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Eine Stadt im Wasserrausch

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In der Quellenstadt Bad Vilbel erzählt Hassia-Chef Günter Hinkel vom Sprudel.

Anderswo feiern die Menschen Feste zu Ehren von Heiligen, in der Wetterau (auch) zu Ehren des Wassers, so in Bad Nauheim oder jetzt über Pfingsten in Bad Vilbel mit dem mehrtägigen Quellenfest. Das Wasser wird dort nicht nur als Lebenselixier bejubelt, sondern auch als munter sprudelnde Einnahmequelle. Anderes als in Bad Nauheim füllten die Vilbeler ihr Heilwasser weniger in Badewannen, dafür mehr in Flaschen - und bis heute sehr erfolgreich. So ließ es sich auch diesmal Günter Hinkel, Familienmitglied der örtlichen Mineralwasserdynastie und geschäftsführender Gesellschafter der Hassia, nicht nehmen, zum Fest selbst durch das Brunnen- und Bädermuseum zu führen, um die zumindest einstige Basis des Wohlstands der Stadt unterhaltsam zu erklären. Denn was einst im Yukon der Gold- und in Texas der Ölrausch war, war seinerzeit in Vilbel der Wasserrausch.

Kein Hof, kein Keller und selbst ein Schlafzimmer wurde vor rund Hundert Jahren von Bohrgestänge nicht verschont. Vor allem im Umkreis von 100 bis 200 Meter vom historischen Rathaus stand das Mineralwasser so dicht unter der Oberfläche, dass der Bohrer schon nach wenigen Metern Tiefe auf das Gesuchte stieß. Mehrere Dutzend Brunnen entstanden so. Der Sprudel fand regen Absatz, er soll zu den kohlensäurereichsten gezählt haben und war somit ein begehrtes Mittel gegen allerlei „Leibesblödigkeit“. Carl Brod löste um 1900 mit seiner Brunnen im Hof der Marktstraße 11 den Boom aus. „Der Sprudel schoss haushoch aus der Erde. Das war eine solche Sensation, dass die Leute aus ganz Deutschland kamen“, erzählt Hinkel.

Brunnen- und Bädermuseum, Am Marktplatz 3, Vilbel, sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt ist frei. www.bad-vilbel.de.

Das Brunnenfieber erreichte in den 1930er Jahren ein Ausmaß, dass der eine dem anderen das Wasser abgrub. Otto Hinkel sah seine Abfüllung bald auf dem Trockenen. Bei Berkensheim wollte er nach einer gut schüttenden Ader bohren. Der damalige Vilbeler Bürgermeister holte Hinkel mit der Zusage für einen erfolgversprechenden Bohrplatz nahe der Rathausbrücke zurück, berichtet Enkel Günter Hinkel. Heute erhält die Hassia (lateinisch für Hessen) aus 30 Brunnen im Stadtgebiet ihr Wasser.

Das Museum, von Hassia und Geschichtsverein realisierten, erzählt nicht nur die geologischen Gründe, warum in der Stadt das kohlensaure Wasser ziemlich dicht unter den Häusern steht, es gibt auch eine geschichtlichen Abriss zur Historie der Mineralwasserindustrie - vornehmlich der Hassia. Ein Raum wird etwa gefüllt von einer Nachkriegs Flaschenwasch- und Abfüllanlage.

Im Betrieb hat Günter Hinkel das Geschäft von Pike auf gelernt. In den Schulferien zimmerte er aus Holz Flaschenkisten oder montierte die aus acht Teilen bestehenden Bügelverschlüsse. Eine ungeliebte Arbeit, für die es ein Pfennig pro Flasche gab, sagt er. Vor jeder Befüllung wurde auch der Verschluss gespült, aber was an der Gummidichtung dennoch verblieb, sei weniger appetitlich gewesen. Dem Plopp-Verschluss trauert Hinkel nicht nach, der Mehrwegpfandflasche, die einst sein Vater zum bundesweiten Brunnenflaschenstandard machte, hingegen schon. Doch: „Der Anteil wächst wieder jedes Jahr um zwei Prozent“, sagt Günter Hinkel.

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