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„Ich darf nicht weinen“

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Von: Tina Full-Euler

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Anette Schmidt vom Bad Vilbeler Bestattungshaus Pietät Schmidt ist Trauerrednerin.
Anette Schmidt vom Bad Vilbeler Bestattungshaus Pietät Schmidt ist Trauerrednerin. © privat

Die Trauerrednerin Anette Schmidt spricht oft statt eines Pfarrers das letzte Geleitwort bei Beerdigungen. Tina Full-Euler hat mit ihr über Menschenkenntnis, die Erwartung der Angehörigen und schwierige Momente gesprochen.

Frau Schmidt, Ihr Bestattungshaus bietet einen besonderen Service an: Auf Wunsch halten Sie die Trauerrede. Was können Sie, was ein Pfarrer nicht kann?

Ein Pfarrer macht eine Bestattung unter dem kirchlichen Aspekt. Er kann auch auf die Biografie eingehen, aber das macht nicht jeder Pfarrer. Wenn es den Leuten sehr wichtig ist, dass in einer Trauerrede auch die Biografie zur Geltung kommt, kann ich darauf natürlich sehr gut eingehen.

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Gehen Sie nur mehr und anders oder auch besser darauf ein?

Das kann ich so nicht sagen. Dem einen gefällt es, dass ich über die Biografie spreche, ein anderer hätte vielleicht lieber nur Bibelverse gehört. Bestattungen sind eine ganz individuelle Sache. Ich kann als Trauerredner auf Wunsch auch einen Segen oder ein Gebet sprechen. Denn ich bin getauft, ich bin evangelisch und dann darf ich das. Ich darf es nur nicht in einer Kirche.

Wer Bibelverse hören möchte, kann einen Pfarrer nehmen.

Angehörige können Pfarrer nur für Verstorbene nehmen, die in der Kirche waren. Sonst muss das meist ein Trauerredner machen.

Wer ist Ihre Klientel? Nur Angehörige von Verstorbenen, die nicht in der Kirche waren?

Ich wurde schon gebeten, die Rede zu halten, obwohl der Verstorbene in der Kirche war. Aber ich versuche nicht, mich in die Kirche reinzudrängen, weil ich denke, wer in der Kirche war, sollte auch eine kirchliche Bestattung bekommen. Allerdings werde ich den Leuten ihren Wunsch auch nicht abschlagen. Es ist die Entscheidung der Angehörigen, welchen Abschied sie sich wünschen.

Welche Eigenschaften sollte ein guter Redner mitbringen?

Menschenkenntnis. Er sollte ein gepflegtes Erscheinungsbild haben und sich gut ausdrücken können.

Sie haben dafür ein Seminar besucht. Was haben Sie gelernt?

Ich habe gelernt, dass die Rede eine gewisse Lyrik enthalten sollte. Das lockert auf. Wichtig sind vor allem Biografie, Transzendenz und der musikalische Rahmen.

Was qualifiziert Sie noch?

Ich habe den Vorteil, dass ich Erfahrungswerte sammeln konnte und kann, weil ich ja selbst Bestattungen durchführen darf. Dabei habe ich sehr viele Reden gehört. Und manchmal dachte ich mir: Dies oder das hätte man besser machen können. Das ist mir nach den durchweg positiven Rückmeldungen wohl auch gelungen.

Was zeichnet eine gute Rede aus?

Auch das ist ganz unterschiedlich, je nachdem, was sich die Angehörigen wünschen. Hauptsächlich möchten sie etwas über den Verstorbenen hören. Dazu greife ich Stationen seines Lebens heraus.

Welche Worte finden Sie für jemanden, der Ecken und Kanten hatte?

Eine gute Rede sollte den Verstorbenen nicht nur in den Himmel heben, sondern ein Bild von ihm wiedergeben, das echt ist.

Wie ehrlich sind Beerdigungen?

Ich kann die Rede nur mit den Informationen aufbauen, die ich bekomme.

Was erwarten Sie von den Angehörigen bei der Vorbereitung?

Ich erwarte nicht, dass sie etwas Vorformuliertes haben. Man muss ein Gespür dafür haben, wie man an die Infos kommt. Denn die Rede ist ja ein Abschlusswort für ein langes Leben. Ich habe die Ehre, diesen Menschen zu verabschieden. Wenn die Angehörigen im Anschluss sagen: Genau so wollte ich es haben, dann kriege ich auch eine Gänsehaut, denn ich bin ein sehr sensibler Mensch.

Trauern Sie mit, wenn Sie die Rede halten?

Da ist meine Professionalität gefragt. Es gibt durchaus schwierige Situationen. Zum Beispiel wenn ein Kind vorne sitzt und um seinen Opa weint. Da würde ich am liebsten mitweinen. Aber ich darf nicht, ich muss weitermachen.

Interview: Tina Full-Euler

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