Bad Nauheim

Jugendstilfestival Bad Nauheim: Schöne Künste aus der alten Zeit

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Das Jugendstilfestival im Sprudelhof in Bad Nauheim lockt viele Besucher. An einigen Stellen des Festivalortes zeigt sich: Manches kommt auch wieder.

In der Luft liegen die Töne eines Streichquartetts, von Kindern bemalte Stofftaschen tanzen auf einer Leine im sommerlichen Wind, in den Kolonnaden herrscht ein reges Treiben. Man flaniert Standmeter um Standmeter ab, begutachtet Waren, kommt mit den Anbietern in ein unverbindliches Gespräch. Dort wie auch in einigen Badehäusern werden Handwerker bewundert, die etwa einem Stuhl eine neue Sitzfläche flechten oder säuberlich restaurierte Büfettschränke und Salonsitzmöbel zum Verkauf vorstellen. Vereinzelt fragen Besucher die Handwerker nach einer Visitenkarte. Am Wochenende stand der Sprudelhof zum 14. Mal im Zeichen des Jugendstilfestivals. Der Ort ist heute selbst ein Museum aus dieser Epoche.

„Ich fahre jeden Tag hier vorbei und bin immer fasziniert von den Ensemble“, sagt der Mann, der mit seinen Begleitern die Räumlichkeiten erkundet. Es sind vor allem die Badehäuser mit ihren Badezellen. In einige dieser Zellen sind in der Zeit, als der Sprudelhof nach dem Krieg nicht mehr die mondäne Kurstätte war, sondern auch zum Rehabilitationsort für Kassenpatienten wurden, Edelstahlwannen eingelassen worden. In einer der Zellen fehlt das Behältnis, der rechteckige Ausschnitt im Boden gibt den Blick in die Katakomben der Kuranlage frei. „Bald wird sich ja hier was tun“, sagt der Mann in Anspielung auf den Bau der neuen Therme.

Nicht nur verschiedene Möbelrestauratoren, darunter sogar einer aus Ungarn, präsentierten den Jugendstil sowie seine Vorliebe für Arabesken und zurückhaltenden Opulenz. Mit dem Jugendstil kam auch das Fahrrad als erstes Massenverkehrsmittel und Sportgerät auf. Der Radfahrer-Verein Groß-Gerau wartet mit einer Auswahl auf Schaulustigen. Probefahrten sind zwar nicht drin, aber Fachgespräche gerne. „Fehlt bei dem Rennrad nicht die Vorderradbremse?“, fragt ein Mann Udo Kühnel. „Nein, das Rad hat einen Rücktritt“, antwortet der Vorsitzende. Außerdem sei es kein Rennrad, sondern ein Halbrenner, was man am halb gebogen Lenkerbügel erkenne.

Manches kommt auch wieder

„Der Verein, den es erst seit fünf Jahren wieder gibt, restauriert historische Räder“, sagt Kühnel. Mit Ausnahme des Hochrades. „Das habe ich mit meinem Sohn gebaut. Für so etwas gibt es heute keine Teile mehr“, so Kühnel. Da man vom Hochrad schnell stürzte, verschwand es zudem ziemlich schnell vom Markt.

An einigen Stellen des Festivalortes zeigt sich: Manches kommt auch wieder. Anders als Kühnel steht Stefan Vaupel nicht in historischen Kleidungen, sondern in Arbeitsschürze und grünen Gummihandschuhen an seinem Stand, der von großen Fotoapparaten markiert wird, die zwischen Objektiv und Gehäusen einen schwarzen Ziehharmonikabalg tragen. Vaupel bietet wie vor 120 Jahren Nassplatten-Fotografien. Der Porträtierte sitzt auf einem Bistrostuhl aus jener Zeit, der Kopf wird an zwei Metallfinger gelehnt, um ihn für die ein, zwei Sekunden Belichtung zu fixieren. „Wenn die Glasplatte mit Kollodium und Silbernitrat benetzt ist, muss es schnell gehen“, sagt Vaupel. Ein paar Minuten bleiben ihm, um die bis zu DIN-A4-große Scheibe in die Kamera zu schieben, zu belichten und dann das Negativ zu entwickeln, so der Bad Nauheimer, der diese Aufnahmetechnik als Amateur in einem eigenen Studio zur einer kunstvollen Fotografie betreibt.

Allein die klobigen Kameras wären für Hobbyfotograf Gerd Schäfer kein Grund, in der Zeit den Jugendstils leben zu wollen. „Ich bin jedes Jahr hier und auch auf anderen historischen Veranstaltungen“, erzählt der Mann in althergebrachter Kleidung und mit großer Digitalkamera in der Hand. „Die Zeit des Jugendstils wäre auch für mich nichts, aber die Zimmer waren schön eingerichtet. Es war doch der letzte große Kunststil“, sagt eine der drei Frauen, die in Kostümen auf Schäfers Anfrage für ein Foto posen.

„Wir sind alle Eklektiker“, sagt eine andere aus dem Trio und lacht.

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