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Schlaraffenland ist vorbei: Nutrias dürfen in Bad Vilbel nicht mehr gefüttert werden, um deren Ausbreitung Herr zu werden.

Bad Vilbel

Jagd auf Nutria in Bad Vilbel

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Die possierlichen Nager werden an der Nidda mutmaßlich zunehmend zum Problem. Ein Fütterverbot im Burgpark zeigt offenbar Wirkung.

Sie waren über Jahre das Ausflugsziel, die Nutrias im Burgpark. Nicht selten hatten die Zweibeiner für die possierlichen Vierbeiner mit dem scheinbar dauernassen braunen Pelz tütenweise Futter auf die Weise gekippt oder den Nagern aus der Hand Leckerlis gereicht. Das Nahrungsüberangebot hat die Nutriapopulation in die Höhe schießen lassen. Die Stadt sah sich genötigt, ein Fütterverbot zu erlassen. Seitdem ist die südamerikanische Einwanderin an der Wasserburg weitgehend verschwunden. Entlang der Nidda hat es sich die Nutria hingegen gut eingerichtet, stellenweise zu gut. Sie muss nun bejagt werden. Das kritisiert Gundula Ort vom Tierschutz Karben. In ihrer kommenden Bad Vilbeler Tierschutzsprechstunde will sie das zur Sprache bringen.

„Die Nutria muss in der Natur nicht bejagt werden“, sagt Ort. Das Tier richte weder nennenswerte Schäden an, noch verdränge es andere Arten. Sie beklagt, dass die Landesregierung die Nutria auf die Liste jagdbaren Wilds gesetzt habe und dass die Naturschutzorganisation Nabu sich nicht für den wasserliebenden Nagers stark mache. „Auch für Nutrias gilt der Tierschutz“, so Ort. Die ehemalige Richterin engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Tierschutzrecht. Unbestritten ist für Ort: „Am Burggraben gab es zu viele Nutrias.“ Sie habe der Stadt vorgeschlagen, die Tiere kastrieren zu lassen.

„Die Nutria ist eine invasive, gebietsfremde Art“, sagt Frank Uwe Pfuhl, Leiter der Regionalstelle des Nabu Wetterau. Das Tier sei mittlerweile flächendeckend vorzufinden. Mutmaßlich Pelztierfarmen hätten es einst, wie Waschbär und Mink, in die hiesige Natur entlassen, wo es sich vor allem mit Unterstützung des Menschen prächtig vermehrt. „Problematisch ist die zusätzliche Fütterung“, sagt Pfuhl. Ist das Nahrungsangebot ausreichend, kann ein Weibchen bis zu sechs Mal im Jahr Nachwuchs bekommen, heißt es. Geschlechtsreif seien die Tiere bereits nach einem Jahr. Der einzige natürliche Feind der Nutrias sei die Witterung. Ob ihrer immer noch in den Genen liegenden Herkunft können einige Wochen klirrenden Frosts die Populationen deutlich dezimieren.

Der Nager bringe die Natur nicht so aus dem Gleichgewicht wie der räuberische Mink. Allerdings sei die Nutria ihr auch nicht von Nutzen. „Aus umweltpädagogischer Sicht sind Nutrias jedoch interessant. Kinder können sie gut beobachten, weil die zutraulichen Tiere sie nah heranlassen.“ Hinsichtlich der Bejagung heißt es vom Nabu: „Wir fordern nicht den Abschuss der Nutrias, aber es gibt auch keinen Grund, sie unter besonderen Schutz zu stellen.“ Die Zahlen des Landesjagdverbands für die Wetterau belegen, dass der Meerschweinchenverwandte ob seiner wachsenden Population zunehmend auf der Abschussliste steht. Bestand in der Jagdsaison 2001/2002 eine „Strecke“ noch aus zwei Tieren, waren es 2017/2018 bereits 152. Der Landestrend verläuft ähnlich. „Die Jagd auf Nutrias ist im Stadtgebiet nicht erlaubt“, sagt Jäger Michael Schwarz aus Bad Vilbel.

In der Regel werde geschossen, auch Fallen seien möglich. Es gebe ein Jagdrecht auf die Nutria auch aus EU Sicht. Das Tier werde jedoch nicht allein deswegen gejagt. Die wachsende Bestände bedrohten die Stabilität von Dämmen, weil die Nutria darin buddelt. Sie frisst Uferröhrichte, die andere, bedrohte Arten als schützende Brutstätte benötigten. „Zudem ist die Nutria keine reine Vegetarierin. Sie verspeist gern seltene Muschelarten.“ Laut Schwarz hat man der Nutria zu spät Beachtung zu kommen lassen.

Die erlegten Tiere können vom Jäger verwertet werden. Der Landesjagdverband hat vor zwei Jahren die Aktion „Fellwechsel“ gestartet. Es besteht die Möglichkeit, die Felle entweder dorthin zu verschenken, dann gelangen sie nach dem Gerben in den Handel, oder der Jäger gibt die Felle bei „Fellwechsel“ ab und kauft sie gegerbt zurück. Das Fleisch kann zu Rotkraut und Knödeln serviert werden. Es soll gut schmecken. In der DDR soll Nutria auf der Speisekarte gutbürgerlicher Gaststätten gestanden haben.

Tierschutzberatung: „Ist das Töten der Nutrias an der Nidda wirklich notwendig und gerechtfertigt?“, Donnerstag, 31. Januar, 16 bis 18 Uhr im Hauses der Begegnung, Marktplatz 2, Bad Vilbel.

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