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Mit Tschernobyl fing alles an

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Von: Patrick Eickhoff

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Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind Gerhard Stengel (links) und allen Vilbelerinnen und Vilbelern für die ganze Hilfe sehr dankbar. eickhoff (2) © Patrick Eickhoff

Vor 36 Jahren ereignete sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Ab 1992 wurden jährlich 50 bis 100 Kinder und Betreuer von der Bad Vilbeler Feuerwehr in die Quellenstadt geholt und für drei Wochen betreut. Eines dieser Kinder war Nikolay Tuhai. Der Kontakt nach Vilbel reißt nie ab. Als sich der mittlerweile Erwachsene Tuhai mit Ausbruch des Ukraine-Krieges 2022 bei Ehrenstadtbrandinspektor Gerhard Stengel meldet, weiß dieser sofort, was zu tun ist.

Der Tisch in einem Haus in der Siesmayerstraße ist gedeckt. Die Teller sind voll mit ukrainischen Spezialitäten. Gleich mehrere ukrainische Familien warten auf den Besuch von Ehrenstadtbrandinspektor Gerhard Stengel. „Wir sind ihm so dankbar und freuen uns immer, wenn er zu uns kommt“, sagt Nina Urytska in sehr gutem Deutsch. Und auch wenn Juliia Lisna oder Tetiana Tuhai ebenfalls fleißig die Sprache lernen, überlassen sie an diesem Mittag das Reden ihrer Landsfrau. „Ich bin die Übersetzerin“, sagt sie und lacht.

Gerhard Stengel ist dieser Empfang fast schon unangenehm. „Hier geht es nicht um mich“, betont er. Verheimlichen kann er aber nicht, dass sich für Stengel in gewisser Weise ein ganz besonderer Kreis geschlossen hat.

Seit der Tschernobyl-Katastrophe hilft die Bad Vilbeler Feuerwehr insbesondere Kindern und Feuerwehrleuten aus Kiew und Butscha. So wurden ab 1992 jährlich 50 bis 100 Kinder und Betreuer von der Feuerwehr in die Quellenstadt geholt und für drei Wochen von Bad Vilbeler Familien und Familien benachbarter Gemeinden - mit Unterstützung der Wehr - betreut. Stengel erinnert sich: „Wir haben gemeinsam Ausflüge unternommen und viel erlebt. Viele haben heute noch Kontakt.“

Die eingeladenen Mädchen und Jungen waren zwischen zehn und zwölf Jahren alt. Einer von ihnen war Nikolay Tuhai. Mit ihm hält Stengel den Kontakt. Mit dem Kriegsausbruch meldet sich Nikolay Tuhai und bittet den Ehrenstadtbrandinspektor um Hilfe. „Er bat darum, Frauen mit ihren Kindern nach Bad Vilbel zu holen um sie vor dem Krieg in Sicherheit zu bringen.“

Stengel überlegt nicht lange. „Ich habe Günter Hinkel und seine Tochter Daniela angerufen und die Notsituation erklärt“, berichtet er. Der Hassia-Seniorchef habe dann unverzüglich Wohnungen in Bad Vilbel und Rosbach zur Verfügung gestellt. „Das fand ich wirklich bemerkenswert.“ Dasselbe gelte für den jetzigen Vilbeler Stadtbrandinspektor Karlheinz Moll. „Er hat sofort Unterstützung zugesagt.“ Jugendfeuerwehrwart Stephan Schmidt holte mit einem Kleinbus die geflüchteten Frauen mit ihren Kindern vom Busbahnhof in Frankfurt ab. „Außerdem haben sie weitere Fahrten gemacht“, sagt Stengel. Ob zum Wetteraukreis, zur Ausländerbehörde, zum Jobcenter in Friedberg oder zur Kontoeröffnung in Bad Vilbel. „Auch Arztbesuche wurden absolviert.“ Die Kinder der Frauen wurden in der Saalburgschule und der Stadtschule angemeldet. Stengel sagt: „Die Verantwortlichen beider Schulen sind sehr hilfsbereit und verständnisvoll gegenüber den Kindern.“ Auch die Deutschkurse würden gut laufen.

Das merkt man auch an diesem Nachmittag in der Siesmayerstraße. Nach und nach tauen die Frauen auf, sprechen immer wieder Sätze auf Deutsch. Unter ihnen ist auch Tetiana Tuhai mit ihrem kleinen Sohn Hnat Tuhai. Sie ist die Frau von Nikolay, den Stengel schon seit dessen Kindheit kennt. „Das ist einfach eine tolle Sache, dass wir ihm diesen Gefallen tun konnten.“ Tetiana wäre natürlich lieber bei ihrem Mann, ist aber froh, in Sicherheit zu sein. Das bestätigen auch die anderen, die größtenteils mit ihren Smartphones den Kontakt in die Heimat halten. „Weihnachten haben wir gemeinsam gefeiert“, berichtet Nina Urytska. „Und das, obwohl bei uns ja traditionell am 6. Januar gefeiert wird. Aber wir haben uns gedacht, wir feiern einfach doppelt“, sagt sie und lacht.

Von der Hilfsbereitschaft der Bad Vilbeler ist die Ukrainerin begeistert. „Egal wo wir sind, wenn wir eine Frage haben, sie wird uns beantwortet und es wird geholfen.“ Das habe besonders mit Gerhard Stengel und seiner Frau zu tun. Der lächelt, betont aber: „Es wäre völlig vermessen, nur mir zu danken.“ Er zählt auf: Die Stadt, Flüchtlingshilfe, Feuerwehr, Hassia, Aljoscha Smith, die Metzgerei Lukarsch und die Menschen, die Familien bei sich aufgenommen haben. „Teilweise auch mit kleinen Kindern. Das finde ich wirklich toll.“

Stengel zieht die Verbindung zur Tschernobyl-Katastrophe vor mehr als 30 Jahren. „Auch damals haben alle Seiten von der Presse über Firmen und Familien sich sofort hilfsbereit erklärt. Nur so war das überhaupt möglich.“

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Erinnerungen an die Aktionen in den 90er-Jahren hat Gerhard Stengel in vielen Fotoalben, auf Plakaten und in Textform festgehalten. © Patrick Eickhoff

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