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Der Burgpark wird zur Bühne

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Bunte und große Lichtinstallationen rund um die Vilbeler Wasserburg: Der Burgpark wird in dieser Saison wieder zur Bühne. eugen sommer (2) © Eugen Sommer

Bad Vilbel - Der dunkle Burgpark wird zur individuellen Bühne. Mit Handy, Kopfhörern und vielen Lichtinstallationen werden Shakespeares Sonette mit allen Sinnen erlebbar. Ein Konzept, das sich Regisseurin Milena Wichert überlegt hat und mit einem Team umsetzt. So, wie es in Bad Vilbel zu sehen ist, ist das bisher einmalig in Deutschland.

Theater soll für alle erlebbar sein - und das mit allen Sinnen. Auf keinen Fall soll Theater elitär sein. Das ist Regisseurin Milena Wichert wichtig. Mit ihrem technischen Wissen und einem engagierten Team erschafft sie ganz besondere Theaterwelten: Zum Hören, Sehen, Staunen. Mit einer ausgeklügelten Technik im Hintergrund über Apps und Kopfhörer. So hat sie im letzten Jahr den Audiowalk durch den Burgpark geschaffen. Shakespeares Sonette an der frischen Luft für Besucher allumfassend erlebbar gemacht. Shakespeare auf den Ohren sozusagen.

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Hunderte von Lichtern illuminieren in den Abendstunden den Park um die Bad Vilbeler Burg. Ausgestattet mit Kopfhörern, die durch GPS-Funktion den Standort ermitteln, bahnen sich die Besucher auf schmalen Wegen ihren Pfad durch kunstvolle Licht- und Klanginstallationen.

Shakespeares Sonette werden mit „Kurz währt des Sommers Zeit“ erlebbar. Kein Weg ist gleich, Stimmen wandern, werden leiser und lauter und führen zu Orten, die ein anderer nie erfahren wird. Sound, Licht, Text und Umgebung verschmelzen zu einer Bühne, auf der die Zuhörenden sozusagen zu Regisseuren ihres eigenen Abends werden.

Milena Wichert führt Regie , die technische Leitung hat Patrick Kerner, die Klänge kommen von Sounddesign Louisa Beck, Dramaturgin ist Angelika Zwack. Das Kollektiv „Hella Lux“ unterstützt das Projekt. Sprecherinnen und Sprecher der Texte sind die Schauspieler Laura Lippmann, Simone Müller, Henning Mittwollen, und Christian Manuel Oliveira.

Premiere hat der Audiowalk „Kurz währt des Sommers Zeit“ ist am kommenden Freitag, 2. September, um 20.30 Uhr im Burgpark. Weitere Informationen und Kopfhörer gibt es im Kartenbüro; Telefon 0 61 01/55 94 55 oder im Internet unter www.kultur-bad-vilbel.de. red

Dieses bisher deutschlandweit einmalige Projekt war sehr erfolgreich und wird in der aktuellen Saison weitergehen. Shakespeares Sonette werden unter dem Titel „Kurz währt des Sommers Zeit“ erlebbar. Mit Kopfhörern, die man sich im Kartenbüro leihen kann, und einem Handy kann es auch schon losgehen. Technische Vorerfahrungen sind dafür nicht nötig. „Man muss mit wachen Augen durch den Park gehen“, sagt Wichert. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit geht es los: Dann gibt es viel zu hören, zu erleben und zu entdecken. Auszüge aus Shakespeares Sonetten werden von Schauspielern eingesprochen, unterlegt mit unterschiedlichen Klängen und Musik. Umgeben von Lichtinstallationen an vielen Stellen im Burgpark. „Jeder wird zum eigenen Komponisten“, sagt Wichert. Denn je nachdem, wo die Besucher entlanglaufen, ist Unterschiedliches zu hören. Geräusche und Sprache vermischen sich und machen Shakespeares Worte lebendig. Es geht um Tag und Nacht, um aufwühlende Liebe, um Trennung oder Ablehnung. Läuft man an einer Bank vorbei, kann es sein, dass von dort die Stimme eines Schauspielers zu hören ist, der zwar nicht dort sitzt, aber es hört sich so an als wäre er da. Rechts fährt auf einmal ein Fahrrad akustisch vorbei. Das funktioniert durch sogenannte Headtracker an den Kopfhörern, die die Kopfbewegungen erkennen. Die neue Technik der „Ear Pods“ macht das noch deutlicher. Mit diesen ist ein 360-Grad-Hören möglich. Töne kommen also mal auf das rechte oder auf das linke Ohr oder direkt „auf die Person zu“. „Das gibt uns erstaunliche dramaturgische Möglichkeiten“, erklärt Wichert. Mit „uns“ meint sie das Team, mit dem die Hamburgerin bei den Burgfestpielen zusammenarbeitet. Mit dabei sind Patrick Kerner als technischer Leiter und Sounddesignerin Louisa Beck. Beide sind Teil des Kollektivs „Hella Lux“. Dieses hat Wichert 2015 gegründet. Entstanden ist „Hella Lux“ aus einer Gruppe, die sich während Wicherts Regiestudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt gefunden hat. Im Team wollten sie kreativ zusammenarbeiten, eine gemeinsame Ästhetik und Sprache finden. Dabei klassisches Theater mit moderner Technik verbinden. Generationsübergreifendes Theater war und ist die Idee dahinter. Mittlerweile ist „Hella Lux“ zu einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) geworden: Mit Wichert und zwei Frauen an der Spitze und einem stetig wachsenden Team. Das Kollektiv realisiert Soundinstallationen, Audiowalks wie im Burgpark, Performances und Theaterstücke. Alle kommen von klassischen Theaterbühnen, wollen aber die Technik für sich nutzen. „Wir möchten Theater auch außerhalb der Bühne machen; also in öffentlichen Räumen.“ Technik soll dabei unterstützen, den künstlerischen Prozess aber nicht stören. Im Idealfall merkt der Zuschauer gar nicht, wie viel technischer Aufwand hinter dem Erleben steckt. „Es sollen neue Welten entstehen, wie im Burgpark. Eine Welt legt sich über die andere“, erklärt die Regisseurin.

Genau das fasziniert sie an ihrem Beruf: „Ich erschaffe Welten, in die ich Menschen ‚entführen‘ kann und eröffne neue Perspektiven.“ Diese Perspektiven kann und soll der Besucher im Burgpark selbst einnehmen: Einfach die vorgegebenen Wege verlassen und mutig durch den Burgpark gehen. Unter einem Baum stehen bleiben und nach oben schauen: Dann entdeckt man in luftiger Höhe einen Lichtstab, hört Stimmen und Flüstern in den Baumwipfeln. Plötzlich wird der manchmal recht schwere Shakespeare-Stoff sehr leicht. Kopfhörer und Handy schaffen einen Zugang für jeden, der sich auf diesen besonderen, abendlichen Spaziergang einlässt. Für jeden mit allen Sinnen erlebbar - und gar nicht elitär.

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Milena Wichert hat den Audiowalk mit ihrem Team umgesetzt. © Red

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