Politik

Mutig in mutlosen Zeiten

  • schließen

Die SPD Dortelweil feierte 100-jähriges Bestehen und hat im Jubiläumsjahr 33 Mitglieder.

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ erklang von den Sängern um den Mann an der Gitarre klar, kräftig und optimistisch. Das Geburtstagsständchen mit der Parteihymne galt am Samstagabend der SPD Dortelweil. Einhundert Jahre ist der Ortsverein alt geworden, das wurde gefeiert. Die SPD war immerhin über Jahrzehnte stärkste politische Kraft im bis 1972 eigenständigen Dorf. Mittlerweile steht die Partei im heutigen Bad Vilbeler Stadtteil am Rand, das zeigte sich nicht zuletzt bei der Europawahl.

Vorstandsmitglied Rainer Fich klingt ernst, wenn sagt, „bei der Europawahl haben wir in Dortelweil 11,8 Prozent erreicht, die Grünen dagegen um die 38 Prozent“. In knapp zwei Jahren stehen wieder Kommunalwahlen an, bis dahin werde es hochspannend. Nicht nur welches SPD-politisches Wetter bis dahin aus Berlin herüberweht. „Wo kriegen wir Leute her, die Lust auf sozialdemokratische Politik haben“, fragt Fich, der seit mehr als 30 Jahren der SPD angehört und der vor drei Jahren den Vilbeler Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) herausforderte. Zu Hochzeiten zählte die SPD im Dorf knapp einhundert Mitglieder, heute ist die Zahl auf ein Drittel geschrumpft, gleichwohl sich die Einwohnerzahl mit gut 7200 mehr als verdreifacht hat. Die Präsenz im Ortsbeirat ist zuletzt 2015 vom Wähler noch einmal halbiert worden. „Im Ortsbeirat haben wir zwei von neun Sitzen, das ist schon sehr bescheiden“, sagt Fich.

In Dortelweil hat die SPD zurzeit 33 Mitglieder (rund 190 in ganz Bad Vilbel). Sie verfügt über zwei Mandate im Ortsbeirat und ein Mandat im Stadtparlament. www.spdbadvilbel.de

1919, der Erste Weltkrieg war gerade vorbei. „Es gab in Dortelweil schon vorher Sozialdemokraten, nur waren sie nicht organisiert“, sagt Fich. Viele Bewohner arbeiteten in Frankfurter Fabriken. Bis zur Gemeindefusion mit Bad Vilbel war die Ortspolitik von drei langjährigen SPD-Bürgermeistern geprägt worden, Georg Opper, Adolf Vultèe und Richard Schäfer. Die SPD-Ära wurde von 1933 bis 1945 von den Nazis unterbrochen, die einen der ihrigen ins Amt setzten.

Beständigkeit zeichnete auch die Parteispitze aus. Die Fleischauers bildeten hierbei mit knapp 100 Jahren eine Vorstandsdynastie, beginnend mit Peter Fleischauer, der von 1929 bis 1967 den Vorsitz inne hatte. Zuletzt saß bis vor wenigen Jahren Enkel Norbert als Schriftführer im Vorstand. Hans-Joachim Hisgen steht mit seiner Amtszeit Peter Fleischhauer nicht so viel nach. Der heute 75 Jahre alte Hisgen, der sich zur Feier das rote SPD-Shirt übergezogen hat, war von 1983 an 32 Jahre Parteichef.

Was vor zwei Jahren Martin Schulz war, der der Partei allgemein einen Neumitgliederzulauf einbrachte, aber nicht spürbar in Dortelweil, war 1974 für den einstigen Lehrer Hisgen Willy Brandt. Hisgen zog 1971 nach Dortelweil. „Die SPD war damals eine richtig große Nummer. Bei Wahlen bekamen wir immer mehr als 60 Prozent der Stimmen“, sagt er. „Zum 50. Jubiläum des Ortsvereins kam sogar der hessische Innenminister“, sagt Hisgen. Damals habe man noch einen Stellenwert besessen. Aber auch im Dorf. „Zu unseren Sommerfesten kamen bis zu 300 Besucher - von allen Parteien“, sagt Hisgen.

„Heute spüren wir schon eine außergewöhnliche Zurückhaltung der Bürger gegenüber der SPD“, sagt Ortsbeiratmitglied Fich zum Geschehen in der Bundes-SPD. Ein Neuanfang müsse in Berlin gemacht werden, was aber mit dem gegenwärtigen Personal schwierig sei, meint Hisgen, der vor vier Jahren bewusst nicht mehr kandierte, „weil mal die Jungen dran sollten“. Damals kam nach 96 Jahren Parteigeschichte mit Silke Heinemann eine Frau ans Steuer, heute hält es die 39-jährige Maria Skorupski.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare