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Von Pathos zu Podcast

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Das Ehrenmal liegt auf einer Anhöhe unterhalb des Johannisbergs. Auf Antrag der Koalition soll sich konzeptionell etwas ändern. ihm-fahle © Petra Ihm-Fahle

Bad Nauheim - Würdevoll liegt das Bad Nauheimer Ehrenmal auf einer Anhöhe unterhalb des Johannisbergs. Wer näher herantritt, empfindet die Trauer um sinnlos erbrachte Opfer. Gleichzeitig wirkt das Ehrenmal nach Ansicht des einen oder der anderen nicht mehr zeitgemäß. Das soll sich ändern.

Die Stadt Bad Nauheim soll ein neues Konzept für das Ehrenmal entwerfen. Zunächst werden sich die städtischen Ausschüsse mit dem diesbezüglichen Antrag von CDU, Grünen und SPD befassen. Wie Natalie Pawlik (SPD) jüngst im Stadtparlament ausführte, steht auch in Bad Nauheim ein Ehrenmal für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege. „Viele Menschen sind im Rahmen unterschiedlicher Diskussionen an unsere Fraktion herangetreten, die das Ehrenmal irgendwie befremdlich finden.“

Dies vor allem, da „beide Weltkriege von Deutschland begonnen wurden und Hass, Leid und Tod über die ganze Welt brachten“. Deutsche Soldaten hätten auf der ganzen Welt Kriegsverbrechen begangen. Es stimme gleichzeitig auch, dass nicht jeder Wehrmachtssoldat ein überzeugter Nationalsozialist gewesen sei, dass Angehörige um sie trauerten und dies noch täten. Die SPD-Fraktion frage sich aber, „ob ein Ehrenmal nicht verändert und zu einem zeitgemäßen Gedenken umgewandelt werden kann und sollte“. Sowieso müsse der Platz aus Gründen der Verkehrssicherheit verändert werden. Das Ehrenmal ist laut Pawlik ein Ort, der „mit viel nationalistischem Pathos Anfang der 1930er Jahre eingeweiht wurde“. Heute sei es ein beliebter Treffpunkt rechtsextremer Gruppen - zuletzt hätten sich dort erneut Neonazis zum Volkstrauertag getroffen, um an einem ihrer Meinung nach geeigneten Ort ihrer „Helden“ zu gedenken.

Wie ihr Fraktionskollege Sinan Sert in einer Pressemitteilung hinzufügt, habe der Magistrat mit der neuen Besuchs- und Benutzerordnung ein wichtiges Zeichen gesetzt (siehe Info-Kasten). „Nun gilt es, den nächsten Schritt zu gehen und den ‚Raum‘ am Ehrenmal konzeptionell und ideell neu zu füllen sowie zeitgemäß zu gestalten.“ Gewünscht sei die Umwandlung und Umbenennung zu einer Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und all seiner grauenvollen Folgen. Eine würdevolle Erinnerung an die Namen Gefallener soll laut Sert weiterhin beibehalten werden.

NUTZUNGSORDNUNG

Seit dem 3. November greift eine neue Besuchs- und Benutzerordnung am Bad Nauheimer Ehrenmal. Von den Besucherinnen und Besuchern wird demnach ein „spezifisches, den Charakter dieses Gedenkortes würdigendes Verhalten“ erwartet.

Der Magistrat untersagt erstens jegliche menschenverachtenden, gewaltverherrlichenden, diskriminierenden, rassistischen oder nationalsozialistischen Äußerungen oder Verhaltensweisen, zweitens das Tragen/die Zurschaustellung von Kleidungsstücken, Tattoos, Gegenständen und Symbolen, die nach allgemeiner Ansicht eine politisch extremistische Aussage ausdrücken oder einen potenziell diskriminierenden Charakter haben.

Verboten ist insbesondere das Tragen beziehungsweise die Zurschaustellung von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Vereinigungen. Drittens untersagt der Magistrat das Mitführen von Fahrzeugen aller Art, ausgenommen sind Rollstühle und Gehhilfen sowie städtische Fahrzeuge zur Pflege des Denkmals.

Der Einsatz von Lautsprechern und Flugdrohnen sowie offenes Feuer verboten, fünftens sind die Ausgabe von Druckerzeugnissen aller Art sowie das Mitführen und Anbringen von Plakaten und Transparenten untersagt, sechstens das Fertigen, Veröffentlichen und Verbreiten von Foto-, Film- oder Tonaufnahmen, insbesondere für journalistische oder gewerbliche Zwecke.

Des Weiteren verboten ist die Durchführung von Gedenk- oder anderen öffentlichen Veranstaltungen sowie künstlerische Darbietungen, achtens gewerbliche Betätigungen und neuntens der Konsum von Alkohol. ihm

„Kriegsverbrechen und Gräuel des Krieges sollen dabei allerdings ebenso benannt und kritisch behandelt werden.“ Informations-Tafeln, beispielsweise mit QR-Codes zu thematisch entsprechenden Podcasts, sollten hierzu beitragen. „Jährlich stattfindende städtische Info-Veranstaltungen mit Schülergruppen könnten die neue Konzeption ergänzen“, erklärte Sert. An Bad Nauheimer, die in diesem Zusammenhang besonderen Widerstand leisteten, solle dabei angemessen erinnert werden. „Darunter fallen sicherlich Sozialdemokraten wie Robert Wiedermann und Franz Metz.“ Laut Sert traten beide unerschüttert und entschieden dem Nationalsozialismus im Dritten Reich entgegen, wofür sie unter anderem Gefängnis und Konzentrationslager hätten erleiden müssen. Metz erlag laut Sert den Strapazen nach einem Todesmarsch.

Benjamin Pizarro (FDP) erklärte: „Während die meisten Generationen der deutschen Mehrheitsgesellschaft kaum mehr konkrete Ahnung von Krieg haben, leben heute viele Menschen unter uns, für die diese Erfahrung ganz aktuell ist.“ Erinnerungskultur, Gedenkstätten und Mahnmale müssten daher heute inklusiver gedacht werden. „Unser Ehrendenkmal ist in dieser Hinsicht völlig aus der Zeit gefallen“, betonte er. Das Areal gehöre abgebaut, und ein neues Konzept müsste erstellt werden. Die FDP zweifle allerdings daran, dass das hohe Ziel, das die Koalition habe, mit einfachen beziehungsweise günstigen Mitteln hier eine Gedenkstätte zu errichten, erreicht werden könne. Eine gedenkstättenpädagogische Konzeption sei komplex, teuer und ziehe vor allen Dingen Folgekosten hinter sich her: Nur QR-Codes aufzustellen reiche lange nicht aus, um einen wirklichen Mehrwert zu leisten.

Manfred Jordis (CDU) widersprach ihm - es sei kein Schnellschuss. 400 000 Euro stünden immerhin dafür im Haushalt. 360 000 Euro trügen einen Sperrvermerk, mit den restlichen 40 000 Euro werde geplant. Erst wenn das Hohe Haus von dem Konzept überzeugt sei, werde der Sperrvermerk laut Jordis aufgehoben.

Einstimmig verwiesen die Stadtverordneten das Thema auf Antrag von Benjamin Pizarro von den Liberalen in den Ausschuss für Sport und Kultur und auch in den Haupt- und Finanzausschuss.

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