Justiz

Mordversuch in Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik mit Schlafmittel

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen eine Krankenschwester in Bad Nauheim. Sie soll Plätzchen und Kaffee für einen Kollegen mit einer Überdosis des Medikaments vermischt haben.

Von Bernd Klühs

Eine Krankenschwester der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik soll Arbeitskollegen mit Schlafmitteln vergiftet haben, die in Plätzchen und Kaffee gemischt waren. Die Staatsanwaltschaft Gießen hat die Frau, die alle Vorwürfe abstreitet, wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Sie sitzt seit Ende September in Untersuchungshaft.

Seit September 2017 waren einige Mitarbeiter des Harvey-Gefäßzentrums der Kerckhoff-Klinik verunsichert und besorgt. Die Staatsanwaltschaft Gießen bestätigt Informationen, wonach damals plötzlich zwei Mitarbeiter unter Schwindel litten und bewusstlos wurden. Im selben Monat ein zweiter Vorfall: Wieder fielen zwei Beschäftigte in Ohnmacht. „Eine Person geriet vorübergehend in Lebensgefahr“, sagt Rouven Spieler, stellvertretender Pressesprecher der Ermittlungsbehörde.

Wie Untersuchungen zeigten, war eine Überdosis an benzodiazepinhaltigen Schlafmitteln Ursache der extremen gesundheitlichen Probleme. Strafanzeigen wurden erstattet, die Kriminalpolizei nahm Ermittlungen auf. Ergebnis: Eine große Menge des Medikaments war Plätzchen und Kaffee beigemischt. Die Opfer hatten diese Lebensmittel zu sich genommen.

Der Kripo gelang es im Herbst 2017 nicht, die Vorfälle aufzuklären. Nach dem vorläufigen Abschluss der Polizeiaktion kehrte in der Klinik für etwa eineinhalb Jahre Ruhe ein, es kam zu keinen ähnlichen Vorkommnissen.

Dienstpläne der Station analysiert

Mitte März 2019 trat der nächste Fall von Medikamenten-Vergiftung auf, erneut waren Kaffee und Plätzchen mit Schlafmittel versetzt. Nur durch einen glücklichen Zufall sei das Opfer nicht in Lebensgefahr geraten. Laut Spieler gingen die Polizisten in allen drei Fälle vom selben Täter aus. „Dadurch verengte sich der Kreis möglicher Täter, es ergab sich ein Anfangsverdacht gegen die Angeschuldigte“, sagt der stellvertretende Pressesprecher. Zuvor waren die Dienstpläne der Station analysiert worden. Wie sich dabei zeigte, hatte die verdächtige Krankenschwester zum Zeitpunkt der Anschläge jeweils Dienst.

Nächster Schritt war eine Wohnungsdurchsuchung. Spieler zufolge lag im Hausmüll die Verpackung eines benzodiazepinhaltigen Schlafmittels, das aus der Klinik stammte. Zudem fanden Mitarbeiter der Spurensicherung in einem Mixer Rückstände des Medikaments. In dem Küchengerät könnte dem Plätzchenteig das Schlafmittel beigemischt worden sein. Allerdings habe die Staatsanwaltschaft keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie das Schlafmittel Kaffee und Gebäck beigefügt worden ist. Nicht eindeutig geklärt sei auch, wo das Schlafmittel beigemischt wurde – in der Wohnung oder am Arbeitsplatz.

Ende September wurde die Frau verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. „Die Staatsanwaltschaft Gießen hat Ende Oktober Anklage wegen dreier Fälle von gefährlicher Körperverletzung erhoben, in einem Fall in Tateinheit mit versuchtem Mord“, sagt Spieler. Der Vorwurf des versuchten Mords bezieht sich auf die Tat im März dieses Jahres. Weil 2017 eines der Opfer in Lebensgefahr geschwebt hatte, sei der Beschuldigten bewusst gewesen, „wie gefährlich ihr Treiben ist“.

Krankenschwester streitet alle Vorwürfe ab

Die inhaftierte Krankenschwester, seit den 80er Jahren in der William-Harvey-Klinik tätig, die seit 2014 zur Kerckhoff-Klinik gehört, streitet alle Vorwürfe ab. Laut Spieler gibt es keine belastbaren Hinweise auf ein bestimmtes Tatmotiv. Trotzdem glaubt die Ermittlungsbehörde genügend Indizien gesammelt zu haben, um Anklage erheben zu können.

Zu Informationen, wonach die Frau psychische Probleme haben soll und sich deshalb in Behandlung befand, wollten sich weder Staatsanwaltschaft noch Klinikleitung äußern. Spieler: „Wie grundsätzlich in jedem Strafverfahren wegen des Verdachts eines vorsätzlichen Tötungsdelikts wird die Angeschuldigte psychiatrisch begutachtet.“

Die Leitung der Kerckhoff-Klinik arbeitet nach Angaben von Pressesprecherin Christiane Brandt eng mit der Gießener Ermittlungsbehörde zusammen. Wegen des laufenden Verfahrens und aus Datenschutzgründen macht die Klinik keine näheren Angaben. Die Opfer der Giftanschläge sind laut Brandt alle wieder vollständig genesen.

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