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„Uns wird enormer Schaden zugefügt“, sagt Fich.

Bad Vilbel

Bad Vilbel: AWO-Vorsitzender befürchtet dauerhaften Imageverlust

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Neujahrsempfang der AWO Bad Vilbel mit kritischen Tönen in Richtung der Verbände in Frankfurt, Wiesbaden und für Südhessen. Rainer Fich fordert Strukturveränderungen.

Herr Faludi wird der AWO jetzt richtig den Marsch blasen“, kündigt Rainer Fich den Gästen des Neujahrsempfangs am Samstag an. Und Quido Faludi kommt umgehend der Aufforderung nach, mit dem „Florentiner Marsch“ auf dem Akkordeon. Danach bläst Fich der AWO den Marsch, verbal und gerichtet an die Verbände in Frankfurt, Wiesbaden und für Südhessen, die derzeit tief im Skandalsumpf stecken, wegen überhöhter Gehälter, Luxusdienstfahrzeugen und was sonst noch die aktuell ermittelnde Staatsanwaltschaft zutage fördern wird. Der Sozialdemokrat Fich ist Vorsitzender der AWO Bad Vilbel, das Publikum sind AWO-Mitglieder und vor allem Ehrenamtliche, die bei der AWO bloß mitwirken.

„Uns wird enormer Schaden zugefügt“, sagt Fich. Ein herber Rückschlag und möglicher Imageverlust über Jahrzehnte. Was über Jahre mühevoll aufgebaut worden sei, sei nun gefährdet, auch was die personellen Aktivposten angehe. Fast drei Viertel der Aktiven seien nur durch ihr Tun in Projekten mit der AWO verbunden. Diese Belastung wird solange andauern, bis alles gründlich aufgearbeitet ist, sagt Fich. Er weist eindringlich darauf hin, dass der Vilbeler Ortsverband rechtlich eigenständig sei und man nichts mit Frankfurt, Wiesbaden oder Südhessen zu tun habe, sondern dem Kreisverband Wetterau angehöre. Aber das ist nur ein Detail, das manches Mitglied nicht mehr interessiert. „Dieser Tage hatten wir vier Austritte“, sagt Fich jenseits des offiziellen Teils.

Große Verunsicherung

Ein Imageschaden nicht nur nach außen, er schlägt auch auf das Gewissen des Vorstands. „Die Kassenprüfung zum Jahresbericht haben wir diesmal besonders intensiv vorgenommen“, sagt Fich, der seit 18 Jahren der Vilbeler AWO vorsteht. Die Finanzlage sei sehr gut. Es gebe keine Unstimmigkeit, aber auch kein Grund zum Jubeln. „Ich wache aber jeden Morgen mit der Frage auf: Ist uns nicht doch ein Fehler unterlaufen?“, sagte er.

Auch Ursula Bergmann, kein AWO-Mitglied und seit zehn Jahren in der AWO-Schuldnerberatung aktiv, hat eine klare, kurze Meinung: „Ich finde es einfach furchtbar.“ Hans-Joachim Hisgen, Vize-Vorsitzender der AWO, der montags mit drei Helfern für Menschen mit kleinem Einkommen kocht, findet ebenso keine milden Worte. Wenn montags im AWO-Heim aufgetischt werde, sei der Skandal bei den Gästen jedoch „kein großes Thema“.

Stellvertretend für andere bekommt auch Ingemarie Hennig keine bösen Worte an den Kopf geworfen, wenn sie im Gute-Laune-Café der AWO aus den Stadtgeschichten liest. Das wäre zudem besonders ungerecht, denn Mitglied ist sie nicht. Allerdings meint die Seniorin, es werde „zu viel Stimmung gegen den Frankfurter OB Feldmann“ gemacht. Für Tom Rademacher, Sprecher der Bad Vilbeler Jusos, ist der Skandal traurig. Immerhin sieht er in der Angelegenheit schon einen Geläuterten. „Feldmann hat aus seinen Fehlern gelernt, ihm wird das nicht mehr passieren“, meint Rademacher.

Fich fordert, dass die gesamte AWO aus dem Geschehen Lehren zieht. „Es kann nicht mehr angehen, dass ein mit Ehrenamtlichen, zumeist mit Rentnern, besetzter Vorstand die hauptamtliche Führungsspitze der AWO kontrolliert.“ Ein heikles Thema, meint er, denn das würde auch viele andere Vereine mit ähnlicher Struktur treffen. „Über ehrenamtliche Vorstände muss ein beaufsichtigendes Dach.“

Einen glücklichen Moment hat Fich wieder nach dem Durchzählen der Gäste. 46 sind es. „Es ist der bestbesuchteste Neujahrsempfang“, stellt er fest er. Nach soviel öffentlichen Abladen von Groll erklärt Fich: „Anschließend wird uns Herr Faludi wieder aufmuntern“. Das tut er, mit einem Strauss-Walzer, der mit sphärischen Klängen beginnt. Danach gibt es Kaffee und Streuselkuchen in verschiedene Variationen.

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