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Literatur für die „Lesekur“

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Von: Sabrina Dämon

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Dr. Jasmin Behrouzi-Rühl ist in ihrem Bad Nauheimer Zuhause umgeben von Hunderten Büchern. Zu manchen von ihnen hat sie Vorträge gestaltet - über den Text an sich, dessen Autor, die zeitlichen Hintergründe. Nun hat sie daraus Podcasts gemacht und veröffentlicht alle zwei Wochen einen neuen Teil. Die nächste Folge dreht sich um Thomas Manns »Herr und Hund«. © Sabrina Dämon

Bad Nauheim - Jasmin Behrouzi-Rühl war bestens vorbereitet - aber dennoch fürchterlich aufgeregt. Mit dabei hatte sie einen ausgearbeiteten Vortrag über das „Decamerone“, einer Novellensammlung von Giovanni Boccaccio. Es war ihr erster Literaturkreis im Parkstift Aeskulap. Nun, viele Jahre und Vorträge später, hat die Bad Nauheimer Germanistin die Vorträge wieder hervorgeholt - und einen Podcast entwickelt.

Was ihr Literatur bedeutet? Jasmin Behrouzi-Rühl überlegt kurz, dann lacht sie. „Beinahe hätte ich gesagt: ,alles‘.“ Sie steht auf, geht zu einem der vielen Bücherregale und holt ein Notizbüchlein. Darin, sagt sie, hat sie Gedanken über Literatur notiert. Sie blättert, schlägt eine Seite auf und liest: „Literatur lässt einen das eigene Bewusstsein verlassen. Man kann in ein anderes Zeitalter, eine andere Figur oder in eine andere Kultur eintauchen.“ Ihr Bad Nauheimer Zuhause ist voll mit solchen Literatur-Welten - zwischen Hunderten Buchdeckeln stecken Geschichten aus anderen Zeiten, Kulturen, von nahen, fernen und fiktiven Orten. Die vielen Regale stehen voller Romane, Sachbücher, Dramen. Geordnet nach Autoren, Nationen, Genre. Und nach Arbeitslektüre. Jasmin Behrouzi-Rühl ist Germanistin. Sie arbeitet im Freien Deutschen Hochstift, das unter anderem das Frankfurter Goethe-Haus betreut. Daneben (und vor allem bevor) sie die Stelle bekommen hat, hielt sie literarische Vorträge. „Die Vorträge, eine Mischung aus Lesung und Interpretation, Erläuterung und Einordnung, waren ein wichtiger Teil meines Erwerbslebens.“

Sie stehen in schriftlicher Form in Ordnern. 97 Vorträge sind es. Jasmin Behrouzi-Rühl hat sie alle gehalten. Zu Irmgard Keuns „Gigli“, zu Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“, zu Stefan Zweigs „Die Frau und die Landschaft“.

Mit Corona sind die Vorträge jedoch weggefallen. Dadurch aber (und im Gespräch mit einer Freundin) kam der Germanistin die Idee, aus den Vorträgen Podcasts zu machen. Der Name: „Lesekuren“. Jasmin Behrouzi-Rühl spricht die Vorträge ein und stellt sie ins Internet. Im März 2021 ging die erste Folge (zu der Schriftstellerin Ruth Landshoff-Yorck) online. Inzwischen gibt es über 40 Folgen. Zu finden sind die Podcasts auf Jasmin Behrouzi-Rühls Web-Seite. Von dort werden sie in Podcast-Portale eingespeist (Spotify, Google Podcast, Apple…).

NEUE FOLGEN

Dass Jasmin Behrouzi-Rühl ihre Vorträge einsprechen und ins Internet stellen kann, verdankt sie der Hilfe einer Freundin: „Meine Freundin Katharina Hoheisel hat mich ermutigt, mir zu einem guten Mikrofon verholfen, hat die Web-Seite gestaltet, alle technischen Voraussetzungen geschaffen, schneidet jede Folge und setzt sie ins Netz.“

Alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge. Den Podcast kann jeder kostenfrei im Internet hören (zum Beispiel unter www.lesekuren.de).

Die Zahl der Hörerinnen und Hörer sei nicht leicht zu ermitteln. „Man muss auf allen Portalen einzeln nachschauen. Ich komme sicher auf rund 500 im Monat mit stetig ansteigender Tendenz, insgesamt über 2500.“ sda

„Ich wähle Literatur aus, die guttut, die kunstvoll und vielschichtig ist, keineswegs den Ernst des Lebens leugnet, aber dennoch einen positiven Ansatz hat“, sagt sie. Zu jedem Thema gibt es zwei Folgen mit einer Dauer von jeweils 30 bis 45 Minuten.

Der Name, „Lesekuren“, ist etwas älter als der Podcast. Die erste „Lesekur“ fand im Fürstenbad des Sprudelhofs statt. Weil es so gut gepasst hat - „Bad Nauheim als Kurort war von vielen Russen besucht worden, auch von der Zarenfamilie“ - wählte sie die Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“ von Anton Tschechow. „Ich dachte lange über einen Namen nach. Denn tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass wir uns mit Literatur ,kurieren‘ können, dass wir uns etwas Gutes damit tun, innezuhalten und uns mit etwas Kunstvollem zu befassen, mit etwas, was nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick völlig klar ist“, sagt sie. „Literatur wirkt in uns, erweckt Bilder, verbindet sich mit unserem Innern und kann uns helfen, eigene Lebensfragen zu wecken und vielleicht ein bisschen dem Rätsel, das das Leben ist, näherzukommen…“ Der Namensvorschlag kam letztlich von ihrem Mann Andreas Rühl - „wir leben in einer Kurstadt, deswegen ,Lesekuren‘.“ Er hat das Copyright, sagt Jasmin Behrouzi-Rühl lächelnd. „Zum Dank habe ich eine seiner Erzählungen ,verwurstet‘: ,Der Engel des Herrn. Eine Weihnachtsgeschichte‘.“

Entstanden sind die Vorträge für die „Lesekuren“, wenn auch damals noch ohne Namen, viel früher. Seit 2006 gab die Germanistin Literaturkreise im Bad Nauheimer Parkstift Aeskulap. Zu Beginn zehn bis zwölf im Jahr, später weniger. „Ich war am Anfang sehr aufgeregt“, erzählt sie. „Pro Vortrag habe ich mich Hunderte Stunden vorbereitet.“

Das wird schnell klar beim Hören der Podcasts: Neben den Leseteilen erzählt sie Hintergründe zu Werk, Autor und Epoche, streut Anekdoten ein. „Die vielen positiven Rückmeldungen haben mich geradezu beglückt.“ Gleichzeitig - das hört man jedem Teil an - macht es der Germanistin große Freude, sich diesen Themen zu widmen. „Wenn ich Texte und Autoren vermitteln darf, kann und muss ich mich einlesen und nachdenken. Dann kann ich dem Text ein wenig mehr auf den Grund gehen. Das macht geradezu höllischen Spaß.“

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