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Futtern, fliegen, faulenzen

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Unmissverständlich: „Das ist meins“, scheint Lannerfalke Lucky anzudeuten, als er seine Beute auf dem Federspiel in Besitz nimmt. von Prosch (2) © Hanna von Prosch

Bad Nauheim - Was machen die Vögel im Winter? Frieren sie? Müssen die Greifvogelfreunde immer da sein? Das sind Fragen, die nicht nur Kinder bewegen. Beim Besuch im Bad Nauheimer Greifvogellehrpark geben Ernst Marscheck und Stefan Zwätz Antworten.

Es ist der zweite Winter der Greifvogelfreunde im Bad Nauheimer Goldsteinpark. Ernst Marscheck und Stefan Zwätz sitzen trotz eines Öfchens mit Jacken im Vereinshaus. Draußen ist der erste Schnee gefallen. Die achtjährige Mia, Tochter von Vereinsschriftführerin Zoe Mack, kehrt die Stangen frei, damit sich die Vögel nicht verletzen können, wenn das Wasser friert.„Es gibt immer was zu tun, das Geschüh muss repariert werden“, sagt Zwätz und zeigt den Lederflecken mit den dicken Kunststoffkordeln, die an die Füße der Greifvögel gebunden werden. Damit kann der Falkner die Tiere auf der Hand festhalten und man kann beim Flug erkennen, dass sie keine Wildvögel sind.

Von etwa 8 bis 16 Uhr sind jeden Tag mindestens zwei Verantwortliche da. Zwischen 11 und 13 Uhr bekommen die Vögel ihr Futter. „Vor allem aber nutzen wir die Winterzeit für das Freiflugtraining“, sagt Marscheck und ist richtig stolz, dass jetzt alle acht zurzeit im Goldstein beheimateten Vögel fliegen. Bei ihm zu Hause in Wisselsheim überwintern der europäische Uhu Luggi und die beiden Wüstenbussarde Lena und Sida, denn für sie fehlen noch Unterstände im Park.

Heute dürfen Sakerfalke Mia und Lannerfalke Lucky fliegen. „Mia hat schon die Tasche gesehen und macht sich bereit“, sagt Zwätz und lacht. Er geht mit ihr auf die Fläche hinter dem Parkplatz, hält den Arm in die Luft und lässt sie los. In kleinen Kreisen fliegt Mia zum Holzgeländer oder zu einem der jungen Bäume und kommt auf Ruf wieder zurück. Dann gibt es eine Küken-Belohnung aus der Tasche. Das Flugtraining ist wichtig, damit die Greifvögel ihre Umgebung kennenlernen und wissen, wohin sie zurückfliegen müssen. „Die Vögel kommen ja nicht, weil sie uns mögen, sondern weil sie Hunger haben“, erklärt Zwätz.

ÖFFNUNGSZEITEN

Der Greifvogellehrpark hat im Winter nur am Wochenende von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Der Besuch im vergangenen Jahr war laut Vereinsvorstand Stefan Zwätz sehr gut. Die Anfragen von Kitas und Schulen wird der Verein 2023 allerdings auf zwei pro Vormittage beschränken, damit für die Vögel kein Stress entsteht. Nach wie vor freuen sich die Greifvogelfreunde auf weitere Mitglieder. hms

Die Belohnung ist ein Teil der täglichen Futterration. Greifvögel sind Fleischfresser. Aber die Vögel aus Handaufzucht, wie die im Vogelpark, dürfen nur Futter aus Brütereien bekommen, also Eintagsküken oder Mäuse. Manchmal bringen Jäger auch einen überfahrenen Hasen. 300 bis 400 Gramm am Tag frisst ein Adler, die kleinen Vögel natürlich weniger. „Im Winter brauchen sie nicht so viel Energie, deswegen ist auch das Flugtraining bei Kälte effizienter. Die werden sonst zu träge“, erläutert Marscheck und schmunzelt. Er kennt jeden einzelnen seiner gefiederten Pappenheimer.

Während Mia ihre Kreise immer weiter zieht, wird Lucky auf der Hand von Ernst Marscheck zunehmend unruhiger und protestiert lautstark. „Er will endlich los, darf aber nicht, weil zwei Vögel gleichzeitig in der Luft sich als Fresskonkurrenz empfinden könnten“, erklärt er. Und prompt passiert ein Angriff: Stefan Zwätz hält Mia fest auf der Hand und will sie zurückbringen, während Lucky schon abgehoben hat. Im Tiefflug fegt der Lannerfalke an Zwätz’ Kopf vorbei, verpasst ihm einen Schlag. Er hat Mühe genug, die kleine Mia zu schützen.

Lucky gibt auf, landet in seiner Tanne und wartet, bis der Falkner mit dem Federspiel winkt. Das Federspiel ist eine lederne gepolsterte Vogelattrappe, auf die Futter geklemmt wird. „Wenn der Vogel zur Jagd abgerichtet werden soll, kommen unter die Lederlasche noch Federn des gewünschten Beutevogels“, erklärt Marscheck. Er zieht das Federspiel immer wieder weg, beobachtet aber genau, ob der Vogel müde wird oder frustriert ist. Futter ist schließlich Motivation zum Flug.

Währenddessen sitzt Uhu-Dame Emma aufgeplustert in ihrer Voliere, geduldig wie immer. Wenn es kalt ist, pumpen Vögel mehr Luft in ihr Federkleid, um sich zu wärmen, oder sie zittern sich auch warm. Erkälten könnten sie sich eigentlich nicht, erklärt Marscheck, schon gar nicht würden sie von Menschen angesteckt. In den Nächten schlafen sie wie immer geschützt in ihrem Unterstand. Winterzeit ist also Ruhezeit. Alle haben sich inzwischen so gut eingewöhnt, dass, wenn im Frühjahr die Gäste kommen, sie auch ihre Flugübungen zeigen können.

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