargestellt. Die Mitteltafel zeigt Maria in der Mitte sitzend, neben ihrer Mutter Anna, umgeben von den Frauen und Kindern ihrer Verwandtschaft und den Heiligen Jungfrauen Agnes, Barbara und Dorothea. Das Jesuskind auf ihrem Schoß neigt sich zum kleinen Johannes, dem späteren Täufer, auf den Knien seiner Mutter Elisabeth. Ein geschützter Paradiesgarten, darin Frauen, Früchte, spielende Kinder, von musizierenden Engeln unterhalten – das ist ein sehr „feministischer“ Blick auf das Marienleben. So gehört das Retabel eher ins Themenspektrum der Andachtsbilder, die im Zug der spätmittelalterlichen Mystik und eines erwachenden bürgerlichen Selbstbewusstseins entstanden und sich von liturgischen Mariendarstellungen unterschieden.

Der Künstler ist unbekannt, nur über das Entstehungsjahr um 1420 herrscht Konsens und zwar Dank der Geburtsdarstellung. Das Christkind liegt nackt, von einer Aureole umgeben, auf der Erde. Frühlingshaft sprießen in seinem Umkreis Blumen und Kräuter – ganz so, wie die heilige Birgitta von Schweden es 1372 in einer Weihnachtsvision sah. Erst um 1400, einige Jahre nach ihrer Heiligsprechung, ging diese Vorstellung in die Bildende Kunst ein.

Sonst sind die Zuordnungen spekulativ: „Mittelrheinisch“, „aus dem benachbarten Frauenkloster Konradsdorf nach Ortenberg gekommen“, so vermuten einige Kunsthistoriker, andere sehen eine Arbeit im Auftrag der Ortenberger Territorialherren, der Eppsteiner. Beweise gibt es nicht.

Einen neuen Deutungsansatz hat Michael Schroeder entwickelt. Der Kunsthistoriker und Archäologe, der 20 Jahre Lektor im Insel-Verlag war und jetzt frei publiziert, hat sich intensiv mit dem historischen Kontext des Altares befasst und ordnet ihn der böhmischen Kunst des frühen 15. Jahrhunderts zu.

Schroeder sieht bei der Menschendarstellung Unterschiede zur mittelrheinischen Malerei. Dort feine Köpfe, höfische Haltung der Figuren, Distanz zum Betrachter, hier charakteristische runde Gesichter, lächelnde Münder – die freundliche Nähe des „Weichen Stils“. Nahezu identisch zum Ortenberger Retabel erscheinen die Beteiligten auf dem ehemaligen Olmützer Altarbild „Die Auffindung des wahren Kreuzes “ vom Meister des Altars von Raigern, einem der führenden Künstler im Prag der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Weiter entdeckte Schroeder auf Exponaten der großen Landesausstellung „Kunst und Kultur zur Zeit der Luxemburger“ 2006 in Luxemburg und in Budapest die Porträtähnlichkeit zwischen König Balthasar auf dem Ortenberger Altar und dem böhmischen König Wenzel IV. (1419 abgesetzt). Der Sohn Kaiser Karls IV. ist auch auf der Dub?ek-Tafel als Heiliger Wenzel dargestellt, der Thronszene eines Initials der Wenzel-Bibel, und in Statuen aus der Parler-Werkstatt.

Solche Kryptoporträts auf Heiligenbildern dienten bei den böhmischen Herrschern aus dem Haus Luxemburg der sakralen Überhöhung ihrer Herrschaft. Schroeder sieht den Propst von St. Maria ad gradus (Mainz), einen von der Erzdiözese für die Wetterau bestimmenden Prälaten, als möglichen Stifter des Flügelaltars. Im Mainzer Marienstift sind nach 1314 böhmische Bauleute nachgewiesen, die an der Münsterkirche arbeiteten. Schroeder vermutet eine künstlerische Ost-West-Achse, der das Ortenberger Meisterwerk zu verdanken ist.

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