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Solodarstellerin Anne Simmering im Theaterkeller.
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Solodarstellerin Anne Simmering im Theaterkeller.

Burgfestspiele

Halluzinationen im Gewölbe

Premiere für "Alice im Wunderland" im Theaterkeller der Burgfestspiele. Kinder sollte man jedoch bei dieser zweisprachigen schrägen Fassung des Klassikers besser zuhause lassen.

Von Peter Hauff

Generationen von Linguisten und Mathematikern haben sich am berühmten Kinderbuch von Lewis Carroll abgearbeitet. Die Logik steht darin Kopf, und bis heute beißen sich Wissenschaftler und Übersetzer an dem höheren Blödsinn viktorianischer Wortspiele und Tierfiguren ihre Zähne aus. "Alice im Wunderland" als ein Solostück im Kellertheater aufzuführen, muss jede Schauspielerin überfordern. Wer könnte gleichzeitig ein Kaninchen, eine Raupe, eine verrückte Teegesellschaft aus Märzhase, Haselmaus und Hutmacher verkörpern, und dann noch sich selbst? Genau das hat Regisseurin Kirsten Uttendorf aber der Alleindarstellerin Anne Simmering zugetraut.

In akzentlosem Englisch, dann wieder deutsch, mimt die Schauspielerin eine halbwüchsige Frau, die nicht recht weiß, in welcher Zeit und in welcher Sprache sie eigentlich halluziniert. Alice im Kellertheater ist eine durchgeknallte Junkie mit Pippi Langstrumpfs Zöpfen, die in immer neue Figuren schlüpft, die aus der Romanvorlage stammen.

"Wer bin ich?"

„Ich bin zu spät, ich bin zu spät!“ Diesen Satz schreiend, rast Alice als Kaninchen auf die Bühne und schluckt, wieder zum Menschen verwandelt, ein leckeres Gift, das sie schrumpfen lässt. Drogen? Wer weiß? Marshmallows lassen sie später zur Riesin werden. Was in Lewis Carrolls Geschichte nur Nebensache ist, wird hier zum Leitmotiv. „Wer bin ich?“ fragt sich das essgestörte Fräulein im Hagel abgedrehter Fantasien. Komponist Markus Höller lässt sie dabei aus Gassenhauern des Popzeitalters zitieren: „Just a spoonful of sugar makes the medicine go down“ stammt aus dem Musical Mary Poppins. „Short people have no reason to live“ ist die Aneignung von Randy Newmans Klassiker, ein Song, der wegen seiner angeblichen Diskriminierung Behinderter und kleinwüchsiger Menschen verboten wurde.

One Woman Show

Eigentlich ist die Fassung für die Burgfestspiele ein Hörspiel: Limericks, verfremdete Kinderverse und ein deutsches Abendlied wurden für die Performance wild durcheinander gerührt. Die psychedelische Begleitung eines Keyboards, das mal Stürze in die Tiefe sonorisiert, mal Höhenflüge andeutet oder einfach den Blues hat, passt wie angegossen. Ihre komödiantische Seite zeigt Anne Simmering als Siebenschläfer auf der Teaparty, als kalbsköpfiger Krötensupperich und als Königin, die alle Bürger enthaupten will. Bei diesen drei Figuren scheint die One-Woman-Showmasterin in ihrem Element. Manchmal ein bisschen zu laut.

Natürlich tauchen die großen Fragen aus Carrolls Roman auch im Stück für Bad Vilbel auf: Was bedeutet Unsinn? Wohin geht der Mensch, wenn er kein Ziel hat? Gibt es den Unterschied zwischen Gestern, Heute und Morgen überhaupt? Was fehlt, sind vielleicht ein paar eigene Nonsensverse, noch mehr Freiheit vom Original und, ja bitte, mehr Musik! Anne Simmering singen zu hören, ist einmalig. Seine Kinder kann man in die zweisprachige Fassung von Wahnbildern eines echt schrägen Fräuleins nicht mitnehmen. Wer den Abend genießen will, sollte vorher den Roman kennen.

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