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„Sozialer Frieden in Gefahr“

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Ein Zeichen gegen rechts setzten die Vertreterinnen und Vertreter zum Auftakt der Meile. Schuchardt © Red

Mit einer Demokratiemeile rund um den Aliceplatz setzte das Bündnis „Demokratie schützen Bad Nauheim“ am Mittwoch ein Zeichen gegen die - ihrer Ansicht nach - von rechtsextremen, querdenkenden und demokratiefeindlichen Gruppen angemeldete Demonstration, die am selben Abend durch die Stadt zog. Über 20 der gut 30 Vereine, Organisationen und Parteien, die dem Bündnis gegen rechts und für Demokratie angehören, waren mit Info-Ständen auf der Demokratiemeile vertreten.

Die lange Liste der ganz unterschiedlichen Teilnehmer - vom Lions Club Hessischer Löwe über politische Parteien bis hin zu „Demokratie Leben!“ des Wetteraukreises, dem Ausländerbeirat Bad Nauheim und der Antifa - verlas Robert Garmeister vom „Theater Alte Feuerwache“ als erster Redner.

Spontan bat er je einen Vertreter der beteiligten Gruppen auf die Bühne, um auch „visuell deutlich zu machen, dass wir als Gesellschaft für Demokratie stehen und dies nicht anderen überlassen wollen“. Für dieses Statement gab es viel Beifall der rund 200 Besucher, darunter auch Bürgermeister Klaus Kreß und Erster Stadtrat Peter Krank.

Es herrschte reger Betrieb an den Ständen und es wurde miteinander gesprochen. „Das ist für mich erste Bürgerpflicht hierher zu kommen. Der soziale Frieden ist in Gefahr“, sagte der Wöllstädter Bernhard Heger. Dem pflichtete Wiebke Kirchner-Cherubim, stellvertretende Vorsitzende des Kunstvereins Friedberg, bei: „Man muss einfach Farbe bekennen.“ Auf der Bühne eröffnete der Chor der „Omas gegen rechts“ samt zweier Opas das Programm mit alten, umgetexteten Arbeiterliedern.

Musikalischer Höhepunkt war der Auftritt von Andi Saitenhieb aus Ober-Mörlen. Der Blues-Gitarrist spielt klassischen Blues, dem er deutsche Texte verpasst hat. Poetry-Slamer Andreas Arnold vom Heldentheater Friedberg hatte mit seinem nach wie vor hochaktuellen Beitrag „Kein Text“ vor einigen Jahren die Pegida-Bewegung thematisiert. Damit traf er genau den Nerv der Besucher..

Zwischen den musikalischen und literarischen Beiträgen verlasen Mitglieder der verschiedenen Gruppen Teile des Aufrufs des Bündnisses, den Anfang machte Manfred De Vries von der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim.

Auch die Chorgemeinschaft „HinGehört“ unterhielt die Besucher, bevor um kurz vor 20 Uhr der Demonstrationszug am Aliceplatz vorbeizog. „Geht weg“, riefen einige Teilnehmer der Demokratiemeile. Zwischenfälle gab es nicht.

Schon die Nummernschilder weisen darauf hin, dass die sogenannte Querdenken-Demo keine Bad Nauheimer Veranstaltung wird, sondern in der Kurstadt nur ihren Schauplatz hat. Viele kommen aus „GI“, „F“ oder „OF“, also aus Grünberg, Gießen oder dem Taunus und dem ganzen Rhein-Main-Gebiet auf den Parkplatz am Usa-Wellenbad. Die meisten Teilnehmer begrüßten sich wie Freunde. Einer trommelt schon mal und übt für den Rundgang durch Bad Nauheim.

So erzählt einer der Mitbegründer dieser Bewegung, dass sie kürzlich auch im Frankfurter Raum alle miteinander friedlich demonstriert hätten. Anfangs hatten sie sich ja gegen die Corona-Auflagen in diesem Land gewehrt und auch in Bad Nauheim „Freiheit, Freiheit“ skandiert. Mittlerweile, so räumt ein Teilnehmer ein, seien es fast zu viele Themen, bei denen sie mit ihren Plakaten Aufmerksamkeit entfachen wollen.

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, heißt es auf einem Transparent. Andere Demo-Teilnehmer beschweren sich über die GEZ-Gebühren, über die Gas- und Strompreise oder den Klimawahn. Dass der Krieg in der Ukraine endlich beendet wird, fordern sie, und dass Kinder nicht zwanghaft geimpft werden sollten. Mit den anwesenden Polizeibeamten stehen sie im ständigen Austausch und versichern, alle Regeln beim Gang durch Bad Nauheim einzuhalten.

Dass bei ähnlichen Veranstaltungen im Rahmen der Montagsspaziergänge in Bad Nauheim schon einige aus der Gruppe aussortiert wurden von der Polizei, weil sie unter rechtsradikalem Verdacht standen, bedauert eine Teilnehmerin. „Wir wollen uns doch nur zur Wehr setzen gegen viele unverständliche Vorgaben in diesem Staat“, sagt sie.

Ein Vater ist mit dem Kinderwagen und seinem kleinen Sohn vorgefahren und plädiert: „Unsere Kinder brauchen unseren Mut.“ Eine junge Frau tritt mit der Parole „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst“ in den Vordergrund. Und dann fordert einer: „Kinder brauchen Unbeschwertheit und Lachen“, während sich sein Mitstreiter ein „Ja zu sofortigen Friedensgesprächen“ erhofft.

Alles das, was am Tag zuvor in der Bad Nauheimer Stadtverordnentenversammlung befürchtet worden war, ist nicht zu erkennen. Alle sind freundlich gegenüber dem Pressevertreter und der Polizei und lassen an diesem Mittwoch in Bad Nauheim keine rechten Tendenzen erkennen.

Als es losgeht, weist ihr Organisator noch einmal darauf hin, die Regeln der Gesundheitsstadt einzuhalten. Mit den Trommeln solle man sich zurückhalten und auch am Aliceplatz friedlich bleiben, wo sich gerade - wie eingangs beschrieben - das „Bündnis für Demokratie“ vorstellt. har/mi

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