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Riskante Hilfe in Cherson

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Immer wieder fahren die Schusters an zerbombten Wohnhäusern vorbei. RED (5) © Harald Schuchardt

Zum wiederholten Mal sind der Nieder-Mörler Gunther Schuster und seine aus der Ukraine stammende Ehefrau Tatiana unterwegs gewesen, um den dort verbliebenen Menschen zu helfen. Nun sind sie zurück von einer gefährlichen Tour.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 engagiert sich das Ehepaar Tatiana und Gunther Schuster aus Nieder-Mörlen für die Menschen in und aus der Ukraine. Mehrmals waren sie bereits unterwegs, um unter anderem gespendete Lebensmittel in die Ukraine zu bringen.

Zuletzt war das Ehepaar im Oktober in die ukrainische Heimat der Ehefrau gefahren, um die Nicht-Regierungsorganisation (NGO) „Base UA“ im Kampfgebiet zu unterstützen. Auf dem Rückweg der gefährlichen Tour nahmen sie in Kiew Olga, eine gute Freundin von Tatiana, und deren fünfjährigen Sohn Maksym mit nach Deutschland. Beide leben seitdem bei den Schusters, die viele Marktgänger in Bad Nauheim gut kennen, betreibt Gunther Schuster doch unter dem Label „Käse-Schuster“ einen Verkaufsstand und einen Internetversand.

In der vergangenen Woche war das Ehepaar sechs Tage unterwegs. Ziel war die Stadt Cherson im Südosten der Ukraine, die mehrere Monate von den Russen besetzt gewesen war. Die beiden wollten ein hochsensibles Ultraschallgerät und weiteres medizinisches Material in das dortige staatliche Krankenhaus bringen. „Die Russen haben bei ihrem Rückzug alles mitgenommen, was sie gebrauchen konnten, auch aus dem Krankenhaus“, berichtet Schuster, der beim Einsatz im Oktober Mitglieder der Berliner Hilfsorganisation Cardus kennengelernt hatte. Daran erinnerte er sich, als der Ober-Mörler Hausarzt Götz Sailer ihn fragte, ob es in der Ukraine für sein bisheriges, voll funktionsfähiges Ultraschallgerät Verwendung gebe. So kam der direkte Kontakt zum Krankenhaus in Cherson zustande.

„Dort fehlt es fast an allem, unsere Hilfe war da nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Gunther Schuster, der vor der Abfahrt erst einmal ein passendes Fahrzeug finden musste. „Das Gerät ist 1,80 Meter hoch und kann nur stehend und gut gesichert transportiert werden“, erzählt Schuster, dem schließlich ein Bad Nauheimer Autohaus einen Transporter zur Verfügung gestellt hat. Und nicht nur das: Zuvor wurde eine Inspektion gemacht, zwei zusätzliche Ersatzräder, Schneeketten, Motoröl und einiges mehr wurden dem Ehepaar kostenlos mitgegeben. „Das ganze Team hat geholfen, unsere Fahrt möglich zu machen. Sie wollten einfach nur helfen, uns unterstützen und nicht im Vordergrund stehen“, freuen sich die Schusters noch immer über das Engagement der Belegschaft des Autohauses.

SPENDEN ERBETEN

Das Ehepaar Schuster sammelt weiterhin Spenden für die Hilfsorganisation Base UK, die aktuell in der weitgehend zerstörten Stadt Bachmut mit einem 20-köpfigen Ärzteteam in einem Bunker ein mobiles Krankenhaus betreibt.

Da Auslandsüberweisungen mit relativ hohen Gebühren verbunden sind, bietet das Ehepaar Schuster an, Spenden auf ihr Konto zu überweisen. Diese werden wöchentlich in die Ukraine transferiert. Unter Angabe des Verwendungszwecks „Humanitarian Aid“ können Spenden auf das Konto von Käse-Schuster bei der Bensberger Bank in Bergisch-Gladbach, IBAN DE92 3706 2124 0300 4660 10, überwiesen werden.

»Wir garantieren , dass jeder Euro bei der Hilfsorganisation vor Ort ankommt«, sagt das Ehepaar, das auch weiterhin Medizintechnik zur Weiterleitung in die Ukraine sucht. Nähere Informationen dazu gibt es unter der Telefonnummer 0 60 32/92 07 10 oder wenn man eine E-Mail an info@kaese- schuster.de sendet. har

Am Samstag, 14. Januar, startete das Paar seine Fahrt - immerhin 3200 Kilometer pro Strecke. „In Deutschland sind wir in einer Stunde um die 100 Kilometer gefahren, in der Ukraine brauchten wir dafür drei oder vier Stunden“, erzählt Schuster. Ehefrau Tatiana ergänzt: „Die Straßen sind oft mit Schlaglöchern übersät, und die totale Dunkelheit machte uns zu schaffen. Manchmal merkten wir erst gar nicht, dass wir durch eine Ortschaft gefahren sind.“

Schlimm waren aber auch die Fahrten durch zerstörte Dörfer. „In einem Ort war kein Haus unbeschädigt. Dieses Bild geht mir nicht aus dem Kopf“, sagt Tatiana. Bei einer Übernachtung in Uman, 400 Kilometer vor Cherson entfernt, erlebte das Paar die Probleme der Menschen hautnah: Nur stundenweise Strom, keine Heizung bei Temperaturen um null Grad und die ständige Angst vor Luftangriffen.

Nach knapp drei Tagen anstrengender Fahrt erreichte das Ehepaar Cherson. Die Übergabe an die stellvertretende Krankenhausleiterin Larissa Maleta wurde schnell erledigt. „Wir wollten gleich wieder zurück, wir hörten mehrmals Artilleriefeuer“, berichtet Gunther Schuster.

Sowohl auf der Hin-, als auch auf der Rückfahrt wurde das Paar etwa 15-mal kontrolliert. Die Zollpapiere und ein Brief der Klinik wurden von allen Kontrollen akzeptiert. Auf dem Rückweg fragte ein Soldat, ob sie ihn mit in sein Dorf nehmen könnten. „Er erzählte uns, dass er drei Stunden kontrolliert, dann drei Stunden Pause hat und so weiter“, sagt Gunther Schuster, der zusammen mit seiner Ehefrau vorerst keine weitere Fahrt mehr plant.

Eines fällt seiner Ehefrau noch ein: „Der Soldat, den wir mitgenommen haben, muss in den nächsten Tagen in den Osten an die Front. Er weiß genau, dass er vielleicht nicht mehr zurückkommt, trotzdem will er für sein Land kämpfen.“

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Gunther Schuster (l.) und Götz Sailer verladen das Gerät. © Harald Schuchardt
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Die Schutzwesten und bei Tatiana ein Helm sind bei der Fahrt ein Muss. © Harald Schuchardt
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Übergabe des Ultraschallgeräts an Larissa Maleta. © Harald Schuchardt

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