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Schokoladen-Glück endet

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Von: Michael Humboldt

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Wieder geht Bad Nauheim ein Stück Tradition verloren. Nach 32 Jahren schließt im Februar die Confiserie Odenkirchen. Inhaber Edgar Odenkirchen will den verdienten Ruhestand in seiner Heimatstadt Gummersbach genießen.

An einem windigen Tag im Winter 1959 kommt Vianne Rocher mit ihrer Tochter Anouk im verschlafenen Provinzstädtchen Lansquenet-sous-Tannes zwischen Toulouse und Bordeaux an. Dort mietet Vianne eine ehemalige Pâtisserie von der alten Dame Armande, baut sie in eine Chocolaterie um und verzaubert den ganzen Ort. Natürlich hat auch Edgar Odenkirchen den wunderbaren Film „Chocolat“ mit Juliette Binoche einst gesehen. „Als ich im Kino war, habe ich mich wie in meinem eigenen Leben gefühlt“, sagt er und lacht. Schließlich ist seine Biografie fast ein Spiegelbild dieser Handlung.

Vielleicht war es ja auch ein windiger Tag, als Edgar Odenkirchen im Jahr 1991 aus seinem Heimatort Gummersbach nach Bad Nauheim kam, um die damalige Confiserie Hahner zu übernehmen. „Ich war immer unterwegs und habe nach solchen Gelegenheiten geschaut. Und dann habe ich in der Kurstraße 11 dieses alteingesessene Geschäft gefunden und wusste gleich: Das ist es. Schon seit 1980 hatte ich dann gewusst, dass ich es eines Tages übernehmen darf“, erzählt er.

Bis 1997 blieb er in der Kurstraße, bevor sich für ihn die Möglichkeit ergab, die Räumlichkeiten in der Parkstraße 2 anzumieten, wo er bis heute seine Kunden mit Schokoladen-Träumen verwöhnt. Dass er im Februar sein Geschäft schließen und in den Ruhestand eintreten wird, stimme ihn natürlich traurig, betont er. „Doch aus Altersgründen ist jetzt mit 73 Jahren einfach der Zeitpunkt gekommen“, spürt Edgar Odenkirchen.

Seit über 50 Jahren arbeitet er als Konditor. Seinen Meisterbrief bekam er 1975 überreicht. In seiner Lehre hat er vor fünf Jahrzehnten auch das Rezept für den Baumkuchen entworfen, der gerade in der Weihnachtszeit wieder der Renner in der Confiserie Odenkirchen ist. „Sein Hauptbestandteil ist Ei“, verrät der Inhaber, der seine süßen Produkte nicht im Geschäft, sondern seit 1991 in der Steinfurther Straße zaubert, wo einst die Bäckerei Grell beheimatet gewesen ist. „Im Schokoladen-Hoch-und-Tiefbau-Labor in der Steinfurther Straße sind vier fleißige und geschickte Hände und zwei kreative Köpfe am Werk und lassen die Schokoladen- und Kuchenkreationen Wirklichkeit werden“, ist auf der Homepage zu lesen. So sprudeln schon morgens um halb sieben in Zusammenarbeit mit Nicole Seitz dort die Ideen für die Kunstwerke aus Schokolade, bevor Edgar Odenkirchen um 9 Uhr sein Geschäft in der Innenstadt eröffnet. Dort steht ihm seit zehn Jahren Brigitte Götzmann als fachkundige und beliebte Mitarbeiterin zur Seite.

Auch sie bescheinigt ihm natürlich den künstlerischen Touch. „Unsere Spezialitäten sind nach eigenen Rezepten hergestellte Pralinenkreationen, die man in dieser Form und Zusammensetzung nur in unserer Confiserie findet“, sagt Edgar Odenkirchen.

Ob Hochzeitstorten, Fototorten, Firmenlogos oder Leckereien mit Emblemen für Bayern-, Eintracht- oder BVB-Fans - in der Confiserie Odenkirchen bleibt kein Wunsch offen. Elvis in Süß ist der Renner, aber große Nachfrage besteht natürlich auch nach den Protagonisten des Jugendstilfestivals in Bad Nauheim. Als der King of Rock’n’Roll mit seiner Statue auf der Usa-Brücke verewigt wurde, verwandelte ihn Edgar Odenkirchen 1,20 Meter groß in Schokolade und stellte ihn als Schaustück aus. Aktuell sind die Weihnachtshäuschen aus eigener Herstellung der Renner.

Besonders beliebt sind auch Pralinen in den Variationen weiße Schokolade, Karamell oder Pistazien. „Unsere Pralinen haben 80 verschiedene Geschmacksrichtungen“, erklärt Edgar Odenkirchen. Als Juliette Binoche ihr Kino-Publikum beglückte, trumpfte sie mit einer Schokoladen-Chilli-Kreation in dem kleinen französischen Ort auf. „Mittlerweile liegt hier auch Salzkaramell im Trend“, sagt Brigitte Götzmann. Natürlich sind alle im Geschäft auch selbst Schokoladen-Fans. „Unsere Ware unterliegt einer ständigen Qualitätskontrolle“, bestätigt der Chef. Sie sei zwar lagerfähig, werde aber in kleinen Mengen produziert, immer erneuert und verspreche dadurch Frische.

Den Osterhasen, den Rudi zu Weihnachten, die Eisenbahn, den Schlitten und die Rentiere wird er vermissen, wenn er sein Geschäft schließt. Dann wird er in seine Heimatstadt zurückkehren, so wie Juliette Binoche im Film. Und Bad Nauheim wird ihn und seine süßen Träume vermissen.

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