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Aus verschiedenen Ländern angereist: Treffen der Familie Loeser 1955 in Stockholm.

Bad Nauheim

Bad Nauheims jüdische Geschichte

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Hanno Müllers akribisch genaue Dokumentation über jüdische Bürger und Kurgäste in der Stadt bis 1942 ist jetzt erschienen.

Hanno Müller aus Fernwald lässt fast nichts aus, wenn es um die Dokumentation erloschenen jüdischen Lebens geht. „Juden und jüdische Kurgäste in Bad Nauheim und Steinfurt“ lautet der Titel seiner jüngsten Publikation. Als Koautor hatte er den Orientalist Lothar Tetzner, Neu-Isenburg, ein profunder Kenner der jüdischen Handschrift. Er übersetzte nicht nur Brief, sondern auch Inschriften auf Grabsteinen.

Das mehr als 460 Seiten starke Werk, dessen Produktion von der Ernst-Ludwig-Chambre-Stiftung finanziert wurde, beschreibt jüdische Familien und die Beziehungen untereinander, skizziert Werdegänge und Berufe, nennt Adressen und vermittelt so ein Bild davon, welche tragende Bedeutung die Juden für Bad Nauheim hatten, die seit dem frühen 14. Jahrhundert dort siedelten.

Die Autoren geben zudem über mehr als 350 jüdischen Gäste Auskunft, die hier während ihrer Kur starben. Beleuchtet werden die Jahre von 1829 bis 1942, bis zur Deportation der Bad Nauheimer und Steinfurther Juden.

Viele der Verstorbenen in Bad Nauheim beigesetzt

Juden in Bad Nauheim und Steinfurth

Die 1929 im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaute Synagoge steht in der Karlstraße. In der Pogromnacht, 9. November 1938, wurde sie teilweise zerstört.

Rund 340 Gläubige (Stand 2006) in der Stadt und aus dem Umland nutzen heute das Gotteshaus.

Bis Oktober 1942 lebten noch 350 Juden in der Stadt, 278 wurden von den Nazis ermordet. An die NS-Opfer erinnert ein Holocaust-Mahnmal im Kurpark. sun

Im Vorwort wird der Nutzer früh darauf hingewiesen, dass es sich nicht um ein Lesebuch, sondern um ein Nachschlagwerk handelt. Dennoch ist die Publikation keineswegs Literatur allein für Historiker. Das Leben von mehr als 1200 Einzelpersonen und Familien beschreibt Müller, je nach Datenlage von ein, zwei knappen Zeilen bis zu fast einer halben Seite. Mal als sachliche Notiz wie über Karoline Grombacher: „Sie war Oberin im Israelitischen Männerheim, Frankfurter Straße 58“, mal persönlich wie bei Francis Groedel, die einst in der Terrassenstraße 4 wohnte, wo sie 1935 im Alter von 26 Jahren wegzog, zunächst an eine unbekannten Ort. Noch im gleichen Jahr fand man ihre Leiche. Groedel beging „in Hamburg-Elmshorn aus Liebeskummer Suicid“.

In ähnlicher Weise rekonstruiert Müller die Vita verstorbener jüdischer Kurgäste. Die Gebrechen der Patienten und die Todesursachen gehen offenbar aus den sachlich verfassten Akten nicht hervor. So heißt es etwa bei Emil Weiß, einem Kaufmann aus Pardubitz in Böhmen: Er „...starb im Alter von 54 Jahren nachmittags um 14.30 Uhr im Hotel des Hans Dutschmann, der den Tod meldete.“ Viele der Verstorbenen sind auf dem jüdischen Friedhof in Bad Nauheim beigesetzt worden. Tetzner entzifferte nicht nur dort die in Hebräisch, aber auch in anderen Sprechen eingemeißelten Inschriften, sondern auch der Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof im heutigen Stadtteil Steinfurth, dort stehen jedoch nur noch vier.

Bad Nauheim: Jüdisches Leben wie aus Puzzleteilen zusammengesetzt

Müller nutzte für seine Recherchen etwa neben dem Stadtarchiv Personenregister (Judenmartikel), Adressbücher, Brandkataster zur von Hausbesitzern und seinerzeit erschienene Blätter wie „Wetterauer Anzeiger“ und „Bad Nauheimer Zeitung“. Letztere bilden auch die Quelle für die vielen Familienanzeigen und gewerblichen Annoncen, die als Faksimiles zu sehen sind. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Fotografien von Personen.

Mit dem Werk wird das jüdischen Leben in Bad Nauheim wie aus Puzzleteilen zusammengesetzt. Sogar ein alter Stadtplan ist dem Buch beifügt, um die genannten Adressen zu lokalisieren. Das in dem Familienbuch Lücken bleiben, liegt vermutlich an der unvollständigen Datenlage. Beeindruckend sind überdies der Bericht von Lehrer Siegfried Oppenheim über seine Deportation nach Buchenwald sowie die Chroniken zu den Familien Loeser und Wohlgeruch. Sie berichten über die Verfolgung durch die Nazis und das Leben nach dem Krieg.

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