1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wetterau
  4. Bad Nauheim

Kita kündigt Sechsjährigem

Erstellt:

Von: Jürgen Wagner

Kommentare

jw_kita2_091222_4c_1
Die Bad Nauheimer Waldorf-Kita im Taubenbaum beherbergt auch zwei Naturgruppen, die hinterm Haus in einem Garten spielen. nici Merz © Nicole Merz

Gekündigt, vom einen Tag auf den anderen: Das kennt man von US-amerikanischen Internet-Unternehmen, aber von einem Kindergarten? Susan Cardona und ihr Mann Gregor Nebhuth-Cardona waren wie vor den Kopf gestoßen, als sie das hörten: Ihr Sohn Carlo darf die Waldorf-Kita in Bad Nauheim nicht mehr besuchen. Angeblich stört er. Hat die Kita erzieherisch kapituliert?

„In unseren Kindergartengruppen steht das Kind mit seinem Spiel im Mittelpunkt. Das Spiel ist die Arbeit des Kindes“, liest man auf der Internetseite der Waldorf-Kita Bad Nauheim. Offenbar hat der sechsjährige Carlo keine gute „Arbeit“ abgeliefert. Ihm, genauer gesagt seinen Eltern, wurde gekündigt. „Am besten gleich ab morgen“, hieß es, als die Eltern ungläubig nachfragten. „Das war ein Rausschmiss“, sagt Susan Cardona. Ihr Mann Gregor Nebhuth-Cardona kritisiert eine „elitäre Haltung“ der Kita-Verantwortlichen. „Sie werben für ihre tolle Kita, schmieren einem aber nur Honig ums Maul.“

Das Ehepaar ist verärgert, enttäuscht und kann nicht verstehen, was da mit ihnen geschah. Dabei fing alles doch so gut an. Die Familie zog von Bad Nauheim nach Ober-Mörlen. Also musste das jüngste von drei Kindern, Carlo, die kommunale Kita am Hochwald verlassen.

Die Eltern machten sich kundig, informierten sich über die Waldorf-Kita und waren froh, dass ihr Sohn dort einen Kita-Platz für das letzte Jahr vor der Schule bekommt. Noch dazu in einer von zwei Naturgruppen, was heißt: draußen spielen, in der Natur, oder, bei schlechtem Wetter, im Bauwagen. An Kennenlerntagen schnupperten Carlo und die Eltern in den Kita-Betrieb rein. Der Vater half mit anderen Eltern beim Bau eines Holzturms. „Unser Sohn war dabei. Er hat sich wohlgefühlt, war wohl ein wenig wild, wie Kinder halt sind. Probleme gab es keine.“ Die Rückmeldung seitens der Erzieher habe gelautet: „Das kriegen wir hin, das ist unser täglich Brot.“

DAS SAGT DIE KITA-LEITUNG

Hat die Waldorf-Kita in Bad Nauheim vor der Erziehungsaufgabe kapituliert? Nein, sagen Geschäftsführerin Annette Kunzfeld und Kita-Leiterin Anna Bethmann. So würden sie das nicht beschreiben. Es gehe um eine Abwägung zwischen Individuum und Gruppe. „Das Kind benötigt eine 1:1-Betreuung“, sagt Bethmann. Carlo sei ihnen von den Eltern aber nicht als Integrationskind vorgestellt worden.

Integrationskräfte seien nur maximal drei Stunden pro Tag im Einsatz. Die Waldorf-Pädagogik verlange ein „Mitgehen der Eltern“. Offenbar soll dies nicht der Fall gewesen sein - obgleich Kunzfeld und Bethmann bestätigen, dass die Eltern „sehr engagiert“ gewesen seien und der Vater beim Aufbau eines Holzturms half.

Zur gewünschten „Erziehungspartnerschaft“ kam es aber trotzdem nicht. Carlo sei in eine der beiden Naturgruppen aufgenommen worden, berichten Kunzfeld und Bethmann. Bis zu 40 Kinder spielen auf einem großen Außengelände hinter der Waldorfschule. Es gibt Bauwagen, eine Jurte, einen Garten, Kletter- und Spielmöglichkeiten. Ein kleines Paradies, aus dem ein Kind vertrieben wurde.

Vor dem letzten Gespräch mit den Eltern habe man auf eine gemeinsame Lösung gehofft, sagt Kunzfeld. Man habe auch einen Gruppenwechsel überlegt. Die Idee der Kündigung habe zwar im Raum gestanden, man habe Eltern und Kind aber noch eine Chance geben wollen. jw

Was die Eltern übersehen oder einfach nicht beachtet hatten, ist eine im Kita-Vertrag festgeschriebene Probezeit von sechs Wochen. In kommunalen Kitas gibt es das nicht, in privaten Einrichtungen wie den Waldorf-Schulen und -Kitas aber schon. Als die Eltern nach fünf Wochen zum Gespräch gebeten wurden, dachten sie daher an alles, nur nicht an eine Kündigung. Zumal es mehrere Gespräche und Telefonate in den Wochen zuvor (in denen aufgrund von Personalmangel eine Kita-Woche ausgefallen sei) gegeben habe.

Rund 40 Minuten habe man miteinander gesprochen, ohne dass das Erziehungspersonal explizit habe sagen können, welche Probleme es genau mit Carlo gebe. Irgendwann habe sie gefragt: „Soll das hier die Kündigung sein?“, erzählt Susan Cardona. Alle anderen im Raum hätten zunächst verschämt zu Boden geschaut, dann habe eine Erzieherin dies bejaht. „Das war kein lösungsorientiertes Gespräch“, sagt die Mutter, die selbst Pädagogin ist und an der Singberschule in Wölfersheim unterrichtet. „Wir haben nach einem Beobachtungsprotokoll gefragt. Das gab es nicht.“ Die Eltern wollten vor allem wissen, warum ihr Sohn nicht mehr die Kita besuchen darf. „Da kam nicht viel“, sagt der Vater. Von „Ungehorsam“ sei die Rede gewesen, davon, dass er beim Essen aufgestanden sei und dass er einen Stock durch den Garten geworfen habe. Einmal soll er sich geweigert haben, von einem Holzturm herabzusteigen. Driftige Gründe, um ein Kind auszuschließen? Den Schluss, dass die Entscheidung, den Eltern zu kündigen, schon vor dem Gespräch feststand, entnehmen sie Eltern der Aussage eines Erziehers: Wenn Carlo am folgenden Tag wieder in die Kita komme, würden sie alle nicht zum Dienst erscheinen.

Ja, sagen die Eltern, ihr Kind sei „wild, stark, sehr lebendig, er ist eben ein Kind.“ Ein Kind, über das die Waldorf-Pädagogen geäußert hätten: „Er wird seinen Weg gehen, aber nicht hier.“ Davon sind jetzt auch die Eltern überzeugt. Carlo besucht eine kommunale Kita in Wölfersheim. Probleme gebe es dort keine, sie habe mehrfach nachgefragt, sagt Susan Cardona. Für die Eltern rätselhaft, warum die Waldorf-Kita eine 1:1-Betreuung für ihren Sohn gefordert habe.

Auch interessant

Kommentare